Filme aus Deutschland, Tschechien und der Welt: 49. Grenzland-Filmtage in Selb und Aš beginnen

Bereits zum 49. Mal werden am Donnerstag die Grenzland-Filmtage eröffnet. Die mehrtägige Kulturveranstaltung, die in der oberfränkischen Porzellanstadt Selb und dem tschechischen Aš stattfindet, hat sich längst einen Platz auf der Festivallandkarte erarbeitet. In diesem Jahr werden 81 Filme aus 30 Ländern gezeigt – darunter auch elf Produktionen mit tschechischer Beteiligung. Radio Prag International hat mit Kerstin Fröber über die Geschichte der Grenzland-Filmtage und das diesjährige Programm gesprochen. Sie ist die erste Vorsitzende des Vereins zur Förderung grenzüberschreitender Film- und Kinokultur, der das Festival organisiert.

Kerstin, am 9. April beginnen wieder die Grenzland-Filmtage. Ihr zeigt 81 Filme. Wie wurde diese Auswahl getroffen?

Kerstin Fröber | Foto: Grenzland-Filmtage

„Diesmal gab es knapp 850 Einreichungen. Das ist schon sehr viel. Einige kann man mitunter recht schnell aussortieren, weil sie thematisch nicht zum Festival passen. Aber am Ende hat man dann doch immer sehr viel mehr Filme, die man gut und zeigenswert findet, als man zeigen kann. Es ist schon immer ein herausfordernder Prozess und bei uns auch ein sehr basisdemokratischer. Denn es gibt ein Sichtungsteam, in dem jeder für seine Favoriten argumentieren kann. Dabei herrscht nicht immer hundertprozentige Einigkeit. Aber gerade das macht den Reiz aus, denn am Ende kann sich dadurch eine große Vielfalt durchsetzen, und so ist hoffentlich für jeden Zuschauer der passende Film dabei.“

Was ist das große Thema des Festivals?

Foto: Grenzland-Filmtage

„Wir haben traditionell einen großen Schwerpunkt Richtung Osteuropa. Das ist auch geographisch bedingt, da die Stadt Selb sehr nah an der tschechischen Grenze liegt. Und das Festival entstand zu einer Zeit, als es hier mit dem Eisernen Vorhang noch eine sehr harte Grenze gab. Damals kam die Idee auf, dass man auch auf die andere Seite schauen müsste. Und man entdeckte das Medium Film. Es sollte ein Dialog zwischen den Kulturen in Ost und West hergestellt werden. In den letzten Jahren haben wir den Namen des Festivals aber auch zum Anlass genommen, weitere Filme zu Grenzthemen aller Art zu zeigen. Das können geographische Grenzen sein, aber eben auch Grenzen im übertragenen Sinne.“

Postcards Without Names | Foto: Grenzland-Filmtage

Die Filmtage finden in diesem Jahr zum 49. Mal statt. Was war 1977 der Anlass für die Gründung? Wie entstand dieses Festival?

„Ehrlicherweise war das noch vor meiner aktiven Zeit. Das Festival ist älter als ich selbst. Den Überlieferungen her stand am Anfang eine Gruppe Jugendlicher aus Wunsiedel, die einfach Lust hatten, Filme zu zeigen. Sie riefen die Wunsiedler Filmtage ins Leben. Und dann verselbständigte sich das Ganze relativ schnell. Ein paar Jahre war das Festival in Bad Alexandersbad angesiedelt, dann wanderte es Anfang der 1980er Jahre nach Selb, wo auch der Fokus Richtung Osteuropa entstand.“

Heute findet das Festival nicht nur in Selb statt, sondern auch in Aš. Wie funktioniert das genau? Werden alle Filme auf beiden Seiten der Grenze gezeigt?

Foto: Kulturní centrum LaRitma

„Wir haben vor fast zehn Jahren, bei den 40. Grenzland-Filmtagen, angefangen, den Begriff grenzüberschreitende Film- und Kinokultur wörtlich zu nehmen. Wir haben eine Spielstätte in Aš hinzugenommen, und zwar das Kulturzentrum LaRitma. Hier in Selb können wir mehrere Leinwände parallel bespielen, das ist dort aber nicht möglich, denn es gibt dort nur einen Saal. Wir können deshalb nicht alle Filme aus dem Programm auch in Aš zeigen. Unser Ziel ist es, im besten Fall immer an drei Tagen dort Filme vorzuführen. Dafür treffen wir eine separate Auswahl, und es gibt auch immer zwei Streifen, die exklusiv nur in Aš laufen.“

Was sind in diesem Jahr die großen Programmhighlights?

