Übersetzer Urs Heftrich: „Dass ich Tschechisch gelernt habe, hat ein Feldwebel entschieden“
Wer schon einmal tschechische Lyrik in deutscher Übersetzung gelesen hat, ist eventuell bereits auf den Namen Urs Heftrich gestoßen. Seit 1989 hat Heftrich die Werke von über 40 tschechischen Dichtern ins Deutsche übertragen, darunter Lyriker wie Jan Zahradníček, Vladimír Holan oder Josef Čapek. Seit 2001 ist Heftrich Professor für Slawische Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg und leitet das dortige Slawische Institut. Und seit kurzem gibt er auch eigene Lyrik heraus. Die ersten beiden Monate dieses Jahres verbrachte Urs Heftrich im Rahmen einer Literaturresidenz in Prag.
Herr Heftrich, wenn man Tschechisch kann und sich hier im Land bewegt, hört man oft die Frage, warum das so ist und was man hier eigentlich will. Was wäre Ihre Antwort darauf? Mit anderen Worten: Warum haben Sie eigentlich Tschechisch gelernt?
„Ich bin ausgebildeter Kriegsgefangenenbefrager.“
„Die Frage, was ich hier will und warum ich Tschechisch gelernt habe, unterscheidet sich in meinem Fall fundamental. Denn ich stamme noch aus dem Kalten Krieg. Tschechisch habe ich bei der Bundeswehr gelernt, ich wurde dort zum Kriegsgefangenenbefrager ausgebildet. Es gab dafür eine kleine Einheit, die für den Ernstfall geprobt hat. Es ging darum, Überläufer der Roten Armee zu befragen und die Ergebnisse an die Front zu schicken. Wir wären relativ nah an der Front im Einsatz gewesen. Und in diesem Rahmen gab es die Möglichkeit, slawische Sprachen zu lernen. Interessanterweise hatte die Bundeswehr damals offiziell kein Feindbild, aber als Sprachen wurden nur Russisch, Polnisch und Tschechisch angeboten. Ich habe meine Militärzeit also positiv genutzt und sehr intensiv Tschechisch gelernt. Der Sinn war ja auch, dass man die Sprache richtig gut kann. Es gab also knüppelharten Unterricht, fünf Stunden am Tag, fünf Tage die Woche – mit 30 neuen Vokabeln täglich. Das summiert sich dann. Und dadurch kam dann dieses Interesse an den slawischen Sprachen.“
Das ist ja eine komplett verrückte und interessante Geschichte!
„Ja, und zu diesem Zweck bin ich jetzt aber eben nicht in Prag.“
Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Literaturwissenschaftler geworden sind?
„Dass ich etwas mit Literatur machen würde, war relativ klar. Und da ich diese Sprache schon konnte, war es einfach sinnvoll, das auszunutzen. Später kam noch das Russische hinzu und dann noch weitere slawische Sprachen.“
Es ist interessant, dass Sie mit dem Tschechischen begonnen haben und erst dann das Russische kam. Oft ist es andersherum.
„Das hat ein Feldwebel entschieden, der uns eingeteilt hat. Und ich hatte keine Russischvorkenntnisse. Ich hatte also keine Wahl, war dann aber sehr zufrieden mit dieser Entscheidung. Denn Russisch hatten natürlich viele Leute schon in der Schule. Tschechisch war eine schöne Nische.“
Heute sind Sie Professor für slawische Literaturwissenschaft an der Universität in Heidelberg. Wie große ist dort das Interesse der Studierenden an der Bohemistik? Heidelberg ist ja doch eine Ecke weg von der Grenze. Ist das Tschechische dort also ein Orchideenfach? Oder gibt es eine rege Nachfrage?
ZUM THEMA
„Die Zahlen sind nicht groß, das ist klar. Aber das Interesse ist rege und gleichbleibend. Als Václav Havel Präsident wurde, hatte sich das enorm ausgewirkt. Da haben sich die Zahlen für das Tschechisch schlagartig verzehnfacht. Aber das war nur eine kurzfristige Angelegenheit. Denn wie die Leute dann sehr schnell gemerkt haben, ist diese Sprache relativ anspruchsvoll. Man muss diese sieben Kasus erst einmal irgendwie lernen und auf die Reihe kriegen. Die politische Begeisterung ist deshalb unter der Mühsal des täglichen Lernens bei vielen wieder kollabiert. Aber heute haben wir ein konstantes Interesse. Es gibt auch eine Partnerschaft mit Prag: Wenn man bei uns Bohemistik studiert, kann man hier in der Stadt eine längere Zeit verbringen. Insofern kommt es auf die geographische Nähe nicht so sehr an.“
Sie verbringen derzeit den Januar und den Februar im Rahmen einer Residenz in Prag. Um was für ein Programm handelt es sich?
