Prager Emmauskloster – Zentrum slawisch-glagolitischen Schrifttums im 14. Jahrhundert

Emmaus-Kloster (Foto: Martina Schneibergová)

Das Emmaus-Kloster gehört zweifelsohne zu den wichtigsten Gründungen Karls IV. Dieses sogenannte „Slawen-Kloster“ wurde für eine kurze Zeit sogar zum geistlichen Zentrum der Prager Neustadt. Anlässlich des 700. Geburtstags von Karl IV. wurde im Kloster eine Ausstellung eröffnet.

Emmaus-Kloster  (Foto: Martina Schneibergová)
Die Ausstellung, die im Emmaus-Kloster zu sehen ist, trägt den Titel „Das Slawen-Kloster Karls IV. – Frömmigkeit, Kunst und Bildung“. Das Ziel der Schau ist es, die Architektur sowie die künstlerische Gestaltung des Klosters zu beschreiben. Zudem wird die glagolitische Schriftkultur vorgestellt, deren Zentrum das Kloster im 14. Jahrhundert wurde, sagt Klára Benešovská. Sie arbeitet im Institut für die Kunstgeschichte der Akademie der Wissenschaften.

„Das wichtigste Exponat ist das Kloster selbst mit seiner Architektur und den wertvollen Wandmalereien. Karl IV. gründete 1347 das Kloster als ein Zentrum slawischer Bildung. Wir machen die Öffentlichkeit in der Ausstellung mit den neuesten Forschungsergebnissen bekannt. Mit dem Kloster haben sich bereits einige Generationen tschechischer Mediävisten beschäftigt. Die erste Konferenz zum Thema wurde 1972 veranstaltet. Bei der Konferenz wurden sämtliche Erkenntnisse vorgestellt, die nach 1945 zusammengetragen wurden. Zu Ende des Zweiten Weltkriegs wurden bei einem Luftangriff der Alliierten der westliche Teil der Kirche und die Wandmalereien im Kloster stark beschädigt. Bei den Bemühungen um eine gründliche Instandsetzung des Klosters wurde die ursprüngliche Bausubstanz wiederentdeckt. Einen weiteren Meilenstein stellte das Jahr 1994 dar. Damals wurde der Fund der sogenannten ‚Handschrift von Uppsala‘ veröffentlicht. Es handelt sich dabei um eine Beschreibung der Motive der hiesigen Wandmalereien von Ende des 14. Jahrhunderts. Ein schwedischer Student, der damals wahrscheinlich an der Prager Universität studierte, beschrieb die fehlenden Hauptszenen aus dem Zyklus, die die Forscher vermisst hatten.“

Foto: Martina Schneibergová
Die Handschrift ist der Expertin zufolge der Schlüssel zur Deutung des ganzen Zyklus von Wandmalereien, und sie erklärt auch die Aufgabe des Klosters. Demnach war das Kloster nicht ausschließlich ein für die Öffentlichkeit geschlossenes Zentrum zur Pflege slawischen Schrifttums, sondern es wurden dort auch große Feste gefeiert und Wallfahrten durchgeführt. Diese Veranstaltungen bezogen sich auf das sogenannte „ostensio reliquiarum“, ein Fest, bei dem auf dem damals größten Prager Platz – dem heutigen Karlsplatz – Reliquien der Heiligen ausgestellt wurden. 2003 initiierte das Institut für die Kunstgeschichte gemeinsam mit der Benediktinerabtei von Emmaus eine Konferenz anlässlich der Wiedereröffnung der Klosterkirche. Klára Benešovská:

Klára Benešovská  (Foto: Martina Schneibergová)
„Diese Ausstellung war ein weiteres Kapitel in den Forschungen über die Rolle des Klosters bei der Entwicklung der slawischen Bildung in der vorhussitischen Zeit.“

Benediktinermönche aus Kroatien kommen nach Böhmen

Im ersten Teil konzentriert sich die Ausstellung auf das slawische Schrifttum und das Emmaus-Kloster. Zum ersten Mal wird die älteste Etappe der sehr speziellen Schriften in den Zusammenhang der kunsthistorischen Forschungen gestellt. Das Schrifttum von Emmaus war einzigartig für die Böhmischen Länder im 14. Jahrhundert und zu Anfang des 15. Jahrhunderts, sagt Václav Čermák vom Slawischen Institut der Akademie der Wissenschaften.