Summer School 2001 | Foto: Grenzland-Filmtage

„An sich sind das natürlich alle Filme, die es in die Endauswahl geschafft haben. Denn wie gesagt sind das gerade einmal zehn bis 15 Prozent aller Einreichungen. Natürlich gibt es aber immer ein paar Besonderheiten. Mit dem Blick auf Tschechien sind es zwei Filme, auf die ich mich besonders freue. Denn wir zeigen zwei Spielfilme, die sich mit vietnamesischen Minderheiten beschäftigen – und das beiderseits der Grenze. Der eine Film ist ‚Summer School, 2001‘. Er spielt in Cheb, also wirklich sehr nah an Selb und Aš. Mit ‚Lonig & Havendel‘ haben wir zudem einen weiteren Debutspielfilm im Programm, der ebenfalls junge vietnamesische Menschen im Fokus hat. Diesen Blick von beiden Seiten der Grenze finde ich sehr spannend.“

Lonig & Havendel | Foto: Grenzland-Filmtage

Habt ihr jedes Jahr einen tschechischen Anteil am Festival? Versucht ihr dafür auch gezielt mit tschechischen Produzenten oder Hochschulen zu kooperieren?

Ab morgen bin ich mutig | Foto: Grenzland-Filmtage

„Natürlich wünschen wir uns das immer, in der Vergangenheit hat das mitunter aber nicht so gut geklappt wie jetzt. Gerade für die Vorstellungen in Aš bemühen wir uns immer, einen tschechischen Spielfilm zu organisieren. Und seit ein paar Jahren werden wir auch von den Hochschulen gut versorgt, etwa von der FAMU in Prag oder der Tomáš-Baťa-Universität in Zlín. Es ist immer sehr spannend, was der Nachwuchs zu bieten hat.“

Unter den tschechischen Produktionen sind ja auch einige Kurzfilme dabei…

Paul Jannowski | Foto: Grenzland-Filmtage

„Genau. Und es ist superinteressant, wie groß die Bandbreite dessen ist, was eingereicht wird. Es gibt Animationsfilme, animierte Dokumentarfilme, Spielfilme in allen Facetten – vom Horrorfilm bis zur schwarzen Familienkomödie ist alles dabei.“

Beim Durschauen des Programms ist mir aus tschechisch-deutscher Perspektive noch ein interessanter Film aufgefallen. Er thematisiert die Vertreibung der Sudetendeutschen und heißt „30 Kilo Heimat“. Worum geht es da genau?

30 Kilo Heimat | Foto: Grenzland-Filmtage

„Das ist ein sehr persönlicher Dokumentarfilm. Der Filmemacher hält darin die Lebensgeschichte seiner Oma fest, die aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Tirschenreuth vertrieben wurde. Es gibt also einen Regionalbezug, weshalb der Film auch im Regionalprogramm läuft. Eigentlich zeigen wir keine spielfilmlangen Dokumentarfilme, und ‚30 Kilo Heimat‘ dauert über eine Stunde. Ich finde aber, es gibt dennoch die Berechtigung, ihn zu zeigen. Wir nehmen uns die Zeit für dieses Thema, das auch nicht anklagend angegangen wird, sondern auf eine persönliche Art und Weise. Man begleitet den Enkel und dessen Großmutter in deren Heimatdorf – etwa zu ihrem Elternhaus. Es ist wirklich ein herzerwärmender Film.“

Werden bei den Grenzland-Filmtagen auch Preise vergeben?

The Odyssey Of Joy | Foto: Grenzland-Filmtage

„Wir haben Publikumspreise, die in verschiedenen Kategorien verliehen werden, also für Spielfilme, Kurzfilme, mittellange Spielfilme und Dokumentarfilme. Auch bei den Kinderkurzfilmen wird ein Preisträger bestimmt, der direkt vom Kinderpublikum gewählt wird. Hinzu kommen die Auszeichnungen der Jury. Die Stadt Selb vergibt den Preis für den besten osteuropäischen Film, der mit 1500 Euro dotiert ist. Die Sparkasse Hochfranken stiftet den Nachwuchsfilmpreis mit 500 Euro Preisgeld. Und seit ein paar Jahren gibt es auch noch den Indie-Award für den besten Independent-Film. Der Sieger erhält 500 Euro, die von Probau Massivhaus gestiftet werden.“

Nächstes Jahr feiert euer Festival 50. Jubiläum. Wahrscheinlich seid ihr derzeit sehr mit dem aktuellen Durchgang beschäftigt. Denkt ihr aber auch schon ans nächste Jahr und eine mögliche Jubiläumsfeier?

AOSHOI Voices in Bloom | Foto: Grenzland-Filmtage

„Natürlich ist das schon länger im Hinterkopf. Und es ist ja auch alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass so ein Festival seit fast fünf Jahrzehnten rein ehrenamtlich getragen wird – und das in einer eher strukturschwachen Region. Wir haben also vor, das gebührend zu feiern. Dafür haben wir bereits das Rosenthal-Theater in Selb gemietet. Das Festival soll 2027 einen Tag länger gehen. Und beim Festakt zur Eröffnung wird es ein Stummfilmkonzert geben. Soviel kann ich an dieser Stelle also schon verraten, aber die Details folgen natürlich erst später.“

Die Grenzland-Filmtage dauern noch bis Sonntag. Das gesamte Festivalprogramm findet sich online unter www.grenzlandfilmtage-selb.de. Tickets für die einzelnen Vorführungen können an den Abendkassen der jeweiligen Kinos erworben werden.

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