Hobbyforscher Walter Tattermusch schreibt und lebt tschechisch-deutsche Familiengeschichte

Ehepaar Helena und Walter Tattermusch

„Tattermusch. Eine Familie aus Böhmen“. Das Buch, das im Mai dieses Jahres in erweiterter Auflage erschien, hat einen eher unspektakulären Titel. Aber für seinen Autor Walter Tattermusch war die darin enthaltene Geschichte so spannend, dass er sein halbes Leben lang seine Freizeit in Archiven und Lesesälen verbrachte. Die Spuren seiner Ahnen führten ihn ins Böhmen des 17. Jahrhundert zurück. Und gemeinsam mit seiner Ehefrau Helena, die aus Liberec stammt, fügt Walter Tattermusch ein weiteres deutsch-tschechisches Kapitel in der Familienhistorie hinzu. Beide waren vergangene Woche zu Gast im Studio von Radio Prag International.

Herr Tattermusch, Sie haben die Geschichte Ihrer Familie erforscht und sind dafür einige Jahrhunderte weit zurückgegangen. All das ist nachzulesen im Buch „Tattermusch. Eine Familie aus Böhmen“. Es gibt eine schöne Anekdote dazu, wann und warum Sie mit dieser Ahnenforschung angefangen haben…

Tattermusch - eine Familie aus Böhmen | Foto: Bookmundo Direct

Walter Tattermusch: „In unserer Familie wurde immer gesagt, wir sind die einzigen Tattermuschens weit und breit. Und es gibt noch Verwandte da irgendwo in der DDR, aber das ist es dann auch. Nun hatte ich an einem Tag im Büro ein Telefonat zu führen mit einer Einrichtung in Heilbronn. Ich hatte keine Telefonnummer zur Hand, habe das Telefonbuch genommen – und ganz merkwürdig: Ich schlug nicht die Seite von Heilbronn auf, sondern von Wilsbach bei Heilbronn. Es war die Seite mit dem Buchstaben T, und da stand Tattermusch. Ich war wie vom Donner gerührt und habe überlegt. Und dann habe ich nicht in Heilbronn angerufen, sondern in Wilsbach. Dort sprach ich mit einer älteren Dame, Frau Philomena Tattermusch, die ziemlich überrascht war. Aber sogleich fragte sie, wo meine Vorfahren herkommen, und so haben wir uns sehr schön unterhalten. Zum Schluss sagte sie, wir sollten überlegen, wie wir zusammengehören, und dass es noch mehr Tattermuschs gebe. Ihr Sohn Peter sei vor einem Monat nach Böblingen gezogen und habe am Telefon gesagt: Mama, hier in Böblingen gibt es schon einen Peter Tattermusch. Mit dieser Erkenntnis haben wir das Gespräch beendet, und ich habe dann gleich den Peter Tattermusch in Böblingen angerufen.“

Das war im Jahr 1980.

Walter Tattermusch: „Genau.“

Wann haben Sie denn angefangen, systematisch zu suchen, in Dokumenten und Archiven?

Nationalarchiv | Foto: Barbora Němcová,  Radio Prague International

Walter Tattermusch: „Das ging relativ schnell. Denn die Nachforschungen in der Familie waren nicht sehr ergiebig. Alle hatten nur ein bisschen Ahnung oder einmal etwas gehört, aber eben nichts Genaues. Da war dann klar, dass ich mich in den Archiven umschauen muss. Da tauchte dann schon das erste Problem auf: Ich hatte nicht mit einem Archiv zu tun, sondern gleich mit drei. Die Vorfahren stammen ja aus Westböhmen, und das ist aufgeteilt auf die Archive in Pilsen, Prag und Litoměřice.“

Was haben Sie denn Spannendes über Ihre Familie herausgefunden?

