Filmfest in Karlsbad: Hauptpreis für tschechisch-slowakische Doku überschattet von tragischem Tod
Eine tschechisch-slowakische Doku hat beim Filmfestival in Karlovy Vary / Karlsbad den Hauptpreis gewonnen. Noch in der Nacht der Preisverleihung kam einer der beiden Hauptdarsteller ums Leben.
Den Kristallglobus bekomme der tschechisch-slowakische Film „Raději zešílet v divočině“ – so verkündete es am Samstagabend der Moderator beim Internationalen Filmfestival Karlovy Vary. Der slowakische Regisseur Miro Remo nahm den Globus persönlich entgegen. Mit ihrer Wahl vergab die Jury zum zweiten Mal überhaupt – und das auch noch in Folge – den wichtigsten Preis an eine Doku. Der Titel des Films heißt frei übersetzt „Lieber in der Wildnis verrückt werden“.
Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms stehen zwei exzentrische Zwillingsbrüder, die seit Jahrzehnten zurückgezogen auf einem halbverfallenen Hof im Böhmerwald leben. Der Filmkritiker des Tschechischen Rundfunks, Pavel Sladký, bezeichnet den Streifen als die größte Überraschung des diesjährigen Festivaljahrgangs.
„Es ist ein sehr stilisierter Film, der in Zusammenarbeit mit den beiden Zwillingsbrüdern gedreht wurde. Er basiert auf einem Buch von Aleš Palán, das Interviews mit Menschen enthält, die nicht nur im Böhmerwald ein zurückgezogenes Leben führen. Und Miro Remo hat sich die beiden Brüder für seinen Film ausgesucht“, so der Kritiker.
Seine Wahl erläuterte der Regisseur in einem Interview für das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen:
„Die beiden Brüder hatten einen spielerischen Zugang, ihre Einstellung zur Welt ist dadaistisch, so sehen sie auch ihre Probleme. Aber ich habe eine Reihe an Konflikten zwischen ihnen erkannt, und davon erzählt mein Film.“
Fünf Jahre lang verbrachte Remo immer wieder auf dem Hof der Zwillinge. Und als am Donnerstag der Streifen im Rahmen des Hauptwettbewerbs in Karlsbad präsentiert wurde, waren die beiden 62-jährigen Brüder Ondřej und František Klišík dabei. Sie hatten tatsächlich ihren einsamen Hof für die Uraufführung verlassen: Und František Klišík, der sich in den 1980er Jahren der Opposition gegen das kommunistische Regime anschloss, genoss sogar die Popularität und bekannte:
„Es ist angenehm und irgendwie natürlich. Ich bin froh, dass ich kein Lampenfieber habe. Mir gefällt es. Aber ich bin kein Schauspieler und weiß daher, dass es nur vorübergehend so ist.“
Doch in der Nacht von Samstag auf Sonntag, also kurz nach der Vergabe des Hauptpreises für die Doku, starb František Klišík unter bisher ungeklärten Umständen in einer Gemeinde nahe Prag. Die Polizei ermittelt noch in dem Fall, hieß es. Der Leichnam wurde im Teich der Gemeinde gefunden.
Während sich also Trauer in die Freude über den Hauptpreis mischte, waren die anderen wichtigen Auszeichnungen nur ein Anlass zur Freude. Als beste Hauptdarstellerin geehrt wurde die Norwegerin Pia Tjelta für ihre Rolle im Liebesdrama „Don´t Call Me Mama“ und als bester Hauptdarsteller der deutsch-spanische Schauspieler Alex Brendemühl für sein Rolle im Streifen „When a River Becomes the Sea“.
Den Sonderpreis der Jury erhielt der iranische Beitrag „Bidad“, auf Deutsch „Unrecht“. Regisseur Soheil Beiraghi zeigte ihn in Weltpremiere in Karlsbad. Die Handlung dreht sich um eine junge Sängerin, die sich dagegen wehrt, dass Frauen im Iran nicht öffentlich auftreten dürfen. Pavel Sladký:
„Der Film ist nicht nur ein Sozialdrama und eine Anklage des Regimes, sondern er entstand auch im Geheimen, ohne Wissen der iranischen Behörden. Der Regisseur hat sein Kinowerk hierher gebracht, will aber in sein Land zurückkehren. Und die Jury hat sicher auch den Mut berücksichtigt, der hinter diesem Film steht.“
Die Jury vergab zudem noch eine Sonderauszeichnung – und zwar für die erst 15-jährige Kateřina Falbrová, die im Film „Sbormistr“ („Der Chorleiter“) spielt.
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