Spannende Entdeckung: Tschechisch-slowakisches Team weist ältesten altägyptischen Drillbohrer nach
Ein slowakischer Archäologe aus Newcastle und ein tschechischer Chemiker aus Wien haben eine möglicherweise bahnbrechende Entdeckung gemacht. Demnach waren die Menschen im alten Ägypten noch vor der Zeit der Pharaonen technisch weiter vorangeschritten, als bisher angenommen wurde. Radio Prag International hat mit dem Autor der entsprechenden Studie, Martin Odler, über die neuen Erkenntnisse gesprochen. Mehr hören Sie im Beitrag von Till Janzer.
Pyramiden, Hieroglyphen und Mumien – das alte Ägypten fasziniert bis heute nicht nur Wissenschaftler, sondern auch eine breite Öffentlichkeit. Martin Odler hat dieses Feld zu seinem Beruf gemacht. Zunächst promovierte er an der Prager Karlsuniversität in Ägyptologie und ist nun Postdoc an der Universität im englischen Newcastle. Bereits seit einigen Jahren arbeitet er mit dem tschechischen Chemiker Jiří Kmošek zusammen, der zurzeit am Institut für Naturwissenschaften und Technologie der Akademie der Bildenden Künste in Wien forscht. Gemeinsam stehen sie hinter einer Entdeckung, die bisherige Annahmen zur Metallverarbeitung und Werkzeugtechnik im alten Ägypten infrage stellt. Und zwar haben sie einen rund 5300 Jahre alten Metalldrillbohrer nachweisen können. Der archäologische Fund stammt aus der prädynastischen Zeit, also lange bevor die ersten Pharaonen regierten.
Im Interview für Radio Prag International schildert Martin Odler, wie es zu der Entdeckung gekommen ist:
„Jiří Kmošek und ich erforschen gemeinsam altes Metall aus Ägypten und dem Sudan beziehungsweise Nubien. Um von vorne zu beginnen: Ich ging zusammen mit Professor Andrea Dolfini an die Universität von Newcastle, um dort meinen Postdoc zu machen. Dolfini hat eine spezielle Technik für die Analyse von Metallstücken entwickelt, die ich von ihm gelernt habe. Dabei werden diese Stücke unter unterschiedlichen Typen von Mikroskopen untersucht. Vor allem setze ich diese Methode für Werkzeuge aus dem alten Ägypten ein.“
Den Drillbohrer fanden beide in den Sammlungen des Museums für Archäologie und Anthropologie der Universität von Cambridge. Der Metallgegenstand sei Teil einer größeren Untersuchung gewesen, schildert der Ägyptologe weiter.
„Ich habe 40 bis 50 Objekte unter dem Mikroskop untersucht, habe Fotoaufnahmen angefertigt sowie Zeichnungen. Mein Kollege Jiří Kmošek brachte ein tragbares Gerät für eine Röntgenfluoreszenzanalyse mit, sodass sich die chemische Zusammensetzung der Objekte feststellen ließ. Und einer dieser Gegenstände erwies sich unerwarteter Weise als prädynastischer Bohrer“, so Odler.
Keine schriftlichen Quellen
Ein aufregender Fund – denn solch ein hochentwickeltes Werkzeug war bisher erst für die Zeit des Neuen Reichs im alten Ägypten belegt. Doch im vierten Jahrtausend vor Christus?
„Für diese Zeit gibt es keine vollentwickelten schriftlichen Quellen. Die Hieroglyphen wurden erst langsam entwickelt und waren damals noch nicht etabliert. Daher muss man sich für diese Periode auf die Untersuchung von Materialien und Gegenständen verlassen. Uns war bekannt, dass die alten Ägypter bereits Bohrer benutzt haben, denn es wurden Bohrspuren in Stein und Holz nachgewiesen. Aber dies ist das erste Mal, dass ein Metallobjekt aus der zweiten Phase der Naqada-Kultur in der prädynastischen Zeit als Bohrer identifiziert wurde. Und wir sind fast zu 100 Prozent überzeugt, dass es sich wirklich um ein Werkzeug handelt, das dazu genutzt wurde, um es in andere Materialien zu bohren“, erläutert der Experte.
Die Naqada-Kultur wird zur Kupfersteinzeit gerechnet. Ihre zweite Phase datiert man auf die Zeit zwischen 3500 bis 3200 vor unserer Zeitrechnung. Damals breitete sich diese Kultur von Oberägypten auch nach Unterägypten aus. Und die Lebensgrundlage war mittlerweile endgültig die Landwirtschaft. Doch wie Odler betont, könnte die Erkenntnis über den Bohrer aus Ägypten auch interessant sein für andere Regionen zu dieser Zeit.
Spezielle Legierung
Ihre Forschungsergebnisse haben Odler und Kmošek vor kurzem in der neuesten Ausgabe der internationalen Fachzeitschrift „Ägypten und Levante“ veröffentlicht. Der untersuchte Gegenstand stammt aus einem Gräberfeld in oberägyptischen Badari. Unter dem Mikroskop fanden sie an dem Metallstück typische Zeichen von Drehbewegungen: feine Rillen, abgeschliffene Kanten und eine leichte Krümmung an der Arbeitsseite. Aber auch ansonsten brachten die chemischen Analysen weitere interessante Ergebnisse zutage. Es handelt sich nämlich um eine ungewöhnliche Legierung aus Kupfer, Arsen, Nickel sowie Spuren von Blei und Silber. Martin Odler und Jiří Kmošek vermuten, dass diese Zusammensetzung bewusst gewählt wurde, um den Bohrer härter und widerstandsfähiger zu machen.