Václav Čermák  (Foto: Martina Schneibergová)
„Dieses Schrifttum hängt mit den fast unbekannten tschechisch-kroatischen Beziehungen zu Mitte des 14. Jahrhunderts zusammen. In das neue Kloster wurden Mönche aus Norddalmatien eingeladen – sie kamen aus der Gegend von Senj, das Sitz des Bischofs war, und aus der Stadt Krk. Einige Mönche mögen zudem aus südlicheren Regionen gestammt haben, beispielsweise von der Insel Pašman. Wir sind nicht imstande zu erklären, aus welchem Grund das slawische Schrifttum wieder nach Böhmen geholt wurde. Die letzten Mönche, die die slawische Sprache in der Liturgie genutzt haben, waren zu Ende des 11. Jahrhunderts aus dem Kloster Sázava vertrieben worden.“

Auch wenn Kroatien zum Verwaltungsbereich der römisch-katholischen Kirche gehörte, erhielt es Mitte des 13. Jahrhunderts eine Genehmigung, dass neben Latein auch das Kirchenslawische bei der Liturgie genutzt werden durfte. Die Genehmigung galt in einigen Teilen verschiedener Bistümer.

Emmaus-Kloster  (Foto: Martina Schneibergová)
„Für diese Sprache wurde die glagolitische Schrift genutzt. In Kroatien entwickelte sich aus der ursprünglichen runden glagolitischen Schrift, die Jahrhunderte zuvor Konstantin geschaffen hatte, eine kantige Variante. Diese glagolitische Schrift sowie das kroatische Schrifttum wurden dann in das Slawen-Kloster nach Prag übertragen. Ich benutze nicht so oft den Namen Emmaus-Kloster, sondern eher die historische Bezeichnung ‚Slawen-Kloster‘. Denn auf Latein wurde es auch ‚monasterium slavorum‘ genannt. Wir wissen nicht, wie viele kroatische Mönche aus welchen Klöstern nach Prag kamen. Es ist aber bekannt, dass es Benediktiner waren.“

Notentexte aus dem Slawen-Kloster

In Kroatien nutzte wohl nur der niedere Klerus die kirchenslawische Liturgie, Bischöfe vermutlich aber nicht. Das Kirchenslawische sollte dazu dienen, dass auch das einfache Volk die Liturgie verstand und dass sich keine häretischen Gedanken verbreiteten. Diese Begründung stand auch im Antrag auf die Bewilligung der kirchenslawischen Liturgie in Prag, sagt der Slawist Václav Čermák.

Foto: Martina Schneibergová
„Das Schrifttum, das hier im Kloster in kirchenslawischer Sprache und später in alttschechischer Sprache entstand und in glagolitischer Schrift verfasst wurde, stammt aus der Zeit von ungefähr 1350 bis zum Ausbruch der Hussitenkriege. Von 1419 bis fast zu Ende des 16. Jahrhunderts war das Kloster utraquistisch. Noch vor 1419 kehrten die im Kloster lebenden kroatischen Mönche nach Kroatien zurück.“

Emmaus-Kloster  (Foto: Martina Schneibergová)
Neben den üblichen Messbüchern, die beim Gottesdienst gebraucht wurden, entstanden im Slawen-Kloster auch mehrere Texte mit Noten – die sogenannten „Graduale“. Das waren gesungene Psalmen oder biblische Verse. Sie sind einschließlich der Noten erhalten. Dies ist eine Rarität. Denn nicht einmal in Kroatien gibt es derartige Texte noch, erläutert Čermák.

„Ende des 14. Jahrhunderts begannen die Mönche, Abschriften von Texten anzufertigen. Es ist bemerkenswert, dass sie die Texte zwar in glagolitischer Schrift, jedoch in alttschechischer Sprache verfasst haben. Von diesen Schriften ist ein Band der Tschechischen Glagolitischen Bibel von 1416 erhalten. In der Ausstellung zeigen wir ein Faksimile. Es muss aber hier die Abschrift der ganzen Bibel gegeben haben. Diese Abschrift hatte Bedeutung für die zweite Redaktion der alttschechischen Bibelübersetzung. Es handelte sich um Übersetzungen ab den 1390er Jahren bis zu Anfang des 15. Jahrhunderts. In diesen Übersetzungen wurde teilweise die ursprüngliche Bibelübersetzung übernommen, die unter Karl IV. in den 1350er bis 1360er Jahren entstanden ist.“

Kirchenslawisch im Evangeliar von Reims

Evangeliar von Reims  (Foto: Public Domain)
Bis zum Ausbruch der Hussitenkriege wurde im Kloster vermutlich weiterhin das Kirchenslawische benutzt. Davon zeugen dem Experten zufolge die erhaltenen Fragmente von liturgischen Texten.

