Mehr Schutz für die Opfer: Häusliche Gewalt ist in Tschechien nun rechtlich definiert

In Tschechien gilt seit Dienstag eine einheitliche rechtliche Definition von häuslicher Gewalt. Sie soll nicht nur ein einheitliches Vorgehen bei der Strafverfolgung ermöglichen, sondern auch Opfer zu Anzeigen ermutigen.

Quelle: Belami

„Ich weiß nicht, ob die Leser mir verzeihen werden, aber dieses Buch ist kein lustiges. Es handelt davon, wie sich eine ältere Frau in einen jüngeren Mann verliebt. Und auf einmal wird sie sich bewusst, dass sie gegen das Altern ihres Körpers hilflos ist.“

So sprach vor fast 15 Jahren die Schriftstellerin Simona Monyová aus Brno / Brünn über ihr Buch „Srdceboly“ (zu Deutsch etwa „Herzschmerz“). Es war ihre letzte Publikation. 2011 wurde die Frau von ihrem Ehemann erstochen, aus Eifersucht. Zuvor war sie jahrelang von ihm gequält worden.

Das Schicksal von Simona Monyová ist in Tschechien kein Einzelfall. Häusliche Gewalt ist hierzulande weder unter prominenten Personen noch in der breiten Bevölkerung eine Seltenheit. Das Thema fällt in die Zuständigkeit der Regierungsbeauftragten für Menschenrechte, Klára Šimáčková Laurenčíková. 2024 konstatierte sie:

„Allein im vergangenen Jahr wurden in Tschechien 86 Menschen durch Beziehungsgewalt ermordet. Am häufigsten handelte es sich dabei eben um häusliche Gewalt. Außerdem waren 56 Prozent aller Kinder schon einmal anwesend, wenn es zu Gewalt in der Familie kam.“

Klára Šimáčková Laurenčíková  | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

Šimáčková Laurenčíková zufolge erleben häusliche Gewalt hierzulande jede dritte Frau und jeder zehnte Mann. Zumeist geht sie vom Ehe- oder Lebenspartner aus. Bisher gab es in Tschechien keine einheitliche rechtliche Beschreibung dessen, was als häusliche Gewalt gilt. Polizei, Justiz oder auch Hilfsorganisationen haben den Begriff unterschiedlich ausgelegt. Dies ist seit Dienstag anders. Denn nun ist eine allgemeine Definition in Kraft getreten, die einen besseren Opferschutz ermöglichen soll. In der entsprechenden Novelle des Bürgerlichen Gesetzbuches ist die Rede von einem „gewalttätigen Handeln in jeglicher Form, bei dem es für gewöhnlich zum Missbrauch von Macht oder einer ungleichen Stellung kommt“.

Etwas detaillierter werden in der Novelle drei Arten von häuslicher Gewalt unterschieden. Zum einen sind dies körperliche Übergriffe. Zum zweiten ist es ein Eingriff in die persönliche Freiheit, die seelische Integrität, die Würde oder in das Privatleben. Und zum dritten kann einem Menschen dadurch auch die Fähigkeit genommen werden, seine grundlegenden Bedürfnisse zu erfüllen. Diese breiter gefasste Definition, die etwa auch psychischen Druck einschließt, soll mehr Opfer motivieren, sich an die Polizei oder Hilfsorganisationen zu wenden. Branislava Marvánová Vargová ist Psychologin und arbeitet für die NGO Rosa:

Branislava Marvánová Vargová | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

„Viele Opfer haben das Gefühl, dass es sich nicht um häusliche Gewalt handelt, wenn es nicht zu körperlicher Gewalt gekommen ist. Ich möchte aber diese Gelegenheit nutzen und dazu ermutigen, dass alle Menschen, die etwa Formen von psychischer, ökonomischer oder sexualisierter Gewalt erleben, auch Hilfe in Anspruch nehmen.“

Laut dem Bürgerlichen Gesetzbuch kann ebenso von häuslicher Gewalt gesprochen werden, wenn das Opfer nicht im selben Haushalt wohnt – nämlich dann, wenn der Aggressor regelmäßig den Wohnort des Opfers aufsucht. Und die Novelle verlängert ein mögliches Hausverbot für den Täter von bisher zehn auf nun 14 Tage.

In diesem Jahr sind in Tschechien bis Ende Mai bereits 666 Gewalttäter und Gewalttäterinnen von der Polizei der Wohnung verwiesen worden, so die Statistiken der NGO Bílý kruh (Weißer Kreis). Die meisten dieser Einsätze gab es in den Kreisen Mährisch-Schlesien sowie Ústí nad Labem. Wer hierzulande Opfer häuslicher Gewalt wird, kann sich außer an die Polizei auch an Hilfsorganisationen wie Bílý kruh und ProFem wenden oder das Notfalltelefon der NGO Rosa nutzen. Es ist unter der Nummer 116 016 erreichbar.

Über das Schicksal der Schriftstellerin Simona Monyová wird gerade eine sechsteilige Serie gedreht. Diese soll im Herbst kommenden Jahres Premiere haben.

Dreharbeiten zu einer Serie über die Schriftstellerin Simona Monyová in Brünn | Foto:  Tomáš Kremr,  Tschechischer Rundfunk
Autoren: Daniela Honigmann , Marie Veselá | Quelle: Český rozhlas
schlüsselwörter:
abspielen