Böhmerwaldkirche St. Maurenzen: Tschechen, Deutsche und Österreicher treffen bei Wallfahrt zusammen
Am Samstag wurde in der Böhmerwaldkirche St. Maurenzen eine tschechisch-deutsche Wallfahrtsmesse gefeiert.
Nicht nur die Kirchenlieder wurden auf Tschechisch und Deutsch gesungen, sondern der ganze Gottesdienst wurde zweisprachig zelebriert. In den Bänken der Kirche St. Maurenzen im Böhmerwald saßen Gläubige aus Deutschland, Österreich und Tschechien. Für die musikalische Begleitung sorgte die Kostelband aus dem nicht weit entfernten Horažďovice.
Das zweitälteste Gotteshaus des Böhmerwaldes steht auf einem Hügel oberhalb des Dorfs Annín (auf Deutsch Annatal). Es ist dem Heiligen Mauritius geweiht. Auf Tschechisch wird es Mouřenec genannt. Pfarrer Jan Kulhánek sagte in der Predigt unter anderem:
„Ich besuche diese Kirche mehrmals im Laufe des Jahres und begegne hier unterschiedlichen Menschen – bei Hochzeiten, Taufen und Gottesdiensten, aber auch Wanderern, die hier vorbeikommen. Mit ihnen kann ich immer ein paar Worte wechseln. Wenn ich mir den hier abgebildeten Mauritius anschaue, fällt mir die Frage danach ein, worin die Größe eines Menschen besteht. Ich finde dies wichtig in einer Zeit, in der die Werte relativiert werden.“
In der Kirche steht eine moderne Plastik, die den Kirchenpatron darstellt. Diese wurde dort vor einigen Jahren installiert. Mehrere Jahrhunderte älter sind jedoch die wertvollen mittelalterlichen Fresken an einer der Kirchenwände. Sie stellen Szenen aus dem Leben des Namenspatrons dar.
Während der kommunistischen Zeit wurde der Sakralbau mit dem umliegenden Friedhof und dem Beinhaus seinem Schicksal überlassen. Für die Rettung und eine entsprechende Instandsetzung des heruntergekommenen Baudenkmals setzten sich kurz nach der Wende von 1989 ehemalige deutsche Bewohner ein, die aus der Umgebung stammten. Die Initiatoren waren vor allem die Architekten Karl Suchy und Karl Prinz. Vor 32 Jahren wurde die Kirche wiedergeweiht. Seitdem werden hier einige Male im Jahr Messen gelesen. Zudem werden das ganze Jahr hindurch Führungen und Konzerte in St. Maurenzen organisiert. Dafür sorgt der tschechische Verein der Freunde von Mouřenec. Dieser arbeitet mit dem deutschen Förderverein zur Erhaltung von St. Maurenzen zusammen. Pfarrer Kulhánek sagte, er sei mittlerweile das zehnte Jahr im Böhmerwald und habe bereits 19 Gottesdienste in der Kirche gefeiert. Diesmal war in der Kirche die jüngere Generation stärker als sonst vertreten. Dazu Jan Kulhánek:
„Der Generationswechsel ist zu beobachten. Obwohl ich zugeben muss, dass ich gerne auch jemanden der älteren Besucher treffe, die hier bei der Instandsetzung der Kirche mit dabei waren. Obwohl ich die deutsche Sprache nicht perfekt beherrsche, finden wir immer eine gemeinsame Sprache, um uns zu verständigen.“
Unter den deutschen Pilgern war auch Christopher Mader vom Förderverein zur Erhaltung von St. Maurenzen. Nach dem Gottesdienst ist das folgende Gespräch entstanden.
Herr Mader, Sie sind der neue Vorsitzende des Fördervereins. Seit wann leiten Sie den Verein?
„Seit circa eineinhalb Jahren, und es war so ein Generationenwechsel. Meine Vorgängerin Margrit Kaiser hat diese Funktion elf Jahre lang ausgeführt mit ganzem Herzen. Jetzt hat sich die Chance ergeben, dass wir eine ganz neue Generation in den Vorstand hineinbringen.“
Stammte jemand von Ihren Vorfahren aus dieser Region?
