Priesterseminar in Dejvice: Gebäude mit bewegter Geschichte

Foto: Martina Schneibergová

Die Geschichte von Dejvice als modernen Prager Stadtteil begann in den 1920er Jahren. Damals wurden dort viele Gebäude errichtet, in denen bis heute einige Prager Hochschulen ihren Sitz haben. Zu ihnen gehört auch das für die damalige Zeit recht moderne Areal des Priesterseminars. Während seiner verhältnismäßig kurzen Geschichte wurde es zweimal aufgelöst: in der NS-Zeit und im kommunistischen Regime. Das imposante Gebäude diente zunächst als Wehrmachtsquartier und ein paar Jahre später dann als internationale Zentrale für die kommunistische Propaganda.

Prag-Dejvice (Foto: ŠJů, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Der Stadtteil Dejvice liegt nördlich der Prager Burg im sechsten Stadtbezirk. Ursprünglich hieß die Gemeinde Dehnice. Der Name soll angeblich vom tschechischen Wort „dehet“ – zu Deutsch „Teer“ abstammen. Die älteste Erwähnung von Dehnice stammt aus dem 11. Jahrhundert. Im 15. Jahrhundert soll es auf dem Gebiet des heutigen Dejvice mehrere Rebflächen gegeben haben, von denen aber heute nichts mehr erhalten ist. 1849 wurden die Gemeinden Dejvice und Horní Šárka zusammengeschlossen. Sie gehörten noch nicht zu Prag, sondern zum Bezirk Rakovník. Erst 1922 wurde Dejvice dann in die Hauptstadt eingemeindet. Zu jener Zeit entwarf der renommierte Architekt und Stadtplaner Antonín Engel einen Plan für den Aufbau eines modernen Dejvice mit einem zentralen Platz, dem heutigen Vítězné náměstí.

Gebäude des erzbischöflichen Priesterseminars und der theologischen Fakultät (Foto: Martina Schneibergová)
Kurz nach Gründung der Tschechoslowakischen Republik war es notwendig geworden, die Kapazitäten der Universitäten und anderer Hochschulen zu erweitern. In Dejvice wurden darum in den 1920er Jahren neue Studentenwohnheime sowie mehrere Gebäude für die tschechische Technische Hochschule sowie für die Universität für Chemie und Technologie erbaut. Eine Dominante unter den neuen Bildungsinstitutionen war jedoch das Gebäude des erzbischöflichen Priesterseminars und der theologischen Fakultät. Die helle Fassade des Hauses mit einer auffallenden Kuppel ist heute noch aus der Ferne gut zu erkennen. Vom zentralen Platz in Dejvice führt die Zikova-Straße direkt zum Haupteingang des Gebäudes.

Ernst von Harrach
Ein erzbischöfliches Priesterseminar habe es in Prag bereits im 17. Jahrhundert gegeben, erzählt Alexandra Škrlandová. Sie arbeitet beim Prager Touristenservice PIS und führt Touristen auch durch wenig bekannte Sehenswürdigkeiten:

„Kardinal Ernst von Harrach gründete 1635 ein theologisches Seminar für künftige katholische Priester auf einem Grundstück beim Pulverturm. Das erzbischöfliche Seminar befand sich dort 142 Jahre lang. Danach zog es in einen Flügel des Prager Klementinums um. Dort war es bis zu Entstehung der Tschechoslowakei, die brauchte aber die dortigen Räumlichkeiten als Lesesäle für Studenten und forderte deswegen das Prager Erzbistum auf, das theologische Seminar anderswo unterzubringen. Der damalige Prager Erzbischof František Kordač beauftragte den Architekten František Havlena mit dem Bau eines neuen Gebäudes für die Priester und Theologiestudenten. Havlena hat zuvor nur das erzbischöfliche Gymnasium im Stadtteil Bubeneč errichtet.“

Grundstein (Foto: Martina Schneibergová)
Das Gebäude sollte einfach, aber modern sein. Es sind daran romanische sowie byzantinische Elemente zu finden, die der Architekt gezielt als Symbol für jene Wurzeln einsetzte, zu denen sich die Gläubigen bekannten.

„Der Grundstein wurde am 4. Oktober 1925 gelegt und eingesegnet. Es ist übrigens interessant, dass man den Grundstein auch heute noch besichtigen kann. Er ist in einer Wand in der erste Etage des Gebäudes eingelassen.“

Als erstes wurden damals acht Stahlbetonpfeiler aufgestellt, die eine Art Tubus bildeten. Diese tragen die Kuppel, die der Kuppel des Petersdoms ähnlich ist. Danach wurden erst die einzelnen Treppenhäuser an der Konstruktion angebracht und der Rest des Gebäudes errichtet.

