Trotz nachbarschaftlichem Engagement: In Ostrauer Siedlung Bedřiška haben Abrissarbeiten begonnen
In Ostrava / Ostrau wurde in dieser Woche mit dem Abriss der ehemaligen Bergarbeitersiedlung Bedřiška begonnen. Die verbleibenden Bewohner beklagen, dass sie vorher nicht informiert worden seien – und haben die Unterstützung von Staatspräsident Petr Pavel.
Lydie Habustová verfolgt am Mittwochmorgen, wie ein Bagger eines der Häuser in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft einreißt. Der Reporterin des Tschechischen Rundfunks sagt sie:
„Wir schauen zu, welche Vernichtung unser Herr Bürgermeister anrichtet. Wir wurden vorher nicht darüber informiert – auch nicht die Leute, die in der Hälfte der Siedlung wohnen, die stehenbleibt. Die andere Hälfte wird abgerissen.“
Gemeint ist die Siedlung Bedřiška im Westen von Ostrau. Seit Mittwoch werden hier die leer stehenden Gebäude abgerissen, gleich am ersten Tag blieben von zwei der sogenannten finnischen Häuschen nur Schuttberge über. Die Holzbauten bilden die historische Siedlung am ehemaligen Bergbauschacht Bedřich. Jiřina Štenglerová lebt dort seit mehr als 26 Jahren. Einem Team des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehens (ČT) berichtete sie:
„Als mein Mann und ich am Mittwochmorgen um halb acht losgefahren sind, waren wir schockiert, weil gerade die Bagger und andere Autos ankamen. Wir wussten gar nicht, was los ist. Bis zum letzten Moment haben wir nicht daran geglaubt.“
Das Ostrauer Stadtparlament hatte die Abrissarbeiten im Juni dieses Jahres beschlossen. Trotzdem gab es am Mittwoch Proteste von den Anwohnern. Aus dem zuständigen Rathaus des Stadtbezirks Mariánské Hory ist zu hören, dass man über den genauen Beginn der Arbeiten selbst nicht informiert gewesen sei. Im Interview für den Tschechischen Rundfunk äußerte Bürgermeister Patrik Hujdus (parteilos) sein Bedauern über den Verlauf. Eine Sanierung der Siedlung würde sich jedoch nicht auszahlen, so Hujdus‘ Argument. Die Häuser seien verwohnt und in einem desolaten Zustand:
„Wir wollen dort keine verlassenen Häuser stehen lassen, von denen wir wissen, dass sie nicht renoviert werden. Sie können nicht einfach innerhalb eines Monats saniert werden.“
In Bedřiška leben derzeit noch rund 50 Menschen, darunter sind auch Roma-Familien. Allen werden aktuell die Mietverträge gekündigt und andere Wohnungen angeboten. Einige weigern sich jedoch auszuziehen – mit dem Argument, dass die Häuser sehr wohl bewohnbar seien. Sie hatten der Stadtbezirksverwaltung zuvor sogar angeboten, die Gebäude zu kaufen und selbst zu sanieren.
Zur Unterstützung der Bewohner war am Donnerstagmorgen eine Gruppe von fünf jungen Menschen in die Siedlung gekommen. Sie protestierten gegen den Abriss, indem sie sich auf das Dach eines der leer stehenden Häuser setzten. Auf einem Banner wurde bezahlbarer Wohnraum für einfache Leute gefordert. Die Polizei war anwesend, griff aber nicht ein.
Und Zuspruch für die Bewohner kam auch von Staatspräsident Petr Pavel. Er hatte die Siedlung vergangenes Jahr besucht. Am Donnerstag schrieb Pavel auf X:
„Letztes Jahr im Sommer habe ich persönlich gesehen, wie und wo die Menschen in der Ostrauer Siedlung Bedřiška leben. Die Siedlung war ein einmaliges Beispiel für einen Ort, den die Bewohner einer gesellschaftlich ausgeschlossenen Gegend selbst in eine funktionierende Gemeinschaft verwandelt haben. Bei meinen Reisen durch die Republik und Besuchen anderer benachteiligter Gebiete führe ich die Arbeit der dortigen Bewohner immer als gutes Beispiel für ein bürgerschaftliches Engagement an. Darum bedauere ich, was in Bedřiška gerade passiert. Anstatt es als Vorbild zu nehmen, haben wir den Weg der Zerstörung dessen gewählt, was funktioniert hat.“
Er respektiere, dass die Siedlung faktisch der Stadtteilverwaltung gehöre, betonte Pavel, drückte den Bewohnern aber trotzdem seine Unterstützung aus. Zudem bat der Präsident darum, die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen.
Die fünf Demonstrierenden verließen das Hausdach am frühen Donnerstagabend. In den sozialen Netzwerken kündigten sie jedoch an, ihren Protest fortsetzen zu wollen. Ein Polizeisprecher informierte, dass es im Tagesverlauf vor Ort Beschädigungen an zwei Baggern gegeben habe. Die Sprecherin der Bewohnerschaft von Bedřiška, Eva Lehotská, äußerte zudem gegenüber der Presseagentur ČTK, dass ein möglicher Rechtsweg gegen die Abrissarbeiten geprüft werde.







