Idan Weiss als Kafka im Film: „Ich habe mich in meiner Wohnung ohne Tageslicht verbarrikadiert“
„Franz K.“ in der deutschen und „Franz“ in der tschechischen Version ist ein neuer biographischer Film über den deutschsprachigen Prager Schriftsteller Franz Kafka. Gedreht wurde der Streifen von der polnischen Filmregisseurin Agnieszka Holland. Die deutsch-polnisch-tschechische Koproduktion kommt im Herbst in die Kinos, nun wurde der erste Trailer beim Internationalen Filmfestival Karlovy Vary gezeigt. In der Hauptrolle des Franz Kafka ist der deutsche Schauspieler Idan Weiss zu sehen, der somit sein Leinwanddebüt erlebt.
Wir treffen uns beim Filmfestival in Karlsbad. Hier wird der Film „Franz“ vorgestellt, aber noch nicht gezeigt. Sie spielen die Hauptrolle darin, also Franz Kafka. Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, dass Sie beim Film mit dabei sind – und das sogar in der Hauptrolle? Haben Sie sich im Casting beworben, oder wie kam es zustande?
„Ich habe erstmal einfach nur die weiße Wand in der Wohnung angestarrt, stundenlang, und bin dann irgendwie von alleine eingeschlafen.“
„Ich bin in einer Schauspielagentur und habe eine Einladung zum Casting bekommen. Das lief ganz gut, und ich wurde recht zügig zum Live-Casting eingeladen. Da habe ich dann Agnieszka kennengelernt: Sie saß da im Schneidersitz auf dem Boden, wir haben uns begrüßt, kennengelernt, dann folgte das Casting. Es lief toll, und einige Wochen später war dann ein Konstellations-Casting in Prag. Ein paar Tage darauf war es klar, dass ich die Rolle habe. Ich bekam einen Anruf von meiner Agentin, ich glaube um 11 Uhr abends. Sie sagte: Idan, wir haben es geschafft! Dann habe ich erstmal einfach nur die weiße Wand in der Wohnung angestarrt, stundenlang, und bin dann irgendwie von alleine eingeschlafen. Ja, es war ein toller Moment.“
Agnieszka Holland ist ein Liebling des tschechischen Publikums, sie hat in den 1960er Jahren in Prag studiert und ist seitdem hierzulande sehr bekannt. Wie war für Sie die Arbeit mit ihr? War sie als Regisseurin für Sie zuvor eine bekannte Person?
„Ich kannte den Film ‚Hitlerjunge, Salomon‘,‚Europa, Europa‘ ist der internationale Titel. Und dann habe ich noch vor dem Casting, glaube ich, ‚Green Border‘ gesehen. Die Arbeit war großartig. Sie ist einfach unfassbar menschlich in allem, was sie von sich gibt. Sie ist immer sehr konzentriert auf das, was sie macht, bringt immer diese gewisse Energie und Präsenz, mit der sie viel auslöst. Ich habe viel von ihr lernen und auch Dinge anders betrachten können, als es in der Branche üblich ist. Die Arbeit mit ihr war großartig. Sie ist ein wundervoller Mensch. Es war eine kostbare und auch vor allem eine verrückte Zeit.“
Warum verrückte?
„Ich glaube, verrückt bezüglich der Rollenarbeit, die ich davor geleistet habe. Und dann, in dieser Rolle und an diesem Set zu sein, mit unfassbar vielen Menschen um einen herum, war oft wie so eine Flut.“
Können Sie verraten, welche Mittel die Regisseurin nutzt, um von Ihnen als Schauspieler das zu bekommen, was sie will?
„Agnieszka Holland hat immer eine sehr klare Vision, wie was sein soll. Und gleichzeitig gibt sie in ihrer klaren Vision trotzdem viel Raum für Improvisation.“
„Sie schafft erst einmal einen Raum für Menschen, sodass sich alle wohlfühlen. Ich weiß nicht, wie sie das genau macht, aber sie kreiert einen Raum, in dem alle wissen: Ok, hier entsteht gerade etwas Wichtiges. Sie schafft so eine sehr besondere Atmosphäre. Bevor wir gedreht haben, haben wir uns getroffen und sind das Drehbuch durchgegangen. Das waren Szenen, die für sie wichtig waren, und Szenen, die für mich wichtig waren. Darüber haben wir viel gesprochen. Sie hat immer eine sehr klare Vision, wie was sein soll. Und gleichzeitig – das ist so spannend – gibt sie in ihrer klaren Vision trotzdem viel Raum für Improvisation. Ich hatte also sehr viel Freiheit, zu improvisieren und Dinge auszuprobieren. Es ist so eine Art Gemeinsamkeit entstanden.“
Die Dreharbeiten begannen 2023. Im vergangenen Jahr wurde in Prag und in Deutschland gedreht. Wo genau? Wie lange Zeit haben Sie in Tschechien verbracht?