Walter Tattermusch: „Der Name Tattermusch ist um 1680 in Westböhmen entstanden. Und zwar geht er zurück auf einen Herrn Tatrman – Jan Tatrman oder Johannes Tatrmann, das ist in den Urkunden unterschiedlich eingetragen. Dieser Jan Tatrman ist wohl durch den Dreißigjährigen Krieg nach Westböhmen gekommen. Es war ja damals alles verwüstet. Er hat sich in Starý Plzenec niedergelassen und als Bauer und Schuster gelebt. Das ist auch in Urkunden verzeichnet. Und dann hat sich irgendwas ereignet. Jedenfalls hat um 1680 dann ein Teil der Familie den Namen Tatrmusch angenommen und ist direkt nach Norden in Richtung Manětín und Rabštejn gezogen. Und ein Teil hat den Namen Tatrman behalten.“

Und wo überall war die Familie dann über die Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte ansässig?

Walter Tattermusch: „Durchweg in Westböhmen. Sie sind von Starý Plzenec über Manětín und Rabštejn dann immer weiter nach Norden gegangen, und das Ende der ganzen Entwicklung lag dann in Děčín. In allen Orten waren sie Bauern – wenn es ging –, dann Knechte und Mägde, aber auch einfach ganz arme Leute. Die Lebensverhältnisse waren ja damals zum Teil katastrophal. Die Lebenserwartung war nicht besonders hoch, und die vielen Krankheiten haben die Familien dezimiert. Ich habe zum Beispiel eine Frau Tattermusch gefunden, die mit einem Tagelöhner verheiratet war und für ihn 16 Kinder geboren hat. Von diesen 16 Kindern hat nur ein einziges das 21. Lebensjahr erreicht. Alle anderen sind schon zum Teil als Kleinkind gestorben, an den verschiedensten Krankheiten. Und ausgerechnet dieser Sohn ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Die Frau war im Alter dann ganz allein und hat als Bettlerin gelebt. Sie waren also Knechte, Mägde, Bauern, und es gibt eine Tradition von Gastwirten und dann später Hotelbesitzern. Das Ganze hat sich 1848 schlagartig geändert. Die Menschen hatten mehr Freiheiten. Sie haben ihren Beruf selbst wählen können, was vorher nicht möglich war, und auch den Wohnsitz frei wählen können. Da sind dann welche nach Prag gezogen, andere nach Budweis und wieder welche nach Wien. Das war der Schritt in die große Welt, der durch die Ereignisse von 1848 und später möglich wurde. Um 1900 sind dann auch Familienmitglieder nach Amerika ausgewandert und haben da ihr Leben begründet.“

Teile Ihrer Familie wurden aus Tschechien vertrieben zum Ende des Zweiten Weltkriegs, weil sie nach wie vor zur deutschen Minderheit gehörten. Das heißt, selbst wenn die Familie Tattermusch seit dem 17. Jahrhundert in Böhmen lebte, waren es immer Deutsche?

Walter Tattermusch: „Ja, genau. Die Familie hat immer im deutschen Siedlungsgebiet gewohnt, also in Westböhmen. Es sind welche aus dem Gebiet hinausgezogen, und da hat es dann noch einmal eine Tschechisierung des Namens gegeben. Aus dem Tattermusch wurde der Tattermuž, denn muž heißt Mann. Und sie sind dann auch nach dem Zweiten Weltkrieg hier geblieben, denn ein Teil der Familie durfte in der Tschechoslowakei bleiben. Sie leben in Krnov, Kadaň und in Prag. Es gibt ja die berühmte Opernsängerin Helena Tattermuschová. Sie stammt aus einem Zweig der Familie, der schon vor 1880 ganz tschechisch war.“

Und wissen Sie, wann und wie Ihr Familienzweig nach Deutschland gekommen ist?

