Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Spenden: Wie solidarisch sind die Menschen in Tschechien?
Im vergangenen Jahr hat jeder dritte volljährige Tscheche ein Ehrenamt ausgeübt. Und rund die Hälfte aller Menschen im Land spendete einen Geldbetrag.
Wie solidarisch sind die Menschen in Tschechien? So lässt sich die Kernfrage einer aktuellen Studie des Meinungsforschungsinstituts Stem betiteln. Jaromír Mazák leitet die Forschungsabteilung von Stem und sagte dem Tschechischen Rundfunk:
„Ich denke, die Tschechen können sehr solidarisch sein. Das zeigt sich vor allem in Krisenmomenten, wie dem Hochwasser im vergangenen Jahr oder dem Tornado in Mähren vor vier Jahren. Und am deutlichsten wurde dies 2022, als eine große Zahl ukrainischer Flüchtlinge in unser Land kam. Eine solche Welle der Solidarität in Form von ehrenamtlicher Hilfe und Spenden hatte es bis dato noch nie in Tschechien gegeben.“
Aber wie nachhaltig ist diese Form der Hilfe? Hinsichtlich der Freiwilligenarbeit führt Mazák aus, dass rund ein Drittel der Menschen ihr Ehrenamt in einem Verein oder einer Organisation seit zehn oder mehr Jahren ausübe. Spenden hingegen würden zumeist als Einmalzahlung erfolgen.
„Es sind emotionale Schenkungen, häufig in Reaktion auf eine Krisensituation. Regelmäßige Spender gibt es hierzulande nur wenige. Das kann auch damit zusammenhängen, dass wir nur wenig darüber sprechen. Denn die Menschen haben Angst, dass dies als Angeberei herüberkommt. Dass jemand zugibt, dauerhaft eine bestimmte Organisation mit Geld zu unterstützen, ist in Tschechien wirklich nicht üblich.“
Und auch das wolle man mit der Untersuchung ändern, sagt Mazák. Die Studie von Stem konnte etwa zu Tage bringen, dass die Gesamtmenge der Spendengelder vergangenes Jahr rund 20 Milliarden Kronen (819 Millionen Euro) betrug. Die ehrenamtlich geleistete Arbeit entsprach 95.000 Vollzeitstellen.
Die Autoren der Studie haben den Begriff der Freiwilligenarbeit bewusst weit gefasst. Gezählt wurden nicht nur Tätigkeiten in sozialen Einrichtungen, wie in der Altenpflege oder in der Kinderbetreuung. Auch die Arbeit für den Kleingartenverein, bei der freiwilligen Feuerwehr oder als Sporttrainer wurde registriert. Darüber hinaus gebe aus laut Mazák noch den Bereich der nichtorganisierten Freiwilligentätigkeit. Dies beschreibe etwa, wenn jemand beim Wandern den Müll anderer einsammelt oder einer älteren Nachbarin mit den Einkäufen hilft.
Als Motivation für das Engagement nannten die Umfrageteilnehmer das Bedürfnis, nützlich zu sein oder auch dem eigenen Wertekodex zu entsprechen, aber ebenso schlicht die Freude, anderen zu helfen. Jaromír Mazák ergänzt:
„Vor allem junge Menschen können durch ein Ehrenamt Erfahrungen sammeln und Verantwortung übernehmen, was ihnen ein Nebenjob oft nicht bietet. Dass kann sie in ihrer Karriere voranbringen.“
Und zum Sinn von Ehrenamt und Spenden sagt der Soziologe noch:
„Wir verbringen aktuell immer mehr Zeit online, der persönliche Kontakt geht teilweise verloren. Oftmals haben wir das Gefühl, dass die Gesellschaft fragmentiert und zerstritten ist. Durch ein Ehrenamt kann man sich jedoch begegnen – und das in einem positiven Kontext. Der eine hat ein gutes Gefühl, weil er hilft, und der andere ist dankbar, weil er Unterstützung bekommt. Das kann dazu führen, dass wir andere Menschen wieder positiver wahrnehmen und ihnen vertrauen.“
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