Parlaments-Stipendium: Junge Tschechen sind gespannt auf den Bundestag

Bundestag (Foto: JesterWr, Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Viele Deutsche kennen ihren Bundestag maximal aus dem Fernsehen, von der Tagesschau oder dem Heute-Journal. Doch mehrere Monate an der Seite eines Parlamentariers vor Ort zu sein, das dürfte wohl nur den wenigsten irgendwann gelingen. Fünf junge Menschen aus Tschechien werden aber kommendes Jahr genau das erleben. Sie haben die begehrten Plätze für das Internationale Parlaments-Stipendium des Deutschen Bundestages erhalten.

Bundestag (Foto: JesterWr, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Politische Arbeit bedeutet nicht nur, für ein Gesetz die Hand zu heben oder auch nicht. Bis zu einer solchen Entscheidung braucht es viel Vorarbeit. Genau die werden fünf junge Tschechinnen und Tschechen demnächst hautnah miterleben und auch selbst leisten. Ausgewählt wurden die Stipendiaten nach bestimmten Kriterien, die Entscheidung in Prag traf eine dreiköpfige Kommission. Die Leitung der Kommission hatte der CSU-Bundestagsabgeordnete Bartholomäus Kalb:

„Wir achten darauf, dass es tüchtige und wissbegierige junge Leute sind. Sie müssen ein Studium abgeschlossen haben. Sie sollten möglichst gute Kenntnisse sowohl über die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in ihrem Heimatland Tschechien haben, als auch insbesondere die politischen Verhältnisse in Deutschland kennen. Schließlich werden sie dann von ungefähr Mitte März bis Ende Juli kommenden Jahres im Büro eines Bundestagsabgeordneten arbeiten - und da ist das Aufgabenspektrum sehr breit. Voraussetzung ist zudem, dass sie gut Deutsch können, denn sie müssen auch Ansprechpartner für die Wählerinnen und Wähler im Wahlkreis sein.“

Magda Nemkyová (Foto: Archiv von Magda Nemkyová)
Magda Nemkyová aus Brno / Brünn und Marek Benda aus dem Böhmerwald sind zwei der fünf erfolgreichen Bewerber aus Tschechien. Sie wollen aus unterschiedlichen Gründen nun eintauchen in den deutschen Politbetrieb. Die 25-jährige Magda Nemkyová macht derzeit in Hamburg ihren Master in Europa-Studien:

„Ich habe in den letzten Jahren ein paar studentische Projekte in Tschechien und jetzt auch in Deutschland mitbetreut, die sich mit der Bürgergesellschaft beschäftigt haben. Es ging vor allem darum, wie stark sich die Jugend für Politik interessiert. Zuletzt habe ich ein Praktikum in einer kleinen Region in der Slowakei absolviert, deswegen finde ich auch interessant, wie die Regionalpolitik aussieht. Vor allem aber interessiert mich Bildungspolitik.“

Marek Benda sieht das Parlaments-Stipendium als Ergänzung zu den Studien-Inhalten. Diese seien meist sehr theoretisch, sagt der 24-jährige Politologie-Student. Benda hat seinen Bachelor an der Freien Universität in Berlin gemacht und schließt nun an Prager Karlsuniversität seinen Master an:

„Ich habe schon gewisse Erfahrungen: Während meiner Zeit in Berlin konnte ich als Praktikant in der Tschechischen Botschaft arbeiten. Im Bundestag kann ich meiner Ansicht nach die Kompetenzen, die ich bei diesem Praktikum in der Botschaft erworben habe, ausbauen. Und ich bin wie Magda auf die Arbeit mit Menschen in den Wahlkreisen gespannt, darauf freue ich mich besonders.“

Bei ihrer Bewerbung haben die Stipendiaten angegeben, welche Themen sie besonders interessieren – außerdem konnten sie ihre politischen Präferenzen nennen und welche Fraktionen im Bundestag sie bevorzugen. Marek Benda betont, er sei „offen für alle Fraktionen“:

„Aber vielleicht wäre die Arbeit bei einem CSU-Abgeordneten interessant, weil dies die Partei aus Bayern ist und dort viele Kontakte zwischen Deutschen und Tschechen bestehen. Dort könnte ich eventuell mein Wissen über Tschechien zur Geltung bringen.“

Bartholomäus Kalb (Foto: Henning Schacht, Wikimedia CC BY-SA 3.0 DE)
Magda Nemkyová hat ebenfalls in dieser Hinsicht einen Wunsch:

„Ich muss sagen, es wäre ziemlich interessant, für eine Partei zu arbeiten, die in der Regierung ist. Allerdings wissen wir noch nicht, welche Parteien das sein werden.“