„Um ein sehr schönes. Die Unesco hat eine Reihe von Städten zu ‚Unesco Cities of Literature‘ ernannt. Heidelberg war die erste solche Stadt in Deutschland, mittlerweile zählt auch Bremen dazu – und ebenso Prag und noch einige weitere bekannte und teilweise auch weniger bekannte Städte, die eine reiche literarische Tradition haben. An den jeweiligen Orten gibt es unterschiedliche Programme. Prag bietet eine sehr generöse Residenz an. Man darf sich hier zwei Monate aufhalten, in anderen Städten sind es meines Wissens nur zwei Wochen. Mittlerweile ist das Programm hier sehr begehrt. Zum Charme trägt sicher auch bei, dass man eine relativ große Suite in Franz Kafkas Geburtshaus angeboten bekommt, in der man sich austoben kann.“
Das klingt hervorragend!
„Das ist schön, ja.“
Sie beschäftigen sich hier derzeit mit einem besonderen Projekt. Es geht dabei um Prager Treppen, zu denen Sie kurze Essays schreiben. Was genau haben Sie vor? Und was wird am Ende der Output sein?
ZUM THEMA
„Was der Output ist, weiß man vorher nie genau. Im Wesentlichen konzentriere ich mich auf drei Treppen. Einerseits ist das die Treppe in Franz Kafkas Geburtshaus – wenn ich da denn schon residiere… Witzigerweise gab es diese Treppe gar nicht in der Form, als Kafka geboren wurde. Denn dieses Haus wurde erst 20 Jahre nach seiner Geburt errichtet. Das ursprüngliche Gebäude war zuvor abgebrannt. Aber Kafka war noch nicht einmal zwei Jahre alt, als seine Eltern mit ihm von dort weggezogen sind. Der Bezug ist also eher lose, an der Hausecke befindet sich jedoch diese Kafka-Büste, an der sich die Touristen versammeln. Und es gibt ein halliges, leeres Treppenhaus, das eher nur als Fluchtweg eingesetzt wird. Ich benutze es immer, aber ich bin dort noch nie einem Menschen begegnet, weil es auch einen Aufzug gibt. Ich habe das zum Anlass genommen, mir Gedanken über Kafkas Verhältnis zu Treppen zu machen. Denn in seinem Werk gibt es eine Menge davon, und man kann tatsächlich sehr interessante Dinge daran beobachten.“
Und die anderen beiden Texte?
„Der zweite Essay befasst sich mit Karel Hašler, dem tschechischen Schlagersänger, den die Nazis im KZ Mauthausen umgebracht haben. Einer seiner größten Hits war ein Lied über die ‚staré zámecké schody‘, also die Prager Schlossstiege, über die auch Kafka gegangen ist, als er im Goldenen Gässchen gewohnt hat. Der dritte Text führt in die Werich-Villa, in der es auch eine ganz interessante Treppe gibt. Denn im dortigen Museum wird nicht nur an Jan Werich erinnert, den Komiker, der mit Jiří Voskovec in den 1920er und 1930er Jahren hocherfolgreich war, gegen die Nazis opponiert hat und dann emigrieren musste. Es ist dort auch das Gedenken an Vladimír Holan untergebracht, den tschechischen Avantgarde-Dichter, dessen Gesamtwerk ich gemeinsam mit einem tschechischen Freund und Kollegen auf Tschechisch und Deutsch in einer Gesamtausgabe mit 14 Bänden herausgebe. Holan hat im Erdgeschoss gewohnt und litt unter den Foxtrottpartys, die Werich eine Etage darüber veranstaltet hat. Das Interessante unter Aspekten des kulturellen Erinnerns: Während das Gedenken an Holan in einer winzig kleinen Besenkammer im Treppenhaus stattfindet, ist Werich die komplette Etage darüber gewidmet. Wo Holan gewohnt hat, hängt noch nicht einmal ein Foto von ihm. Ich nehme das zum Anlass, um über das Verhältnis von Hochkultur und Populärkultur nachzudenken – über das Treppchen, diese kleine Stufenleiter dazwischen.“
Sehen Sie Treppen jetzt anders, seit Sie sich mit diesem Thema beschäftigen?
„Ich fotografiere auch. Deshalb habe ich wie besessen Treppen abgelichtet, vor allem die betroffenen. Aber ansonsten würde ich das nicht unbedingt sagen. Es sind für mich nach wie vor einfach nur Treppen. Und es geht ja auch darum, dass sie ein Ausgangspunkt für weitergehende, etwas abstraktere Überlegungen sind.“
Sie übersetzen seit über 35 Jahren Literatur aus dem Tschechischen ins Deutsche, vor allem Gedichte. An was arbeiten Sie gerade?
