Bedeutender böhmischer Geschichtsschreiber: Vor 900 Jahren starb Cosmas von Prag
Der Geschichtsschreiber Cosmas von Prag starb am 21. Oktober 1125. Die von ihm verfasste Chronik prägt auch heute noch, wie sich Historiker das Frühmittelalter in Böhmen vorstellen. Dieser Tage wird mit einem großen Ausstellungsprojekt an den 900. Todestag des Gelehrten erinnert, im Zentrum stehen wertvolle Abschriften seiner Chronik.
Die „Chronica Boemorum“ ist eines der bedeutendsten Dokumente der tschechischen Geschichtsschreibung. Auf Tschechisch wird das Dokument meist nur „Kosmova kronika“ benannt – nach dem Verfasser des Schriftstücks. Aber wer war dieser Cosmas von Prag? Der Geschichtswissenschaftler Tomáš Klimek antwortete in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks auf diese Frage:
„Cosmas wurde am Ende seines Lebens Dekan des Domkapitels von St. Veit auf der Prager Burg. Zuvor war er dort bereits Kanoniker. Er stand dem Fürstenhof nahe und nahm zusammen mit dem Prager Bischof an wichtigen Treffen teil. Wir wissen, dass er die Gelegenheit hatte, mit Menschen zu sprechen, die die damalige Geschichte mitprägten.“
Obwohl er verheiratet war, empfing er zudem die Priesterweihe. Cosmas starb am 21. Oktober 1125. Geboren wurde der Geschichtsschreiber 1045 im mittelböhmischen Zdice. Klimek erläutert, warum das Geburtsdatum verhältnismäßig genau bestimmt werden kann:
„Cosmas nennt in der Chronik sein Alter. Wenn man dem Glauben schenkt, kommt man zwar nicht auf das genaue Geburtsdatum, aber immerhin auf das Jahr 1045. Dies würde bedeuten, dass Cosmas im Alter von 80 Jahren starb, denn das Todesdatum kennen wir mit Sicherheit. Es gibt, ehrlich gesagt, keinen Grund, ihm seine Altersnennung nicht zu glauben.“
Bekannt ist Cosmas bis heute wegen der von ihm verfassten Chronik. Der Intellektuelle arbeitete ab 1119 an ihr bis zu seinem Tod sechs Jahre später. Das Werk umfasst sechs Bände, die bis heute maßgeblich die Wahrnehmung des frühmittelalterlichen Böhmens prägen. Es ist laut Mittelalterforscher Klimek die älteste bekannte Chronik des Landes.
„Wir können nicht einhundertprozentig sagen, dass es wirklich die allererste Chronik war. Es gibt auch einige Splitter früherer Legenden, die die Geschichte beschreiben. Aber wir wissen quasi mit Sicherheit, dass Cosmas der Erste war, der die böhmische Geschichte in einer schriftlichen Chronik festgehalten hat – und eben nicht nur in mündlicher Form.“
„Im europäischen Vergleich ist die Chronik etwas Besonderes“
Der Text, den Cosmas auf Latein schrieb, ist heute nicht mehr im Original erhalten. Es existieren aber 15 Abschriften. Die bedeutendste ist die Leipziger Handschrift…
„Dieses Manuskript ist scheinbar das älteste erhaltene. Die jüngste Datierung nennt die Mitte des 12. Jahrhunderts, das wären etwa 25 Jahre nach Cosmas’ Tod.“
Von besonderem Interesse ist dieses Dokument aber auch, weil es die einzige bildliche Darstellung von Cosmas enthält:
„Aufgrund der Datierung der Handschrift können wir nicht ausschließen, dass der Autor Cosmas persönlich kannte. Vermutlich handelt es sich aber eher um ein fiktives Porträt. Davon gehen wir aus, weil die Bekleidung wahrscheinlich nicht den damaligen Kleidern der Kanoniker von St. Veit entsprach.“
Fast zeitgleich mit der Chronik der Böhmen entstand auch eine erste Chronik der Fürsten Polens. Wie lassen sich die beiden Werke vergleichen?
„Die Chronik des sogenannten Gallus Anonymus ist wesentlich kürzer und, ich würde auch sagen, weniger interessant. Ich denke, wir haben großes Glück, dass Cosmas eine wirklich einmalige Chronik geschaffen hat. Das liegt zum einen daran, dass er der Erste war und in Böhmen keine direkten Vorgänger hatte. Sein Werk ist aber auch reich an Informationen, gut durchdacht und dabei gut lesbar und sehr lebendig. Im europäischen Vergleich ist diese Chronik schon etwas wirklich Besonderes.“
Wie glaubwürdig sind Cosmas’ Schilderungen?