Insgesamt werden gleichzeitig 120 junge Menschen aus 28 Ländern im Bundestag hospitieren. Da könne nicht jeder Wunsch erfüllt werden, sagt Bartholomäus Kalb:

„Wir, also die Mitglieder der Kommission, machen es im Bundestag so, dass wir unsere Kollegen bitten, Stipendiaten aufzunehmen – und zwar aus allen Fraktionen. Es ist zweifellos so, dass ein Stipendiat nicht sagen kann, er möchte genau zu diesem Abgeordneten mit jener Ausschusstätigkeit. Wenn jemand lieber bei der CDU/CSU-Fraktion wäre, dann wird die Verwaltung schauen, ob dies möglich ist. Oder wenn jemand lieber bei den Grünen oder der SPD wäre, dann versucht man die Wünsche zu berücksichtigen. Aber im Grunde müssen die jungen Menschen schon so offen und flexibel sein, dass sie auch vielleicht bei einem Abgeordneten sind, der weder ihrer politischen Grundrichtung entspricht, noch die entsprechende Ausschusstätigkeit macht.“

Lutz Heilmann (Foto: YouTube)
Manchmal passt es aber auch ziemlich genau. So ging es zum Beispiel Šárka Strahalová im Jahr 2006. Sie war damals beim Abgeordneten Lutz Heilmann von der Linkspartei, der aus dem grenznahen Wahlkreis Zittau kam:

„Ich war damals im tschechischen Umweltministerium tätig, und mein Abgeordneter saß im Umweltausschuss, das heißt, die Themen haben sich überschnitten. Ich habe für ihn viele Gesprächszettel, Vorlagen und Unterlagen im Umweltbereich vorbereitet.“

Allerdings dürfe man die Hände nicht in den Schoß legen und darauf hoffen, dass alles von alleine klappe, sagt Šárka Strahalová:

Šárka Strahalová (Foto: Archiv IPS Alumni Netzwerk)
„In manchen Abgeordnetenbüros, die kleiner sind, haben die Abgeordneten mehr Zeit, sich den Stipendiaten zu widmen und sie bei manchen Terminen dabei zu haben. Aber man muss aktiv vorgehen, Fragen stellen und darf nicht zurückhaltend sein. Wenn der Abgeordnete wirklich mit Terminen vollgepackt ist, dann sollte man sich nicht scheuen, vielleicht auch etwas frech zu fragen, ob man ihn oder sie begleiten kann.“

Das Parlamentspraktikum gilt im Übrigen auch als karriereförderlich. Ehemalige Stipendiaten von Bartholomäus Kalb sind beispielsweise in der Europäischen Union und dem Bundesrechnungshof untergekommen. Auch für Šárka Strahalová war die Erfahrung im Bundestag bedeutend. Sie arbeitet heute im tschechischen Außenministerium:

„Als ich damals mit meinem Vorgesetzten nach dem Auswahlgespräch gesprochen habe, erwähnte er auch das Stipendium als einen der Gründe, warum ich ins tschechische Außenministerium aufgenommen wurde.“

Und die neuen Stipendiaten? Sie haben bereits ihre eigenen Vorstellungen, in welche berufliche Richtung ihnen die Hospitanz im Bundestag helfen soll. Marek Benda:

„Mein Traumziel wäre die diplomatische Akademie, aber sie nimmt hier in Prag nicht jedes Jahr Bewerber auf. Vielleicht ist das ohnehin zu hoch gegriffen, und ich muss dafür ohnehin noch mein Master-Studium abschließen. Danach kann ich das erst versuchen. Ansonsten engagiere ich mich derzeit in einigen Projekten, die sich mit den deutsch-tschechischen Beziehungen beschäftigen – zum Beispiel das Projekt ‚Versuch es mal in Deutschland’ von Deutsch-Tschechischem Jugendforum und Tandem. Vielleicht möchte ich auch in diesem Bereich arbeiten, wie etwa beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds oder ähnlichen Stiftungen, die sich mit den deutsch-tschechischen Beziehungen auseinandersetzen.“

Bundestag (Foto: calflier001, CC BY-SA 2.0)
Auch Magda Nemkyová strebt nicht direkt in die Politik:

„Ich würde gerne im NGO-Bereich landen - wie gesagt, ich habe schon viele studentische Projekte gemacht und habe mich da immer um das Fundraising gekümmert. Zuletzt habe ich mich bei einem Praktikum in Hamburg mit EU-Projekt-Management und Projekt-Entwicklung befasst. So etwas würde ich gerne bei einer NGO machen.“