„Eine ganze Menge meiner Vorfahren stammt von hier. Wenn Sie vor die Kirche schauen, ist dort ein Ehrengrab, da liegt mein Ururgroßvater Adolf Klimsa. Er war hier Lehrer in dieser kleinen Mikro-Schule von Maurenzen. Heute waren wir im Forellenbachtal, da gibt es eine Mühle. Dort lebte meine andere Vorfahren-Linie, die Hoffmanns, über 300, 400 Jahre lang sind sie dort Müller gewesen. Und dann gibt es noch die Maders. Und das ist eine Lehrerfamilie, sie waren hier Oberlehrer. So wie meine Wurzeln hier verschieden sind, sind sie auch wiederum verflochten mit allen anderen Kollegen und Freunden aus unserem Verein. Hier stehen etwa 20 Leute, die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, dass 15 davon miteinander verwandt sind, ohne es zu wissen. Das sind meine Böhmerwald-Wurzeln. Das ist der Grund, warum ich jedes Mal, wenn das Böhmerwald-Lied gespielt wird, Tränen in den Augen habe. Ich kann nichts dagegen machen, ich bin machtlos.“
Haben Sie bereits früher Maurenzen besucht?
„Immer schon. Als kleiner Bub bin ich schon mit meiner Großtante hergekommen, und die hat mir ganz begeistert gesagt, wir gehen jetzt in die Hölle. Sie hat das Höllental gemeint, aber ich als kleiner Bub habe mir gedacht, um Gottes Willen, wo bringt die mich jetzt hin? Und das waren meine ersten Erinnerungen, dass ich dann auf Tschechisch ,zmrzlina‘ bestellen durfte, mein erstes tschechisches Eis. Das war zu kommunistischen Zeiten. Die Böhmerwald-Geschichte ist Teil von unserem Gewebe, von unserer Familie, von unserer DNA. Und ob man will oder nicht, es lässt einen nie los. Aber nicht jeder hört drauf. Manche Leute überhören das. Ich habe auch einen Bruder, er war schon ein paar Mal hier, aber er hat da kein Gespür dafür. Es ist ihm nicht so wichtig. Ich merke das aber auch bei anderen, die sich für die Familiengeschichte interessieren, dass dies erst mit 50 Jahren kommt. Vorher interessiert es keinen. Und dann merkt man, hoppla, die Letzten, die das noch erlebt haben, die sterben weg. Man muss sich jetzt kümmern, dass man die Erinnerung zu Papier bringt und für die nächsten Generationen sichert.“
Auf der tschechischen Seite ist auch ein Verein tätig, die Freunde von St. Maurenzen. Wie arbeiten Sie zusammen?
„Es ist wie ein linkes Bein und ein rechtes Bein. Auf einem Bein kann man nicht stehen. Und wenn es einen von diesen beiden Vereinen nicht mehr geben würde, würde es auch diese ganze Arbeit, die wir machen, nicht mehr geben. Das war auch der Grund, warum ich den Job im Vorstand übernommen habe. Seit den frühen 1990er Jahren wurde so viel Herzblut hier hineingesteckt, so viel Geld, so viel Zeit, so viel Liebe, damit diese kleine Böhmerwaldkirche nicht kaputt geht. Und ich will um keinen Preis der Welt, dass das umsonst war, dass das jetzt einschläft, dass das keinen mehr interessiert. Ich möchte nicht derjenige sein, der schuld daran ist, dass das hier einschläft, nur weil ich zu bequem bin, den Job zu machen. Dass die Kirche wieder so ausschaut, wie sie vor 40 Jahren ausgeschaut hat – nämlich zerstört, in der Mitte eine Lagerfeuerstelle, mit den Totenschädeln wurde Fußball gespielt –, soweit darf es nicht mehr kommen. Und deshalb machen wir diese Arbeit, wir führen die Leute zusammen, stiften Freundschaften und erhalten sie von beiden Seiten der Grenze. Wir setzen uns für dieses wunderschöne romanische Gotteshaus ein und sorgen dafür, dass sich die Leute weiterhin die Hände reichen und gemeinsam das Böhmerwaldlied singen.“








