„Das Licht für die Zukunft“ – drei Zeitzeuginnen aus deutschsprachigen Familien erinnern sich
Der neue Dokumentarfilm „Das Licht für die Zukunft“ von Lenka Ovčáčková erlebte am vergangenen Mittwoch in der Repräsentanz des Freistaats Bayern in Prag seine Premiere. Nach der Filmvorstellung hat Martina Schneibergová mit der Filmregisseurin gesprochen.
Frau Ovčáčková, wie ist die Idee für Ihren neuesten Dokumentarfilm entstanden?
„Ich habe drei gute Freundinnen, und ich kenne sie alle seit ungefähr acht Jahren. Immer wieder, wenn ich ihnen begegnet bin, habe ich gedacht: Das sind so starke Frauen mit so starken Geschichten, und es wäre wunderbar, diese Geschichten festzuhalten. Die Idee ist immer reifer geworden. Ungefähr vor zwei Jahren dachte ich, dass ich jetzt eigentlich anfangen könnte. Aber es war immer noch nicht sicher. Einmal habe ich mit Frau Marx kommuniziert – das ist eine von den Zeitzeuginnen, die im Film sprechen. Sie hat mir eine E-Mail geschrieben und gefragt: Wann machst du wieder einen neuen Film? Und das war ein guter Impuls, sie gleich zu fragen, ob sie dabei mitmachen würde. Denn ich hatte die Idee, wirklich diese drei Geschichten von den drei starken Frauen in einer Dokumentation festzuhalten.“
Was haben die drei Frauen gemeinsam, und was unterscheidet sie voneinander?
„Sie sind imstande, über die harten Ereignisse zu sprechen. Aber darüber hinaus versuchen sie weiterzugehen, nicht nur durch ihr Engagement im Bereich der deutsch-tschechischen oder österreichisch-tschechischen Beziehungen. Sie halten es einfach für selbstverständlich, versöhnlich zu denken und versöhnlich mit der Vergangenheit umzugehen.“
„Sie haben gemeinsam die Fähigkeit, ein hartes Schicksal auf eine positive Weise zu interpretieren und auch zu reflektieren. Sie sind imstande, über die harten Ereignisse zu sprechen. Aber darüber hinaus versuchen sie weiterzugehen, nicht nur durch ihr Engagement im Bereich der deutsch-tschechischen oder österreichisch-tschechischen Beziehungen. Sie halten es einfach für selbstverständlich, versöhnlich zu denken und versöhnlich mit der Vergangenheit umzugehen. Und das ist für mich auch ein großes Anliegen. Was sie unterscheidet, ist natürlich die Herkunft, das heißt geografisch und auch das Umfeld. Ewa stammt aus Brno und hatte als Kind ein städtisches Leben. Emma stammt aus Hüttenhof, das war ein ganz kleines Dorf im Böhmerwald, wo sie mit der Familie und den Nachbarn eher ein einsames Leben gelebt hat. Und Elfriede stammt aus Kaplitz (tschechisch Kaplice, Anm. d. Red.) in Südböhmen, das war ein kleines Städtchen. Auch diese Vergleiche zu ziehen und sie im Film zu zeigen, war sehr interessant. Sie spiegeln sich natürlich in den Reflexionen wider.“
War es schwierig, die Frauen davon zu überzeugen, über das Schicksal zu erzählen?
„Ich muss gestehen, dass ich mit Emma bereits vor zehn Jahren ein Interview für meinen Dokumentarfilm ,Tiefe Kontraste‘ gemacht hatte. Dadurch habe ich sie kennengelernt, und seitdem sind wir Freundinnen. Als sie mich nun angesprochen hat, wann ich einen neuen Film machen werde, war sie eigentlich sofort dafür. Elfriede habe ich durch meinen anderen Dokumentarfilm ,Im Einen Alles, im All nur Eines‘ kennengelernt. Das war im Jahre 2017, und wir haben uns seitdem sehr oft getroffen und über vieles gesprochen. Daher habe ich gewusst, dass sie jetzt in der Lage ist, über ihre Geschichte zu sprechen. Denn es ist nicht einfach, damit von einem Tag auf den anderen anzufangen – noch dazu in dem Fall, dass in der Familie diese Geschichten nicht oft erzählt wurden. Sie haben alle wirklich lange gebraucht, bis sie sich geöffnet haben. Oft ist das nicht mit den Kindern, sondern erst mit den Enkelkindern passiert, die Fragen stellten.“
Wie war es mit Ewa aus Brünn?
„Wenn man das wissenschaftlich benennen soll, verwende ich nicht nur die Methode Oral History, sondern auch die phänomenologische Interpretativanalyse, bei der die Zeitzeugen selbst die eigenen Geschichten interpretieren können.“
„Bei Ewa habe ich lange darüber nachgedacht, bevor ich sie ansprach. Für sie ist es nach wie vor lebendig, sie kann sich an alles erinnern. Wir sind nie alle zusammengetroffen, ich habe immer nur eine Zeitzeugin gefragt und gefilmt. Sie haben erstens auf meine Fragen reagiert. Aber zweitens konnten sie auch erzählen, was ihnen am Herzen liegt. Wenn man das wissenschaftlich benennen soll, verwende ich nicht nur die Methode Oral History, sondern auch die phänomenologische Interpretativanalyse, bei der die Zeitzeugen selbst die eigenen Geschichten interpretieren können. Und das finde ich ganz wichtig.“
In der Dokumentation erklingen keinerlei Kommentare, dafür werden einige Zitate eingeblendet…
„Ich verwende im Film keine Kommentare. Es ist wichtig, die Zeitzeuginnen sprechen zu hören. Die Zitate stammen von Ficino, einem Renaissance-Philosophen, Arzt und Theologen aus dem15. Jahrhundert, der wunderbare Bücher über das Licht und über die Sonne geschrieben hat. Und das hat alles wunderbar reingepasst.“
Haben Sie die einzelnen Orte besucht: Brno, Kaplice und den kleinen Ort Hüttenhof, der wahrscheinlich nicht mehr existiert?