Walter Tattermusch: „Mein Großvater hatte einen Bruder. Beide sind aufgewachsen in Klein Holletitz, in Holedeček, bei Saatz. Sie hatten noch mehr Geschwister, aber die beiden sind besonders aufgefallen. Denn mein Großvater hat eine Evangelische geheiratet – das war ganz furchtbar für diese Gegend und die stockkatholische Familie. Danach war klar, dass er nicht bleiben kann. Er ist dann mit seiner Frau nach Dresden gegangen. Dort hat er erst in einer Kofferfabrik gearbeitet, dann bei einer Spedition, wo er auch Karriere machte. Die Eltern waren erschüttert. Die Frau ist niemals in Klein Holletitz gewesen – aber die Kinder durften bei den Großeltern Ferien machen. Und der andere Sohn hat eine Jüdin geheiratet. Ob das jetzt schlimmer für die Familie war oder nicht, das ist nicht ganz klar. Ich habe den Eindruck, sie haben beides als entsetzliches Unglück aufgefasst. Und diese Frau ist niemals in Klein Holletitz gewesen. Aber die Kinder waren zur gleichen Zeit wie mein Vater und dessen Bruder dort bei den Großeltern und haben zusammen gespielt. Mein Vater hat noch im hohen Alter von Klein Holletitz geschwärmt.“

Haben die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, vor allem dessen Ende, die Beneš-Dekrete und die Vertreibungen in ihrer Familie eine Rolle gespielt?

Walter Tattermusch: „Ja, natürlich. Ein Teil der Familie – das waren die, die schön katholisch waren – sind auch in dieser Zeit in Böhmen geblieben, haben das Protektorat erlebt und sind dann zum größten Teil vertrieben worden. Sie sind dann irgendwo gelandet. Es war ja nicht so, dass die Leute große Wahlmöglichkeiten hatten, sondern sie wurden irgendwohin transportiert. Ein Teil ist in der ehemaligen DDR gelandet, ein Teil in Bayern und ein Teil eben auch in Baden-Württemberg. Ich habe ja mit vielen Familienmitgliedern darüber gesprochen, und viele waren traumatisiert und auch in den 1980er Jahren noch schwer getroffen, dass man sie vertrieben hatte. Denn – wie man das heutzutage einordnen soll, weiß ich nicht – sie haben gesagt, sie hätten von all dem, was da passiert ist, nichts mitbekommen. Ob man auf dem Dorf so abgeschieden leben kann, dass man das Weltgeschehen an sich vorbeirauschen lässt, das weiß ich nicht. Aber es war schon so, dass einige ganz entsetzt waren.“

Helena Tattermusch: „Zu der Frage, ob die Menschen etwa gewusst haben: Meine Mutter war eine halbe Deutsche. Sie lebte in den Hitlerdeutschen Sudetengebiet, also in der Nähe von Liberec. Sie sagte mir immer: ‚Wir haben von nichts gewusst.‘ Das glaube ich auch. So ein vergessenes Dorf irgendwo, da haben sie nichts mitbekommen. Einerseits war der Rundfunk damals von den Nazis so gefördert worden, dass die Leute immer ihre Propaganda hörten. Auf der anderen Seite haben diese Dörfer, die sich keinen Rundfunk leisten konnten, nichts gewusst.“

Walter Tattermusch: „Aber ich habe bei der Forschung auch mit Leuten zu tun gehabt, die sagten, dass sie darüber gar nicht sprechen möchten. Da waren welche dabei, die aktive Nazis gewesen sind – und zwar von vornherein. Als die Henlein-Partei noch in ihren Anfängen war, träumten sie schon von dem Anschluss an das Deutsche Reich.“

Nun haben Sie all das als Buch veröffentlicht. Warum ist eine solche Familiengeschichte auch für die Allgemeinheit interessant?

Walter Tattermusch | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Walter Tattermusch: „Es gibt zwei Beweggründe. Einmal hatte ich meine Erkenntnisse aus der Familienforschung im Internet veröffentlicht und eine Homepage eingerichtet. Die ist dann aber gehackt worden, das war also ein Desaster. Ich war dann ziemlich geknickt, weil ich dachte, dass das zum einen für Familienangehörige interessant ist. Und dann ist es zum anderen so, dass sich in der Familienchronik das Leben einer bestimmten Menschengruppe widerspiegelt – nämlich nicht der Herrschenden, sondern der Untertanen. Die Geschichtsschreibung folgt ja vielfach den großen Herren – Feldherren, die Schlachten gewonnen und blutige Gemetzel veranstaltet haben, oder auch den Geschichten edler Familien, die ihre Untertanen ausgepresst und dadurch wunderbare Schlösser errichtet haben. Mir ging es darum aufzuzeigen: Geschichte wird nicht nur von Herrschenden, von Kriegern und Feldherren gemacht. Sondern jeder Einzelne macht Geschichte. Jeder einzelne Bürger schafft eine Geschichte und eine geschichtliche Entwicklung durch sein Verhalten, sein Leben und auch in bestimmten Krisensituationen. Und das ist es eigentlich wert, festgehalten zu werden.“

