Nach schwedischem Vorbild entstanden: Freilichtmuseum in Rožnov pod Radhoštěm

Freilichtmuseum in Rožnov pod Radhoštěm

Die kleine malerische Stadt am Fluss Bečva im Tal am Fuße des mythischen mährischen Bergs Radhošt war im 19. Jahrhundert ein beliebter Luftkurort. Heutzutage hat Rožnov pod Radhoštěm etwa 17.000 Einwohner und ist vor allem durch das Freilichtmuseum bekannt, das das älteste Museum dieser Art in Mitteleuropa ist.

Jährlich besichtigen etwa 300.000 Besucher das Freilichtmuseum in Rožnov pod Radhoštěm. Die Mitarbeiter des Museums bemühen sich, den Wunsch der Begründer zu erfüllen, dass das Museum ständig lebendig sein soll. Am ältesten ist das Museumsareal des so genannten „hölzernen Städtchens“, das 1925 eröffnet wurde. Am größten ist dagegen das „walachische Dorf“, das auf einem Hügel platziert ist und an die winzigen Dörfer am Fuße der Beskiden erinnert. Eröffnet wurde es 1972. Zehn Jahre später kam noch Mlýnská dolina / das Mühlental mit seinen historischen mit Wasser getriebenen Maschinen hinzu. In der Sommersaison, vom Mai bis zum September, werden an Wochenenden zahlreiche Folklorefestivals im Museum veranstaltet.

Bei der Gründung des Freilichtmuseums entstand das so genannte „hölzerne Städtchen“. Das in einem großen Park installierte Städtchen zeigt das Leben in einer Kleinstadt im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf die Idee, das Areal in der Natur zu errichten, kamen die künstlerisch begabten Gebrüder Jaroněk, erzählt die Mitarbeiterin des Museums Kateřina Nováková.

„Alois Jaroněk reiste 1909 nach Schweden. Dort gab es seit 1891 das ´Skansen´ - also das erste Freilichtmuseum auf der Welt. Stark beeindruckt kehrte er nach Mähren zurück. 1911 wurde in Rožnov pod Radhoštěm der Museumsverein gegründet, dessen Aufgabe es vor allem war, die Holzbauten, die ursprünglich auf dem Marktplatz standen, in den Stadtpark zu übertragen und sie damit retten. 1925 wurde die Holzstadt feierlich eröffnet. Damals standen hier nur das Rathaus, das aus dem Jahr 1770 stammte und das noch etwas ältere Bill-Haus. Drei Jahre später kam das Gebäude des Gasthauses ´U Vašků´ hinzu, das im 16. Jahrhundert erbaut wurde.“

Freilichtmuseum in Rožnov pod Radhoštěm
Das andere Gasthaus, das jedoch viel später im Stadtpark platziert wurde, heißt „Auf dem letzten Groschen“. Es handelt sich aber nur um eine Kopie des letzten Holzgebäudes, das noch bis 1969 auf dem Marktplatz in Rožnov pod Radhoštěm stand. Als man versuchte, das Haus ins Museum zu übertragen, stellte man fest, dass das Holz schon stark beschädigt war. Das Haus konnte nicht mehr transportiert werden, und aus dem Grund wurde eine Kopie des Hauses im Stadtpark erbaut. Die Führung durch das Holzstädtchen beginnt bei der Vogtei, die jedoch nicht aus Rožnov stammt:

Freilichtmuseum in Rožnov pod Radhoštěm  (Foto: Archiv Radio Prag)
„Es ist eine Kopie der Vogtei aus der Gemeinde Velké Karlovice. Das dortige Gebäude der Vogtei aus dem 18. Jahrhundert steht bis heute am ursprünglichen Ort und ist auch immer noch bewohnt. Die Vogtei war das Wohnhaus des reichsten Bauern - des Vogts, der im Dorf die Obrigkeit vertrat. Der Hauptraum wurde als Wohnzimmer für die Familie, aber zugleich auch als Kanzlei des Vogts genutzt. Zweimal im Jahr trafen da die Dorfbewohner zum Tanz zusammen. Im Hauptzimmer gab es einen so genannten ´Herrgottswinkel´, in dem ein Eckschrank stand. Darin wurden wertvolle Dokumente, Heiligenbilder und Devotionalien, aber auch beispielsweise Gebetbücher aufbewahrt. Auf dem Schrank stand ein Kreuz. In die Truhe, die zu besichtigen ist, wurde die festliche Bekleidung gelegt. Auf der Truhe stand eine kleiner Kienspan, die oft ausgewechselt werden musste, weil sie nur etwa 10 Minuten lang brannte. Für Kinder gab es damals kein Bett, sie mussten oben auf dem Ofen schlafen. Als Betten dienten aber auch spezielle Bänke mit einer klappbaren Lehne. Diese Bänke konnten in kleine Betten umgewandelt werden.“

Ein kleiner Raum im Erdgeschoss diente einst als das „výminek“, als Ausgedinge – das Zimmer für die Eltern des Voigts. Wenn der Vater dem ältesten Sohn das Gut übergab, unterzeichnete er mit ihm einen Vertrag über das „výminek“. Im Vertrag wurde verankert, unter welchen Bedingungen sich der Sohn um die Eltern kümmern wird. In der Etage gab es ein Gästezimmer, das bedeutend anspruchsvoller eingerichtet war, als die anderen Räume.

