915 Jahre Tradition: Gebet für König Vratislav auf dem Vysehrad

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Der am rechten Moldauufer liegende Vysehrad gehört zu Sehenswürdigkeiten, die aus dem Prager Stadtbild nicht wegzudenken sind. Die in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts gegründete Premysliden-Burg erlebte ihre Blütezeit unter dem böhmischen Fürsten und ersten böhmischen König Vratislav II. im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts. Zum Gedenken an Vratislav II. wurde am vergangenen Samstag auf dem Vysehrad ein feierlicher Gottesdienst zelebriert.

Der böhmische König Vratislav II. gründete im Jahre 1070 auf dem Vysehrad das Kollegiatkapitel des Heiligen Peter und Paul. Das Vysehrader Kollegiatkapitel ist eine der ältesten noch existierenden Rechtspersonen auf dem Gebiet Tschechiens überhaupt. Die Tradition der Gottesdienste, die zum Gedenken an den Stifter des Kollegiatkapitels des Heiligen Peter und Paul zelebriert werden, ist sehr alt. Die Messe wurde schon immer am Todestag von Königs Vratislav II. zelebriert. Vratislav starb am 14. Januar 1092. Die Tradition der Festgottesdienste geht auf den Wunsch des böhmischen Herrschers zurück, sagt der Leiter der Kapitelkanzlei Jan Kotous:

"Vratislav beauftragte die beim Kollegiatkapitel wirkenden Priester damit, für ihn und das ganze Premyslidengeschlecht eine heilige Messe zu lesen. Diese Tradition wird vom Vysehrader Kapitel bis auf einige Ausnahmen schon 915 Jahre lang aufrechterhalten. Zu kurzen Unterbrechungen der Tradition kam es während der hussitischen Kriege sowie in der Zeit um die Schlacht am Weißen Berg. Aber sonst wird der erste böhmische König und Stifter des Kollegiatkapitels auf dem Vysehrad jedes Jahr auf diese Weise geehrt."

Als Beweggrund für die Entstehung des Kollegiatkapitels gilt traditionell die Tatsache, dass Vratislav Streitigkeiten mit seinem Bruder, dem Prager Bischof Jaromir hatte. Dies habe ihn dazu bewogen, von der Prager Burg auf den Vysehrad zu übersiedeln, und dort ein Kollegiatkapitel zu errichten, das nicht dem Prager Bischof, sondern direkt dem Papst untergeordnet war. Diese Erklärung kann man manchmal auch von den Historikern hören. Jan Kotous und seine Mitarbeiter teilen diese Meinung nicht:

"Wir nehmen an, dass Vratislav mit der Stiftung des Kollegiatkapitels ein ganz anderes Ziel erreichen wollte. Obwohl ich zugebe, dass an jeder Legende ein wenig Wahrheit sein kann. Vratislav wollte mit dem Vysehrader Kapitel eine Gruppe von Priestern zusammenstellen, die die führenden Beamtenposten im Staat bekleiden sollten. Dies beweist die Tatsache, dass der Propst von Vysehrad bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts immer Kanzler des böhmischen Königs war. Damit beteiligte er sich bedeutend an der Außenpolitik des Staates. Viele der Vysehrader Kanoniker waren hohe Staatsbeamte. Dies war offensichtlich die Idee, mit der Vratislav das Kollegiatkapitel von Vysehrad gestiftet hat."

Neben dem Stifter des Vysehrader Kapitels hat später noch ein weiterer Herrscher dem Vysehrad eine große Aufmerksamkeit geschenkt. Karl IV. knüpfte an die premyslidische Tradition an und bemühte sich unter anderem, die kulturelle Tradition von Vysehrad wieder zu beleben. Er unterstützte die hiesigen Schulen und erneuerte den feierlichen Gottesdienst mit Kirchengesang. In der Krönungsordnung bestimmte er den Vysehrad zum Ausgangspunkt des Krönungszuges der böhmischen Könige.