„Die Dreharbeiten gingen ungefähr zweieinhalb Monate, wenn ich mich nicht irre. 2023 haben wir im Winter ein paar Drehtage in Prag gehabt. Dann waren ungefähr zweieinhalb Monate in Prag, an ganz vielen verschiedenen Orten. Wir sind teilweise sehr weit hinausgefahren, waren auf dem Land, aber auch viel im Zentrum von Prag. Und in Berlin waren wir ebenfalls, an der Oberbaumbrücke haben wir gedreht, und auch in Potsdam.“
Haben Sie in Prag auch etwas mehr erleben können als nur die Dreharbeiten? Haben Sie die Stadt kennengelernt?
„Ich bin jeden Abend bestimmt zwei, drei Stunden heimgegangen. Und da habe ich viel sehen können. Oder morgens vor dem Drehen. Ich habe Prag ziemlich gut erkundet. Es war mir dann auch wichtig, abends sich noch zu bewegen und die Energie abzulegen, die man am Tag hatte.“
Was hat Sie beeindruckt? Haben Sie Ihre Lieblingsorte in der tschechischen Hauptstadt gefunden?
„Ich bin ein großer Freund der Gebäude in Prag. Und wenn es abends ruhig wird und die Straßenlaternen an sind, dann hat es eine sehr besondere Atmosphäre.“
Können Sie die Dreharbeiten ein bisschen beschreiben? Wie hat Ihr Leben oder Ihre Zeit in Prag ausgesehen?
„Ich wurde immer ziemlich früh abgeholt, es war immer so zwischen 5 und 6 Uhr, teilweise auch zu sehr lustigen Zeiten wie 3:30 Uhr. Der Drehtag bestand aus guten zehn Stunden, also 8 Uhr morgens bis 18 Uhr abends. Zwischendurch war eine halbe Stunde Pause. Ich habe immer so in Blöcken gedreht, also drei oder vier Tage nacheinander, dann zwei Tage Pause, dann wieder drei oder vier Tage nacheinander.“
Kommen wir jetzt zum Film und zu Ihrer Rolle sowie zu Franz Kafka. Ich habe in einem Interview mit Agnieszka Holland gehört, dass der Autor für sie schon seit den frühen Jugendjahren eine wichtige Person gewesen sei. Eigentlich sei Kafka einer der Gründe gewesen, warum sie in Prag studierte, sagte sie. Was bedeutet Franz Kafka für Sie?
„Franz Kafka war jemand, der sehr sensibel war.“
„Ich würde sagen Sensibilität. Franz Kafka war jemand, der sehr sensibel war. Ich glaube, dass wir alle diese Sensibilität in uns tragen, es ist nur eine Frage, wie weit wir diesen Zugriff auf unsere Sensibilität zulassen. Aber ich bin zum Beispiel auch selbst jemand, der sehr sensibel ist, viel fühlt und sieht. Und er war genauso. Dieses Nicht-Aufhören-Können und Weitermachen an dem, was man selber wertschätzen kann. Zum Beispiel konnte er ja nicht anders als schreiben. Ich glaube, dass wir alle so eine gewisse Sehnsucht danach haben, das, was wir lieben, wirklich ausüben zu können. Bis zu einer Form, die uns vielleicht auch nicht mehr gut tut oder erfüllen kann. Und spannend war ja auch: Kafka war sehr erschöpft von der Welt, und gleichzeitig hat er seine Lebensfreude in sich bewahren können. Er war zum Beispiel ein begeisterter Schwimmer.“
Haben Sie Bücher von Kafka schon gelesen, bevor Sie die Arbeit an dem Film begonnen haben, oder erst im Rahmen der Vorbereitung auf die Rolle?
„Ich habe ‚Die Verwandlung‘ in der Schule gelesen. Das war etliche Jahre davor. Und dann, als ich die Rolle bekommen habe, habe ich alles von ihm gelesen. Erst die Romane, dann bin ich zu Kurzgeschichten übergegangen. Und dann, ich glaube, drei bis vier Wochen vor Drehbeginn, habe ich die Tagebücher gelesen, weil das wirklich sehr nah geht und auch schmerzlich ist.“
Wie haben Sie sich vorbereitet, um diesen sensiblen Mann zu verkörpern und die Rolle zu spielen?
