Unattraktive Arbeitsbedingungen: In der Landwirtschaft Tschechiens fehlt der Nachwuchs

Im landwirtschaftlichen Sektor Tschechiens fehlt der Nachwuchs. Was hält junge Leute davon ab, diese Richtung einzuschlagen? Und in welchen Berufen herrscht der größte Personalmangel?

Die 22-jährige Marie Hanzálková sitzt in der Kabine eines Mähdreschers und erläutert das Geschehen: Im Computer werde die Getreideart eingegeben, und das Tonsignal gebe an, dass der Behälter zu 70 Prozent voll sei.

Illustrationsfoto: Klára Stejskalová,  Radio Prague International

Die junge Frau aus dem mittelböhmischen Vavřinec hilft schon den dritten Sommer bei der Ernte aus. Einen Mähdrescher zu fahren, bereitet ihr keine Probleme...

„Jetzt warten wir auf den Lkw. Der Fahrer hat schon bemerkt, dass unsere Rundumleuchte eingeschaltet ist. Ich werde das Getreide bei der Fahrt auf seine Ladefläche schütten, damit es schneller geht.“

Marie hat ein pädagogisches Lyzeum besucht und studiert an der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Den Ferienjob auf dem Feld hat ihr ein Verwandter vermittelt, der in der Landwirtschaft arbeitet. Und zunächst sei es ihr auch nur um das Geldverdienen gegangen, so die Studentin:

Illustrationsfoto: Mathis Elias-Jean,  Archiv von Radio Prag International

„Aber dann begann mir das Fahren mit dem Mähdrescher richtig Spaß zu machen, und so habe ich mich immer mehr mit der Landwirtschaft beschäftigt. Jetzt erscheint sie mir als eine wirklich abwechslungsreiche und interessante Branche.“

Die einzelnen Bereiche würden sich dauernd weiterentwickeln und gute Arbeitsmöglichkeiten bieten, fügt die junge Frau hinzu. Deswegen wolle sie auch später in der Branche arbeiten, allerdings eher in der Nutztierzucht.

Hohe Abwanderungsrate

Hana Šťastná | Foto: Judita Šímová,  Tschechischer Rundfunk

Damit gehört Marie in Tschechien einer Minderheit an – und das auch unter den Studierenden der landwirtschaftlichen Fächer. Denn kaum jemand von ihnen wolle tatsächlich einen praktischen Beruf in diesem Sektor ausüben, teilt die Agrarkammer des Mittelböhmischen Kreises mit. Diese hat dazu unlängst eine Umfrage mit knapp 100 Teilnehmenden durchgeführt, und Kammerdirektorin Hana Šťastná fasst die Studie zusammen:

„63 Prozent der Studenten erwägen, die Branche, in der sie studieren, wieder zu verlassen. Die Hauptgründe sind die niedrige Entlohnung sowie die anspruchsvollen Arbeitszeiten – vor allem wechselnde Schichten im Betriebsablauf, am Wochenende oder an Feiertagen.“

Milan Pešek | Foto: DEMCO,  s.r.o.

Probleme, neue Mitarbeiter zu finden, hat man auch bei der landwirtschaftlichen Handelsgenossenschaft Blata in Sedlec, nordwestlich von České Budějovice / Budweis. Vor allem in der Tierproduktion würden dort Arbeitskräfte fehlen, sagt der Vorsitzende Milan Pešek:

„Die Leute kommen und gehen. Denn die Arbeit ist schwer, sie beginnt früh am Morgen, und es stinkt dabei auch. Das will kaum noch jemand machen. Früher haben wir einfacher Mitarbeiter gefunden. In letzter Zeit wird das aber immer schwieriger.“

Gesucht werden in Tschechien vor allem Tierpfleger und Melkerinnen. Und Hana Šťastná ergänzt:

„Es besteht auch eine große Nachfrage nach Traktoristen und Fahrern, des Weiteren bei der Bedienung von Förderbändern, bei der Fütterung der Tiere sowie nach Zootechnikern. Das Problem liegt aber nicht mehr allein im Arbeitskräftemangel, sondern auch in der Qualität der Mitarbeiter, ihrer Motivation und der Bereitschaft, langfristig in der Branche zu bleiben.“

Schule für Bio-Landwirtschaft | Foto: Farmářská škola

Šťastná fügt hinzu, dass die landwirtschaftlichen Betriebe deswegen immer mehr Geld in moderne Technologien investieren würden, die die menschliche Arbeitskraft zumindest teilweise ersetzen können.

Autoren: Daniela Honigmann , Jitka Cibulová Vokatá | Quelle: Český rozhlas
schlüsselwörter:
abspielen

Verbunden