Am erwähnten Gottesdienst zu Ehren von König Vratislav II. nahmen auch einige der heutigen Kanoniker von Vysehrad teil. Was gehört heutzutage zu ihren Pflichten und inwieweit ist ihr Leben mit dem historischen Ort Vysehrad verbunden, danach fragte ich Kanoniker Anton Otte:

Anton Otte und Büste des Königs Vratislav II.
"Geschichtlich gehört zu den Pflichten des Kanonikers, für das Seelenheil der Stifter zu beten - in dem Fall der königlichen Familie - und die Liturgie zu feiern. Das ist die vornehmliche Aufgabe der Kanoniker. Die Stifter waren sich im Mittelalter offensichtlich ihrer Sündhaftigkeit sehr bewusst, sodass sie diese Kanonikate so reichlich ausgestattet haben, damit die Kanoniker ihrer Pflicht nachkommen konnten. Die Kanoniker haben dann ihre Aufgabe als Beratergremium der Stifterfamilie erfüllt und sie beteiligten sich an der seelsorglichen Arbeit. So war es in der Vergangenheit. Heute ist es eine mehr oder weniger Ehrenaufgabe: Für besondere Verdienste werden Priester zu Kanonikern ernannt. Ihre Aufgabe ist nach wie vor, die Liturgie zu halten. Die meisten Kanoniker haben seelsorgliche Aufgaben außerhalb des Kapitels, nur der Propst ist gleichzeitig Pfarrer, der hier die Aufgaben übernimmt, und andere Kanoniker haben auch andere Aufgaben. Ihre Aufgabe im Kapitel ist, das Vermögen zu verwalten. Es gibt zwei Gruppen von Kanonikern, es gibt die Ehrenkanoniker und die residierenden Kanoniker. Wir - residierende Kanoniker - treffen dreimal in der Woche zum Gebet zusammen. Es wird erwartet, dass man, wenn es möglich ist, am Sonntag am Gottesdienst in der Hl. Peter- und Paulkirche teilnimmt. Wir haben in gewissen Abständen unsere Kapitelsitzungen und bemühen uns auch Kulturveranstaltungen zu initiieren."

Beim festlichen Gottesdienst erinnerte man sich an König Vratislav II., aber außerdem hat man bei dieser Gelegenheit für die heutige Regierung, die gegenwärtigen Politiker gebetet. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen dem Stifter des Kapitels und denjenigen, die das Land heute verwalten sollen?

"Von der Gründeridee empfinde ich das schon auch, dass wir als Kapitel auch einen politischen Auftrag haben. Das ist auch nicht so von ungefähr. Denn der Vysehrad spielt im gesellschaftlichen Leben der tschechischen Gesellschaft eine nicht unbedeutende Rolle. An den Sonntagen und Samstagen kommen viele Leute hierher, um sich die Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Ich höre manchmal, wie die Eltern den Kindern die böhmischen Sagen erzählen. Dann gibt es hier den Friedhof, auf dem viele bedeutende tschechische Persönlichkeiten aus Kunst und Politik begraben sind. Das alles ist eigentlich ein guter Ort, wo die Kirche auch ihre Verantwortung für das politische und gesellschaftliche Leben zeigen kann."

Einen neuen Aufschwung erlebte Vysehrad seit der Zeit von Karl IV. erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals wurde der Vysehrad in der Form, wie man sie heute kennt, umgebaut.

Mit Vysehrad und König Vratislav ist auch eine wertvolle Handschrift aus dem 11. Jahrhundert verbunden, die im Zusammenhang mit Vratislavs Krönung zum böhmischen König entstanden ist. Falls Sie wissen, wie diese Handschrift, die heute in der Nationalbibliothek in Prag aufbewahrt wird, heißt, können Sie es uns schreiben. Für die richtige Beantwortung dieser Frage können Sie ein Buch über Prag gewinnen. Ihre Zuschriften richten Sie, bitte, an Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120 99 Prag 2.

Da Ende Dezember eine Sondersendung anstelle des Spaziergangs durch Prag gesendet wurde, bringen wir erst jetzt die richtige Antwort auf die Quizfrage vom November. Robert Guttmann, nach dem eine Prager Galerie benannt wurde, war ein jüdischer Maler (1880-1942). Ein Buch geht diesmal an Ralf Urbanczyk aus Eisleben.

Fotos: Autorin