Der Stadtpark wird von der Holzkirche dominiert. Die St. Anna-Kirche ist eine Kopie der ausgebrannten Holzkirche aus Větřkovice. Die Kirche im Freilichtmuseum wurde während des Zweiten Weltkriegs erbaut und 1945 geweiht. Die Ausstattung der Kirche stammt vorwiegend aus Kirchen, die nicht mehr als Sakralräume genutzt werden. Um die Kirche herum wurde ein Ehrenfriedhof errichtet, der als walachischer Slavín bezeichnet wird. Vorbild ist der Ehrenfriedhof Slavín auf dem Prager Vyšehrad, auf dem namhafte tschechische Künstler bestattet sind. Ähnlich wie auf dem Nationalfriedhof auf dem Vyšehrad wurden auch auf dem walachischen Ehrenfriedhof hervorragende Persönlichkeiten aus der Region bestattet. Am bekanntesten ist wahrscheinlich der berühmte tschechische Langläufer, Emil Zátopek. Der kleine Friedhof ist mit mindestens einer Legende verbunden, sagt Kateřina Nováková:

„Die Geschichte bezieht sich auf die große Grabtafel von 1660, die an eine gewisse Alžběta Vaňková aus Vsetín erinnert. Alžběta war ein 19-jähriges Mädchen, das gerade Hochzeit hatte. Es gab den Brauch, bei der Hochzeit Buchweizenbrei zu essen. Die Braut hat jedoch so schnell gegessen, dass ihr ein Bissen Brei im Hals hängen blieb und sie zu ersticken drohte. Als sie in Ohnmacht fiel, haben die Hochzeitsgäste geglaubt, dass sie gestorben ist und haben sie in den Sarg gelegt. Als aber der Sarg aus dem Haus getragen wurde, hatte man mit ihm dreimal auf die Schwelle geschlagen. Dabei flog das Stück Brei der Braut aus dem Hals und das Mädchen kam zu sich wieder. Im 17. Jahrhundert waren die Leute aber sehr abergläubisch. Sie waren alle erschrocken, der Bräutigam hat die Hochzeit aufgehoben und hat gesagt, dass er mit einem Leichnam nicht leben möchte. Alžběta war so traurig, dass sie nach einem Jahr wirklich gestorben ist.“

Freilichtmuseum der Mährischen Walachei  (Foto: Martina Schneibergová)
Seit der Gründung des Freilichtmuseums kann man das Bill-Haus besichtigen. Das Haus stand vorher auf dem Marktplatz von Rožnov, und es ist ein Beispiel der bürgerlichen Stadtarchitektur des späten Mittelalters.

„Hier wohnte ein reicherer Bürger, der auch Vieh und Felder besaß. Er verdiente sein Geld auch als Schneider. Im Zimmer ist eine alte Wäscherolle ausgestellt. Die etwas luxuriöser eingerichteten Gästezimmer waren mit Familienfotos geschmückt. Diese Fotografien haben die Familie repräsentiert. In diesem Haus waren Zimmer für Kurgäste eingerichtet, denn Rožnov ist 1820 zum Luftkurort geworden. Die Patienten litten meistens an Lungen- oder Herzerkrankungen. Nach Unterkunft suchten sie entweder in den Gasthäusern oder in Familien. Der Stadtrat gliederte die Unterkünfte nach Kategorien und kontrollierte die Hygiene. Denn manchmal kamen auch Patienten mit Tuberkulose, und bei ihnen haben sich ab und zu die Stadtbewohner angesteckt. Die Stadt errichtete damals mehrere Wanderwege, denn die Kurgäste mussten spazieren gehen. Es gab hier eine Allee, die Seufzer-Allee genannt wurde, weil dort die Patienten Atemübungen durchführten.“

Die kleine Führung durch das Holzstädtchen beendet man im einstigen Rathaus von Rožnov pod Radhoštěm. In einer kleinen Ausstellung lernt man mehr über die einstigen Läden und Geschäfte der Stadt. Im Rathaus wurden zudem ein Postamt sowie ein Tagungssaal eingerichtet. Das Holzstädtchen ist im Unterschied von den weiteren Arealen des Freilichtmuseums das ganze Jahr hindurch geöffnet.

Fotos: Autorin

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