Brahms-Zyklus zum Abschied: Chefdirigent Petr Popelka verlässt Radio-Sinfonieorchester Prag

Petr Popelka

Petr Popelka beendet in dieser Saison seine Zeit als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Radio-Sinfonieorchesters Prag. Er stand seit der Saison 2022/2023 an der Spitze des Orchesters. Die Einstudierung von allen vier Sinfonien von Johannes Brahms und ihre Aufführung an zwei Abenden in dieser Woche war einer der Höhepunkte ihrer Zusammenarbeit.

Herr Popelka, Sie haben sich mit einem wunderbaren Doppelkonzert an zwei Abenden von dem Prager Radio-Sinfonieorchester verabschiedet. Wie sind Ihre Emotionen jetzt nach diesem Riesenkonzert und nach den vier Jahren?

Petr Popelka | Foto: Elena Horálková,  Tschechischer Rundfunk

„Also Brahms‘ Sinfonien sind so etwas wie das Heilige Gral oder das Größte in der sinfonischen Musik, was man machen kann. Aber gleichzeitig das Anspruchsvollste, weil Brahms verzeiht ja gar nichts. Ich meine, an Brahms‘ Sinfonien erkennt man wirklich die Qualität des Orchesters, die man als Chefdirigent oder überhaupt als Dirigent einfach täglich pflegen muss, um das Orchester weiterzubringen. Alle Brahms-Sinfonien in zwei Abenden zu spielen, das passiert in Prag nicht jeden Tag, es war ein besonderes Event. Es waren zwei wunderbare Abende, und ich bin sehr glücklich, dass wir das als meinen Abschied als Chefdirigent realisieren konnten.“

War es Ihre Idee, sich mit diesem Zyklus abschließend mit dem Orchester zu zeigen?

„Wir können uns Sachen in Konzerten erlauben, die noch vor zwei, drei Jahren nicht möglich waren. Etwas, was wir nicht geprobt haben, was spontan passiert, weil man sich gut kennt und gegenseitig vertraut.“

„Ja, auf jeden Fall. Das ist etwas, was ich unbedingt bringen wollte: die Brahms-Sinfonien eben am Stück vorzustellen, nicht nur dem Orchester, sondern auch unserem Publikum. Ich glaube, dass es wirklich gelungen ist und dass im Saal eine festliche Atmosphäre herrschte. Es war etwas Besonderes.“

Blicken wir jetzt auf diese vier Jahre mit dem Orchester zurück. Was hat Ihnen an Ihrer Arbeit mit den Musikern gefallen?

„Kein anderes Orchester ist mir wirklich so nah wie das Prager Rundfunk-Orchester, weil ich hier selbst meine ersten Erfahrungen als Orchestermusiker gesammelt habe. Ich war ja Kontrabassist, habe in Prag studiert und hier gespielt. Viele Kollegen im Orchester sind meine Kommilitonen, viele sind ganz nahe Freunde, und es ist wirklich eine Freundschaft, die uns mit dem Orchester verbindet. Das ist etwas Besonderes, und diese Beziehung hört nicht auf, nur weil ich nicht mehr Chefdirigent bin. Das wird weitergehen, und ich werde versuchen, in den nächsten Spielzeiten immer wieder zurückzukommen. Es ist wirklich jedes Mal eine Freude und menschliche Bereicherung, Musik mit diesen Kollegen zu machen.“

Petr Popelka und Prager Rundfunksinfoniker | Foto: Vojtěch Brtnický,  Tschechischer Rundfunk

Denken Sie, dass Sie in den vier gemeinsamen Jahren einen gemeinsamen Weg gefunden haben? Dass die Arbeit mit dem Orchester am Ende dieser Zeit anders war als bei dem ersten Konzert?

„Die Eröffnung des Festivals ‚Prager Frühling‘ ist das Highlight im Kulturjahr Tschechiens – und für uns eine große Ehre.“

„So ist es auf jeden Fall. Wenn man lange zusammenarbeitet, lernt man sich besser kennen. Man weiß, was man voneinander erwarten kann. Ich weiß das von meinen Kollegen, und sie wissen das natürlich auch von mir. Das ist nicht nur eine Einbahnstraße, sondern geht wirklich in beide Richtungen. Die Musiker wissen schon, wie ich Sachen hören möchte, und ich weiß, was sie anbieten. Und dann findet man sich in der Mitte. Ich muss sagen, wir sind nach vier Jahren auch sehr effektiv geworden. Weil wir uns so gut kennen, können wir uns auch Sachen in Konzerten erlauben, die noch vor zwei, drei Jahren nicht möglich waren. Wir können sozusagen an die Extreme gehen – etwas machen, was unvorhersehbar ist und was wir nicht geprobt haben, etwa ein Ritardando einzulegen, eine Phrase atmen zu lassen… Etwas, was einfach spontan in dem Konzert passiert, weil man sich eben gut kennt und gegenseitig vertraut.“

Sie haben sich mit den Brahms-Konzerten als Chefdirigent verabschiedet, treffen mit dem Orchester aber bald wieder zusammen…

„Jeder Dirigent muss seinen eigenen Weg finden. Die Profession ist sehr einsam.“

„Ja, kaum haben wir diesen Brahms-Zyklus beendet, gibt es schon Proben für unser nächstes Abonnement-Konzert im Rudolfinum. Da spielen wir Strawinskys ‚Oedipus Rex‘, das große Oratorium mit vielen Solisten, aber auch Rachmaninows Drittes Klavierkonzert. Also ein sehr anspruchsvolles Programm sowohl für unsere Zuhörer als auch für das Orchester. Ich fahre dann kurz nach Leipzig, um beim Gewandhausorchester zu gastieren. Dann komme ich aber zurück, und wir spielen die Eröffnung des Festivals ‚Prager Frühling‘. Das ist das Highlight im Kulturjahr Tschechiens – und für uns, für mich und für alle meine Kollegen, natürlich eine große Ehre. Ich freue mich ganz besonders darauf.“

Ihren Taktstock bei den Radiosinfonikern in Prag übernimmt nun Elias Grandy. Was würden Sie Ihrem Nachfolger wünschen oder vielleicht als Rat mit auf den Weg mit dem Orchester geben?

„Es gibt keinen Rat, den man geben könnte, auch wenn das von vollem Herzen, ehrlich und gut gemeint wäre. Weil jeder Dirigent einfach seinen eigenen Weg finden muss. Die Profession ist sehr einsam. Ich hatte eine besondere Beziehung mit dem Orchester. Und Grandys Beziehung mit dem Orchester wird genauso besonders sein – nicht besser, nicht schlechter, einfach anders. So ist das richtig. Das ist das Wesentliche in der Musik, dass wir das eben nicht als besser oder schlechter messen können, sondern dass es immer anders ist. Grandy ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, unglaublich talentiert und jemand, der Sachen immer positiv sieht. Er kann die Dinge sehr gut dem Orchester vermitteln, aber auch dem Publikum. Ich glaube, er ist ein großer Gewinn für das Ensemble. Ich wünsche ihm, dass er so authentisch und so ehrlich bleibt, wie er ist, dass er sich in Prag mit unserem Orchester wohl fühlt und dass sich die Jahre nach seinen Vorstellungen gestalten.“

Petr Popelka | Foto: Matěj Komár,  SOČR

Am Mikrophon war der Chefdirigent und Künstlerische Leiter des Radio-Sinfonieorchesters Prag, Petr Popelka. Seine Dirigierkarriere geht nun bei den Wiener Symphonikern weiter, bei denen er seit der Saison 2024/2025 Chefdirigent ist.

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