Cosmas’ Darstellungen basieren auf mündlichen Überlieferungen und wenigen Schriftquellen. Die Schilderungen setzen bei der mythischen Besiedlung Böhmens ein und enden kurz vor dem Tod des Autors im 12. Jahrhundert. Nicht zwingend müssten die jüngsten Geschehnisse aber am korrektesten dargestellt sein, meint Klimek:
„Die Historiker beschäftigen sich heute nicht ohne Grund mit Themen, die weit vor ihrer Zeit lagen. Für aktuellere Aspekte sind hingegen Soziologen und Politologen zuständig. Und das galt auch schon im Mittelalter. Cosmas nahm für Böhmen an wichtigen Ereignissen teil, etwa wenn Fürsten und Bischöfe verhandelten. Und er hatte dabei seine eigenen Interessen.“
Cosmas dürfte also nicht immer ein unabhängiger Beobachter gewesen sein, meint Klimek. Doch Glaubwürdigkeit hin oder her, seine Chronik wurde schließlich zur wichtigsten Vorlage für die spätere Geschichtsschreibung.
„Praktisch alle Historiker, die sich mit dem Frühmittelalter beschäftigten, sind von dieser Chronik ausgegangen. Sie war die Hautquelle an Informationen. Einige Dinge wurden übernommen, andere verändert oder ergänzt. Aber niemand kam umhin, sich mit diesem Text zu befassen.“
Auch der tschechische Schriftsteller Alois Jirásek griff Ende des 19. Jahrhunderts auf die Cosmas-Chronik zurück, als er sein Hauptwerk „Böhmens alte Sagen“ („Staré pověsti české“) schrieb. Tomáš Klimek verweist zudem auf die zahlreichen Übersetzungen des Dokuments:
„Es gibt etliche Übertragungen und auch Ausgaben. Die bekannteste Übersetzung ins moderne Tschechisch stammt von Karel Hrdina und entstand vor rund 100 Jahren. Sie wurde mehrfach überarbeitet, zuletzt erschien sie 2011. Derzeit arbeitet Petr Kopal an einer Neuübersetzung, die dieses Jahr herauskommen soll.“
Die erste Übersetzung ins Deutsche stammt von Georg Grandaur und erschien 1885.
Für die Historiker von heute ist die „Chronica Boemorum“ laut Klimek übrigens Segen und Fluch zugleich:
„Durch dieses Werk wissen wir unheimlich viel über das Frühmittelalter in Böhmen. Aber es handelt sich nach wie vor nur um einen einzigen Text, nur um einen Blickwinkel. Wir müssen deshalb versuchen, Cosmas’ Konzept zu verstehen und zu dekonstruieren. Für unsere Auslegung des Frühmittelalters ist es nötig, auch andere Konzepte aufzugreifen, die vielleicht nicht schriftlich kodifiziert wurden, damals aber dennoch existiert haben können.“
Ausstellung mit Handschriften zum Jubiläum
Anlässlich des 900. Todestages von Cosmas wird in der kommenden Woche eine Ausstellung eröffnet, die der berühmten Chronik gewidmet ist. Sie steht unter dem Namen „Kosmas 900“. Martina Košanová leitet die Kommunikationsabteilung der tschechischen Nationalbibliothek, die das Projekt organisiert. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks erläuterte sie das Konzept:
„Wir wollen zeigen, wie die Chronik im Laufe der Zeit gelesen und wie ihr Inhalt ausgelegt wurde. Denn die Bedeutung des Textes hing auch von den Vorstellungen und Bedürfnissen der jeweiligen Epoche ab.“
Außer an die breite Öffentlichkeit richtet sich die Ausstellung laut der Pressesprecherin vor allem an Schulgruppen:
„Durch die Erzählungen und interaktive Aufgaben erfahren die Schüler, dass Cosmas über Themen geschrieben hat, die uns heute nahestehen, selbst wenn er in einer ganz anderen Zeit gelebt hat. Wir wollen auch die Lehrer anregen, Cosmas in neuen Zusammenhängen zu unterrichten.“
Zu sehen gibt es in den historischen Räumlichkeiten des Klementinums unter anderem acht der 15 Handschriften der Chronik, die so noch nie zusammen ausgestellt wurden. Darunter ist neben dem bedeutenden Manuskript aus Leipzig auch eine Leihgabe der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Präsentiert werden die historischen Dokumente aber nur rund einen Monat lang – und zwar laut Tomáš Klimek aus gutem Grund:
„Das liegt am Schutz der mittelalterlichen Handschriften. Sie werden sonst üblicherweise für eine noch kürzere Dauer ausgestellt. Dass wir sie einen Monat zeigen können, ist schon ein Erfolg und hängt auch damit zusammen, dass wir sehr gute Vitrinen mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen haben.“
Die Ausstellung wird am Donnerstag kommender Woche eröffnet und ist bis zum 23. Oktober zu sehen.
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