Kopfvoran durch den Eiskanal: Tschechiens Olympiahoffnung Anna Fernstädt

Skeletonfahrerin Anna Fernstädt mit WM-Bronzemedaille

Erst gehörte sie zum deutschen Skeleton-Team, seit geraumer Zeit repräsentiert sie aber Tschechien. Und das mit zunehmendem Erfolg in den vergangenen beiden Jahren, etwa der ersten WM-Medaille für das Land ihrer Mutter. Die Rede ist von Anna Fernstädt. Die Skeletonfahrerin kämpft bei Olympia in Mailand und Cortina um eine Medaille. Sie muss aber auch mit einer Diabetes-Erkrankung zurechtkommen.

Es war ein sporthistorischer Moment. Bei der Skeleton-Weltmeisterschaft im März vergangenen Jahres in Lake Placid holte Anna Fernstädt die erste WM-Medaille für Tschechien. Und zwar Bronze. Bis 2018 hatte die Sportlerin noch Deutschland repräsentiert, unter anderem auch bei den olympischen Spielen in Pyeongchang. Es ist das Land ihres Vaters, in dem die gebürtige Pragerin auch aufgewachsen ist. Mit einem Umzug der Familie nach Berchtesgaden kam Anna Fernstädt zum Skeleton. Zuvor hatte sie vor allem geturnt. Doch die Anfänge mit dem neuen Sportgerät fand die Jugendliche damals nicht sonderlich prickelnd…

„Am Anfang ist der Schlitten von der einen auf die andere Seite geschleudert, und ich habe einfach nur darum gekämpft, irgendwie ins Ziel zu kommen. Da denkt man nicht sehr an die Technik oder das Lenken des Schlittens, sondern im Sinne von ‚Ich überlebe das‘. Dann gewöhnt man sich aber daran und auch an die Geschwindigkeit. Manchen Menschen mag die Geschwindigkeit unglaublich vorkommen. Ich konzentriere mich aber mehr darauf, wie schnell die nächste Kurve auf mich zukommt, und spüre vor allem den Druck bei der Durchfahrt. Man merkt zwar auch einen Unterschied zwischen 110 und 140 Stundenkilometern. Aber ich denke nicht über die Geschwindigkeit nach, sondern über das, was ich tue“, so die Olympionikin.

Anna Fernstädt | Foto: Christopher Neundorf,  EPA / Profimedia

Nach dem schwierigen Beginn gelangte Anna Fernstädt recht schnell in den deutschen Nationalkader. 2018 wurde sie Junioren-Weltmeisterin im Skeleton, um im selben Jahr den Verbandswechsel bekanntzugeben. Seitdem startet sie für das Land ihrer Mutter. 2019 und 2020 verteidigte sie ihren Junioren-WM-Titel. Aber sie musste sich erst wieder aus dem Intercontinental-Cup in den Weltcup vorkämpfen. In der Saison 2020/21 belegte sie da im Gesamtklassement den fünften Platz.

Anna Fernstädt | Foto: Ivana Roháčková,  Tschechischer Rundfunk

Doch dann kam der Schock. Im Januar 2022 wurde bei Fernstädt Diabetes vom Typ eins diagnostiziert – kurz vor den Olympischen Spielen in Peking:

„Die ersten beiden Jahre waren für mich von der Psyche her kritisch. Da habe ich häufig gedacht, dass ich das nicht packe. Dann bekommt man es irgendwie in den Griff. Viele Leute glauben, dass man sich daran gewöhnen würde. Das ist aber nicht so. Selbst wenn ich an allen Tagen genau das gleiche Frühstück zur gleichen Zeit zu mir nehme, sind meine Zuckerwerte unterschiedlich. Zu Anfang war ich nach jedem Rennen nur froh, dass ich es überlebt hatte. Ich erinnere mich, wie ich heulend meinen Trainer angerufen habe und ihm sagte, dass ich nicht mehr könne. Es ist halt jetzt so, dass ich im Profi-Sport gehandicapt bin. Aber auch im normalen Leben ist der Diabetes nicht einfach. Und wenn ich mit dem Sport aufhören würde, wäre es eher schwieriger. Deswegen habe ich mir gesagt, dass ich weitermache und nur aufhöre, wenn es nicht klappen sollte. Aber es funktioniert!“

Anna Fernstädt | Foto: IMAGO via Reuters Connect

Und in der laufenden Saison hat sich Anna Fernstädt weiter in der Weltspitze etabliert –etwa mit einem zweiten Platz beim zweiten Weltcuprennen in Sigulda und einem dritten Rang in Winterberg.

Seit vorvergangener Woche bereitet sich die 29-Jährige in Italien auf ihren Auftritt bei den Olympischen Spielen vor. Die ersten Trainingsfahrten auf der Bahn von Cortina d’Ampezzo hatte sie zu Wochenbeginn bereits absolviert. Ihr Fazit:

Anna Fernstädt | Foto: Iva Roháčková,  iROZHLAS.cz

„Wir testen immer noch ein bisschen das Material. Der Schlitten ist noch nicht so stabil, wie er sein sollte. Und das Profil der Bahn ist eigenartig: Zunächst ist es eben, dann geht es plötzlich steil hinunter. Da muss man bei den letzten Schritten wirklich Gas geben. Ansonsten ist es eine angenehme Bahn.“

Denn der Start ist vergleichsweise kurz, was Fernstädt entgegenkommt. So sprang im zweiten offiziellen Training bereits ein vierter Platz hinter ihrer ehemaligen deutschen Teamkollegin Jacqueline Pfeifer heraus.

Zeit nimmt allerdings der Diabetes in Anspruch. Um ihre Krankheit besser im Griff zu haben, ist Anna Fernstädt nichts ins Dorf der Athleten gezogen.

„Für mich wäre es dort schwer, den Zuckerspiegel im Blick zu behalten. Ich koche selbst, wenn ich frei habe. Manchmal gehe ich aber auch ins Olympische Dorf zum Mittagessen. Ansonsten brauche ich vor allem vor dem Training und am Abend die Kontrolle. Das Dorf ist allerdings super“, sagt Fernstädt.

Der Skeleton-Wettbewerb bei Olympia besteht aus vier Fahrten. Für die Frauen finden die ersten beiden am Freitag, die beiden anderen am Samstag statt. Tschechische Medien berichteten, dass Anna Fernstädt mit ihrem Trainer eine Olympia-Wette abgeschlossen hat: Holt sie eine Medaille, müsse er ihr den Urlaub bezahlen.

Autor: Till Janzer | Quelle: Český rozhlas
schlüsselwörter:
abspielen