Laut Odler müsste der Bohrer aber noch intensiver untersucht werden. Nur so lasse sich feststellen, woher die Materialien für den Bohrer kamen, meint der Ägyptologe. Dies gebe dann auch Auskunft über die Handelsbeziehungen der Naqada-Kultur, meint er.
„Wir waren in diesem Fall auf eine nicht-invasive Untersuchung der Oberfläche beschränkt. Für ein tieferes Verständnis müssten wir auch eine Probe nehmen, was aber nicht erlaubt war. Unsere Daten über die chemische Zusammensetzung kommen nur von der Oberfläche. Für detailliertere Studien wären andere Techniken nötig. Aber nach der Veröffentlichung unseres Artikels in der Zeitschrift ‚Ägypten und Levante‘ könnte die Universität von Cambridge, die dazu die Möglichkeiten hat, weitere Untersuchungen genau an diesem Gegenstand durchführen.“
Das Metallteil kam bereits vor rund einhundert Jahren in das Museum von Cambridge. Es ist etwas über sechs Zentimeter lang und wiegt 1,5 Gramm. Damals hieß es lediglich, es handle sich um „eine kleine Kupferahle, um die ein Lederriemen gewickelt ist“. Deswegen vermuten die Forscher, dass es sich um einen Drillbohrer gehandelt haben muss.
Anfangs habe es aber nur ein verschwommenes Foto gegeben, sagt Martin Odler. Und so sei zunächst nicht klar gewesen, um welchen Gegenstand es sich handelt.
„Als ich das Objekt dann erstmals selbst in Augenschein nehmen konnte, kam bei mir sofort der Verdacht auf, dass es sich um einen Bohrer handeln könnte. Ich habe eine Dokumentation angefertigt, um eine Identifizierung des Objekts zu fördern. Es war der interessanteste Gegenstand aus Cambridge, aber es gab auch noch andere. Zudem habe ich weitere Museen besucht. Mit meinem jetzigen Wissenshintergrund kann ich zur Interpretation von Objekten beitragen, die bereits seit langem bekannt sind, aber bisher nicht völlig verstanden werden können“, so der Ägyptologe.
Prädynastische Metallurgie
Odler und Kmošek interessiert aber auch allgemeiner, auf welchem technologischen Niveau die Menschen in Ägypten vor mehr als 5000 Jahren waren:
„Genau daran arbeiten wir gerade. Es scheint, dass die prädynastische Metallurgie weiterentwickelt war, als dies bisher angenommen wurde. Bald dürfte der Beitrag von uns beiden und weiteren Kollegen erscheinen, den wir 2024 bei einer Konferenz in Kairo präsentiert haben. In diesem hatten wir mehr Raum, unsere Forschungsergebnisse in Hinblick auf die prädynastische Metallurgie zu diskutieren. Der Bericht über den Bohrer ist nun schon früher erschienen, deswegen hat er solch ein Medienecho hervorgerufen. Aber es gibt noch mehr Daten. Und natürlich läuft auch die Diskussion unter den Experten weiter. Wir veröffentlichen unsere Ergebnisse, und andere Wissenschaftler könnten sie uminterpretieren oder infrage stellen. Mit der Zeit kommen wir so zu einem besseren Verständnis. Doch erst einmal brauchte es unsere Veröffentlichung, um überhaupt die Diskussion loszutreten.“
Im Übrigen hat Martin Odler seit 2009 zunächst auch an unterschiedlichen Ausgrabungen teilgenommen. Die tschechische Ägyptologie realisiert diese vor allem in Abusir, 25 Kilometer südwestlich von Kairo. Zudem war der gebürtige Slowake aber auch im Sudan. In den früheren Forschungsvorhaben sei es zum Beispiel um Metallwerkzeuge aus Gizeh gegangen, also zur Zeit des Baus der Pyramiden, schildert er:
„Der Hauptpunkt, auf den wir dabei gestoßen sind, war die Nutzung von Arsenkupfer, das härter als reines Kupfer und deswegen effektiver für Werkzeuge ist. Die Diskussion dreht sich darum, ob diese Legierung gewollt oder zufällig war. Auf der Basis jenes Materials, das wir untersucht haben, scheint es gewollt gewesen zu sein. Aber wir müssen noch weitere Ergebnisse veröffentlichen.“
Noch sei aber immer noch nicht geklärt, wie die Pyramiden wirklich gebaut wurden, sagt Odler. Man könne das Vorgehen nur versuchen zu rekonstruieren. Und die Kenntnis der Werkzeuge helfe dabei, so der Experte. Aus dieser Zeit gibt es eben gut erhaltene Bohrersets. Und ihre Anwendung ist auch auf Grabszenen dargestellt. Nun scheint aber auch schon 2000 Jahre früher diese Technik bereits bekannt gewesen und angewandt worden zu sein.
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