Wie hat sich durch Ihre Forschung, vor allem hier in Tschechien, für Sie selbst Ihr Bild auf Tschechien und auf die Menschen, auf Land und Leute verändert? Sie haben ja schon vorher eine enge Beziehung zu Tschechien gehabt…

Walter Tattermusch: „Naja, ich bin ja mit einer Tschechin verheiratet. Wir haben 1970 im März geheiratet, und ich bin viel in Tschechien gewesen. Ich mag dieses Land, das muss man wirklich sagen. Die Landschaft ist wunderbar, und die Menschen sind wirklich nett und liebenswert – wenn man einmal von Antonín K. absieht, der mir im Prager Bahnhof meinen Koffer geklaut hat. Aber das ist eine Ausnahme gewesen. Also da ist die Liebe zu diesem Land. Irgendwie denke ich, in mir ist irgendwo auch noch böhmisches Blut. Und ich habe natürlich lebhaften Anteil genommen an der tschechischen Geschichte und dann an der neueren Geschichte. Richtig intensiv fing das in den 1960er Jahren mit dem Prager Frühling an. Das war die Zeit, in der ich politisch recht aktiv war. Ich habe auch am 21. August 1968 vor der russischen Botschaft in Bonn-Bad Godesberg demonstriert, abends im Dunkeln. Das hat die Russen aber nicht interessiert. Und so ist also eine Beziehung nicht nur im ganz Persönlichen, sondern auch im größeren Bereich gewachsen. Wir haben Freunde hier, und das ist schön.“

Ehepaar Helena und Walter Tattermusch | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Helena Tattermusch: „Naja, die deutsch-tschechische Geschichte ist sehr schmerzhaft. Allerdings haben schon die Přemysliden Menschen aus deutschen Landen geholt, um die Grenzgebiete zu besiedeln und zu urbanisieren. Sie gründeten Dörfer und kleine Städtchen. Das war eigentlich alles in friedlicher Koexistenz, bis dann eben der Nationalismus hochkam und dieser Henlein in Liberec. Meine Mutter erzählte, dass er die Leute wie elektrisiert hat. So wurde etwas gegeneinander aufgebracht, was vorher Jahrhunderte gut gegangen war. Ich finde, dieses Buch versucht, da nicht so belastend zu sein. Denn die Tschechen haben es auch unter den Habsburgern sehr schwer gehabt. Im Buch ist das gut verarbeitet – eben die einfachen Leute und nicht immer irgendwelche hohen Potentaten. Das Buch, so hat es uns kürzlich ein Freund gesagt, gehört in die Schule.“

Walter Tattermusch: „Goethe hat einmal an seinen Sohn geschrieben, die tschechische Geschichte sei eine der traurigsten der Welt. Die Tschechen haben unter den Habsburgern entsetzlich gelitten. Da wurden ja tschechische Literatur und Kunstwerke vernichtet in dem Bemühen, einen einheitlichen Staat zu haben, den man gut regieren kann und in dem es vor allem die deutsche Sprache gibt. Und das hat natürlich gewaltige Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl der Tschechen gehabt. Sie hatten vielfach gar keinen Zugang zu höheren Positionen, sondern waren das Volk der Dienstboten. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen. Gerade auch, wenn ich an den Landtagsabgeordneten Tattermusch denke, der da deutschnationale Ziele im böhmischen Landtag vertreten hat. Sein Blick auf die Tschechen war nur von oben herab und hochmütig. So kann man aber nicht zusammenleben.“

Das Buch „Tattermusch. Eine Familie aus Böhmen“ hat 240 Seiten und ist im Mai 2025 in zweiter Auflage über Bookmundo erschienen.