„Ich bin ungefähr zwei Monate nur abends rausgegangen, als es dunkel war, um das Gefühl von Dunkelheit, von Melancholie zu bekommen.“
„Ich hatte verschiedene Art und Weisen, mich vorzubereiten. Ich habe damals in Hamburg gelebt und hatte mich in meiner Wohnung quasi verbarrikadiert und das Tageslicht gemieden. Ich bin ungefähr zwei Monate nur abends rausgegangen, als es dunkel war, um dieses Gefühl von Dunkelheit, von Melancholie zu bekommen. Und dann habe ich mich zum Beispiel auch sehr viel mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt. Denn die Sensibilität ändert sich ja über die Jahre. Ich war selbst jemand, der auch Depressionen hatte. Also ging ich darauf zurück und sah, was das eigentlich für eine Zeit war. Ich habe mich bewusst viel mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt, das hat der Rolle sehr gut getan und mir auch. Aber ich habe auch wenig geschlafen, denn ich wollte dieses Gefühl von Ermüdung, von Erschöpfung kriegen. Es ist auch spannend, wenn man sich dazu entscheidet, weniger zu schlafen oder wach zu bleiben. Denn man kriegt so eine sehr besondere Energie. Ich mochte das sehr.“
Können Sie den Film „Franz“ ein bisschen charakterisieren? Es ist ein biografischer Film, hat aber keinen linearen Faden. Es gibt bestimmte Bilder, Szenen, Episoden darin…
„Was ich verraten kann: Der Film wirkt wie so ein Mosaik.“
Über Kafka wurde schon sehr viel geschrieben. Es wurden auch Filme über ihn gedreht. Haben Sie sich diese angeschaut?
„Ich habe von Orson Welles ‚Der Prozess‘ gesehen. Dann einen genialen Film von einem französischen Ehepaar, die haben sich mit Kafka als Figur auseinandergesetzt, aber es ging auch um ‚Der Prozess‘ und ‚Das Schloss‘. Ich habe ‚Das Schloss‘ von Michael Haneke gesehen, weil ich Michael Haneke als Filmemacher genial finde. Und dann gab es auch Bücher, wie zum Beispiel ‚Kafka am Strand‘ von Haruki Murakami.“
„Rückblickend wirkt es wie ein Rausch, sehr kostbar und reichhaltig, aber auch völlig irre, zusammenhangslos.“
Jetzt ist der Dreh zu Ende. Wie fühlen Sie sich? War es für Sie ein Umbruch? Soweit ich weiß, haben Sie bisher eher Theater gespielt. Bringt es Sie jetzt mehr auf die Filmlaufbahn?
„In der Tat, ich komme ja mehr so von der Theaterschiene, ich würde fast schon behaupten von der experimentellen Schiene also dem experimentellen Theater, dem Performancetheater. Irgendwann habe ich mit Kurzfilmen angefangen, und jetzt geht es gerade alles so Richtung Kinofilme. Ich würde schon den Fokus mehr auf Film legen, weil ich merke, dass das für mich mehr Arbeit ist. Es ist einfach mehr Arbeit, interessantere Arbeit. Vielleicht spiele ich auch irgendwann wieder Theater. Aber ich glaube, sich wirklich in so eine Rolle hineinfallen zu lassen und das wirklich Tag zu Tag unterschiedlich zu erleben, macht schon mehr mit mir.“
Und Ihre persönlichen Gefühle jetzt nach dem Ende des Drehs, wenn Sie nicht mehr Kafka sind?
„Rückblickend war das alles wie so eine Art Traum, den ich jetzt gar nicht mehr deuten kann. Es wirkt wie ein Rausch, sehr kostbar und reichhaltig, aber auch völlig irre, zusammenhangslos. Ja, aber es war eine tolle Zeit und auch eine absurde, eine schöne.“
Das Biopic über Franz Kafka wurde in zwei Sprachfassungen gedreht: in einer Kombination aus Deutsch und Tschechisch, so wie zu Kafkas Zeiten in Prag gesprochen worden war, und in einer rein tschechischen Fassung. Der Kinostart ist in Tschechien für den 25. September und in Deutschland für den 23. Oktober 2025 geplant.
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