„Wenn es die Zeit erlaubt an Holans Lyrik aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der er sich klar gegen die Nazis positioniert hat und auch ein erhebliches Risiko eingegangen ist. Zudem will ich wieder intensiver Gedichte von Petr Hruška übersetzen. Wir hatten neulich eine kleine Lesereise in Deutschland, das war sehr schön.“
Sie haben gerade schon gesagt: ‚wenn die Zeit das erlaubt‘. Wie kann ich mir das vorstellen, Professor zu sein und nebenbei Gedichte zu übersetzen. Dafür muss man – anders als bei Prosa – vielleicht auch immer in einer richtigen Stimmung sein. Wie schaffen Sie das zeitlich?
„Es ist unvorhersehbar, wie sich die Reime würfeln.“
„Das ist unterschiedlich. Ich quetsche es irgendwie hinein. Der zeitliche Aufwand ist dadurch noch höher, dass ich vor allem auf gereimte Lyrik spezialisiert bin. Und wie Sie schon sagen, man muss in eine Musestimmung kommen. Bei den gereimten Gedichten ist der Zeitaufwand generell schwer kalkulierbar. Manchmal gibt das Wortmaterial der Ausgangssprache in der Zielsprache überraschend einen Reim her. Manchmal geht es gar nicht. Das ist eine komplette Lotterie, die ich jedes Mal wieder spannend finde. Natürlich habe ich nach den Jahrzehnten eine gewisse Routine, aber eigentlich ist es wirklich unvorhersehbar, wie sich die Reime würfeln – ob mir etwas entgegenfällt, oder ob ich mir die Zähne ausbeißen muss.“
Sie schreiben selbst auch Lyrik. Seit 2021 sind drei Gedichtsammlungen erschienen. Die haben teilweise auch den Untertitel „Reime“. Warum sind Ihre Gedichte gereimt? Und trifft das auf alle zu?
„Ich finde den Reim ein sehr spannendes Prinzip. Er bringt Wörter in Kontakt, die man normalerweise nicht miteinander verpaaren würde. Natürlich gibt es uralte Paare wie ‚Herz‘ und ‚Schmerz‘, die man nicht mehr sehen kann und wo man bei der Anwendung dann auch zurückhaltend ist. Aber für mich ist der Reim eine Brücke, die mich von einem Gedanken zum nächsten bringt. Er ist mein Radar, das mich durch die Texte steuert. Neuerdings schreibe ich aber Gedichte, die gereimt sind, aber ungereimt wirken. Der Band, der gerade in Vorbereitung ist und in diesem Jahr erscheinen soll, heißt auch ‚Im Reimversteck‘. Denn ich bin dazu übergegangen, die Reime zu verstecken, das heißt, dass sie nicht am Versende auftauchen. Für mich ist das ein sehr interessantes Experiment.“
Warum ist Ihr erster Lyrikband erst 2021 erschienen? Sie haben so lange Lyrik übersetzt, Sie haben doch mit Sicherheit auch vorher schon etwas geschrieben…
„Ich hatte eine jahrzehntelange Schreibblockade.“
„Ich habe in der Pubertät geschrieben. Allerdings bin ich der Sohn eines Germanistikprofessors und hatte einen hypertrophen, perfektionistischen Anspruch, der toxisch war. Kurzum: Ich hatte eine jahrzehntelange Schreibblockade. Deshalb habe ich unter anderem mit dem Übersetzen von Lyrik begonnen. Weil ich dachte, wenn ich einmal das Gefühl habe, doch etwas loswerden zu wollen, möchte ich nicht daran scheitern, dass ich das Handwerk nicht beherrsche. Insofern war das Übersetzen auch einfach eine technische Übung für mich und eine sehr schöne Spielweise. Irgendwann habe ich mich dann getraut selbst zu schreiben, aber das war erst sehr spät.“
In einem Ihrer Gedichte kommt eine Sauna im Prager Stadtteil Podolí vor. Spielt Prag in Ihren Gedichten eine größere Rolle?
„Ich gehe viel und gern schwimmen, und in Podolí gibt es eine große Schwimmanlage. Einmal habe ich dort auch in die Sauna geschaut. Schwebezustände im Wasser spielen tatsächlich immer wieder eine Rolle, Prag und die ganze slawische Welt aber fast gar nicht. Denn ich versuche bei meinen eigenen Gedichten dann doch, neues Terrain zu erkunden und nicht meine berufliche Tätigkeit mit reinzumischen. Geographisch sind die Gedichte weit gefächert – mal geht es um Amerika, mal um das alte China, mal um den Iran.“
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