„Mit Emma habe ich Hüttenhof besucht. Dort haben wir auch Aufnahmen und Interviews gemacht. Sie konnte sich genau erinnern, wo das Haus ihrer Familie stand. Dort gibt es nichts mehr, nur noch den Nationalpark Böhmerwald. Sie hat mir wirklich bis ins Detail alles erzählen können. Das war für mich sehr prägend: diese Art des Erinnerns, dass man nichts aus der Kindheit vergisst und alles tief gespeichert wird. Es ist die Frage, ob es durch die Vertreibung so war, dass man diesen Ort verlassen musste. Oder ob das mit ihrer Klugheit und Offenheit zusammenhängt, die sie in sich trägt.„
Wie war der Besuch in Kaplice?
„Kaplitz habe ich mit Elfriede besucht. Wir haben uns dort getroffen und viele Aufnahmen gemacht. Für Elfriede ist Kaplitz nach wie vor ein wichtiger Ort, wohin sie sehr gerne zurückkommt. Jetzt ist es schwierig, weil sie nicht so fit ist. Mit Ewa habe ich geplant, nach Brünn zu fahren. Aber das war leider auch aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich. Daher haben wir uns virtuell über diese Stadt unterhalten. Ich kenne Brünn ganz gut, habe dort vier oder fünf Jahre während meines Studiums verbracht. Daher kannte ich die Orte genau, über die sie gesprochen hat. Dies hat einen lebendigen Kontakt ermöglicht.“
Soviel ich aus dem Film erfahren habe, muss es vor allem für die Mutter von Ewa sehr hart gewesen sein. Denn sie waren eine Beamtenfamilie, die sehr gut gelebt hatte. Und plötzlich hatten sie nichts…
„Ja, das stimmt. Das war eine Familie, die gut eingelebt war, nämlich nicht nur als eine deutsche Familie, sondern als eine deutsch-tschechische Familie. Die Verwandten waren vorwiegend tschechisch. Die Mutter hat perfekt tschechisch gesprochen, und Ewa war dazu auch gezwungen. Mit der ,babička‘, wie sie sagt, also mit der Oma, hat sie tschechisch gesprochen. Sie wurden dann Opfer der wilden Vertreibung und sollten Brünn von einem Tag auf den anderen verlassen. Zuerst kamen sie in ein Internierungslager, wo der Lagerleiter die Mutter zum Glück erkannt hat und vollkommen überrascht war, dass sie eine Deutsche ist. Er riet ihr, sich an den národní výbor, das Gemeindeamt zu wenden und dort eine Adresse anzugeben, um ausreisen zu können. Und das ist gelungen. Dadurch sind sie nach Burghausen gekommen. Die Bedingungen waren sehr schwierig, weil der Vater nicht zu Hause war und niemand wusste, wo er ist. Er wurde erst nach fünf Jahren für tot erklärt. Das heißt, sie hatten so lange keine finanzielle Unterstützung. Ich denke, in diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig, die Kraft der Mutter wahrzunehmen, die sie in sich trug.“
Gilt dies auch für die Mütter der beiden anderen Frauen?
„Ja, genau. Auch Elfriede erzählte oft über die Stärke der Mutter, diese Aufopferung und Hingabe, die ganz ohne Überlegen selbstverständlich war. Sie hat sich sehr intensiv um die Kinder gekümmert, war aber immer bereit, auch den anderen zu helfen. Egal, ob das Deutsche waren, Juden oder Tschechen – für sie war das ein Mensch, der Hilfe brauchte. Als sie dann nach Linz gekommen sind, haben sie auch nichts gehabt. Aber ich denke, insbesondere durch die Mutter hat das funktioniert. Und bei Emmas Mutter war das genauso. Emmas Vater war bis 1947 im Gefängnis, die Familie durfte nicht ausreisen. Sie wurden nicht vertrieben, sondern ,umgesiedelt‘. Sie waren also gezwungen, in der Tschechoslowakei zu bleiben, obwohl sie später gerne weggegangen wären. Aber das war nicht erlaubt. Später hat Emma geheiratet, und dann wollte sie nicht mehr weg.“
Stand der Titel des Films von Anfang an fest?
„Der Titel des Films ist relativ bald aufgekommen. Er war sehr intensiv präsent in meinen Gedanken. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das wirklich der passende Titel ist, denn man kann ihn vielschichtig interpretieren. Aber er wollte nicht mehr weg. Und ich war relativ bald sicher, dass er bleibt. Weil ich immer mehr diese Vielschichtigkeit wahrgenommen habe. Das Licht ist nicht nur mit der Kraft der Frauen verbunden – der Mütter und der Familien, aber auch der Zeitzeuginnen, die damals Kinder waren –, sondern auch mit der Kraft der Interpretation und der Reflexion der Geschichte.“
Die österreichische Premiere des Films „Das Licht für die Zukunft“ findet am 7. Juni im Kinokulturhaus Metro in Wien statt. Am 17. Juni wird die Dokumentation in der Villa Arnold in Brünn gezeigt. Mehr über den Film erfahren Sie unter https://lenkaovcackova.wordpress.com.