„Aus den kirchenslawischen Texten entstand im Emmaus-Kloster der zweite Teil des sogenannten ‚Evangeliars von Reims‘. Diese Texte sind wirklich 1395 im Skriptorium des Slawen-Klosters verfasst worden. Neben den alttschechischen Texten, die in glagolitischer Schrift niedergeschrieben wurden, sind es die einzigen Werke, von denen wir mit Sicherheit behaupten können, dass sie wirklich im Emmaus-Kloster entstanden sind. Bei den anderen Fragmenten, die in glagolitischer Schrift auf kroatische Weise geschrieben wurden, können wir nicht sagen, ob sie aus Kroatien nach Prag gebracht wurden oder erst im Kloster entstanden sind. Das slawische Schrifttum wurde im Emmaus-Kloster nur relativ kurz, etwa 70 Jahre lang, gepflegt. Es führte aber zu einem Export tschechischer Kultur nach Kroatien. Denn einige Werke des Kirchenreformators Jan Hus und seiner Vorgänger gab es, höchstwahrscheinlich durch die Vermittlung des Emmaus-Klosters, im 15. Jahrhundert auch in altkroatischen Übersetzungen, geschrieben in glagolitischer Schrift.“

Wandfragment glagolitischen Schrifttums im Kloster ohne UV Licht  (Foto: Martina Schneibergová)
Die Ausstellung beginnt in dem Raum, in dem sich heute die Pforte des Emmaus-Klosters befindet. Früher war es der Kapitelsaal, sagt Václav Čermák:

„Wir fangen deswegen hier an, weil sich in dem Raum das einzige Wandfragment glagolitischen Schrifttums im Kloster befindet. Die glagolitische Inschrift stammt von Anfang des 15. Jahrhunderts. Es handelt sich um den alttschechischen Wortlaut der Zehn Gebote. Das Fragment wurde bei der Instandsetzung des Klosters in den 1950er Jahren entdeckt. Zu entziffern waren aber nur drei glagolitische Buchstaben. Um weitere zu finden, musste die Wand unter einer UV-Lampe erforscht werden.“

Glagolitisches Wandfragment

Im früheren Skriptorium des Klosters links von der Pforte wird die Geschichte des Klosters seit seiner Gründung beschrieben. Eine Vorstellung vom ursprünglichen Klosterareal bietet ein Modell mit den einzelnen Gebäuden. Die weiteren Exponate seien alles Faksimile slawischer Schriften, sagt Václav Čermák:

Glagolitische Schrift  (Foto: Martina Schneibergová)
„Es sind nur Fragmente des slawischen Schrifttums erhalten. Zu sehen ist ein Brevier, in dem ein Teil des Offiziums des heiligen Veit enthalten ist, das Mitte des 14. Jahrhunderts in glagolitischer Schrift verfasst wurde. Wir wissen nicht, ob es aus dem Emmaus-Kloster oder aus Kroatien stammt. Gezeigt wird zudem ein Fragment des Psalters, das bei der Gewölberekonstruktion gefunden wurde. Dieser Psalter stammt eindeutig aus Kroatien und wurde von dort hierhergebracht. Ausgestellt wird auch ein Faksimile des Evangeliars von Reims. Der erste Teil der Handschrift stammt von Ende des 11. Jahrhunderts aus Südwestrussland. Geschrieben wurde er in kyrillischer Schrift. Karl IV. schenkte diesen Teil der Handschrift den Benediktinern von Emmaus. 1395 entstand der zweite Teil. Er enthält das sogenannte ‚Lektionar‘ – also ein liturgisches Buch für wichtige Feiertage, die im Kloster begangen wurden. Neben den tschechischen Heiligen findet man dort auch die Slawenapostel Kyrill und Method.“



Die Ausstellung „Das Slawen-Kloster Karls IV. – Frömmigkeit, Kunst und Bildung“ ist im Emmaus-Kloster noch bis 21. November dieses Jahres zu sehen. Das Kloster ist täglich außer Sonntag von 11 bis 17.30 Uhr geöffnet.

Das kolorierte Faksimile des Evangeliars, das in der Ausstellung gezeigt wird, wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich herausgegeben. An die Schau über das slawische Schrifttum knüpft eine Ausstellung über den einzigartigen Zyklus der Wandmalereien an, die sich im Klostergang und in der sogenannten „Kaiserkapelle“ befinden.