„In der ersten Etage gab es Vortragssäle und die Büros des Rektors und der Professoren. Oben befanden sich die Zimmer für die Studenten. In der Kuppel des Hauses wurde eine Kapelle errichtet und im Erdgeschoss entstanden Speisesäle, eine Küche sowie eine Wäscherei. Das Haus wurde mit einer Zentralheizung ausgestattet. Im rechten Gebäudeflügel war sogar eine kleine Klinik untergebracht. Auf der Baustelle arbeiteten 300 bis 500 Arbeiter. Am 6. November 1927 wurden dann zunächst das Seminar und danach auch die hiesige Kirche gesegnet.“

Kirche St. Adalbert (Foto: Martina Schneibergová)
Die Kirche wurde an das Hauptgebäude angeschlossen. Sie sollte von Anfang an auch als Pfarrkirche für die Bewohner aus der Umgebung dienen. Der Eingang in die Kirche befindet sich auf der hinteren Seite des Gebäudes – in der Straße Kolejní. Geweiht wurde sie dem heiligen Adalbert – ebenso wie jene Kirche des historischen Priesterseminars, das im 17. Jahrhundert unweit des Pulverturms stand, sagt Alexandra Škrlandová:

„Für die Seelsorge war immer der Regens zuständig, also der Leiter des Priesterseminars. Erster Regens war Otto Stanovský. Nach 1932 bekleidete der spätere Prager Erzbischof, Josef Beran, das Amt des Regens. Er kümmerte sich damals nicht nur um das Priesterseminar, sondern war als Seelsorger beispielsweise im damaligen Armenviertel Na Jenerálce aktiv.“

Kirche St. Adalbert (Foto: Martina Schneibergová)
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 wurde das geräumige Gebäude der Wehrmacht zugeteilt. Die theologische Fakultät, die dort ebenfalls ihren Sitz hatte, wurde ebenso wie alle tschechischen Hochschulen nach den Ereignissen vom 17. November 1939 geschlossen. Das Priesterseminar musste umziehen. Josef Beran wurde 1942 von der Gestapo verhaftet und ins KZ Dachau geschickt. Nach Kriegsende konnten das Priesterseminar sowie die theologische Fakultät wieder in ihre Residenz in Dejvice zurückkehren. Josef Beran kam aus Dachau zurück und nahm den Unterricht wieder auf, 1946 wurde er zum Prager Erzbischof ernannt. 1948 ergriffen dann die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. Der Kampf gegen die Religion war eines der ersten Ziele der neuen Machthaber.

Foto: Martina Schneibergová
„1953 musste das Priesterseminar nach Litoměřice / Leitmeritz umziehen. Die Kirche St. Adalbert wurde geschlossen und geräumt. Ins Gebäude, das einst für die Theologiestudenten erbaut wurde, zog die internationale Redaktion der Zeitschrift ´Fragen des Friedens und des Sozialismus´ ein. Die Zeitschrift diente als Zentrale der marxistischen Propaganda. Das Kreuz von der Kuppel des Gebäudes wurde natürlich beseitigt.“

Die Kirche St. Adalbert wurde während des Kommunismus zu verschiedenen Zwecken genutzt. 1972 wurde dann beschlossen, sie in einen Kultursaal umzuwandeln. Im Altarraum richtete man ein Podium ein, im Saal wurde eine zudem eine Galerie eingebaut. Erst 1990 durften die Theologiestudenten wieder in ihr Haus in Dejvice zurückkehren und 1991 wurde das Kreuz wieder auf die Kuppel des Hauptgebäudes gesetzt. Seit 1992 dient auch die Adalbert-Kirche wieder ihrem ursprünglichen Zweck. Jeden Sonntag treffen hier vor allem junge Familien aus der Umgebung bei Gottesdiensten zusammen, sagt Alexandra Škrlandová:

Josef-Beran-Denkmal (Foto: Martina Schneibergová)
„Nach der Wende wollte man die Kirche zunächst wieder so wie früher gestalten. Es wäre aber zu teuer gewesen, auch wenn das Interieur in Sankt Adalbert immer sehr einfach aussah. Seit den 1990er Jahren hat die Kirche einen neuen Hauptaltar von Architekt Michal Bořkovec. Dahinter wurde eine Tapisserie von Eda Jelínková platziert.“

Im kleinen Park vor dem Gebäude der theologischen Fakultät wurde 2009 ein Denkmal für den zweiten Rektor des Priesterseminars, Josef Beran, errichtet. Er wurde kniend dargestellt, und hinter der Statue öffnet sich ein Tor, das den byzantinischen Kirchen ähnelt. Beran wurde während des Kommunismus Jahre lang unter Hausarrest und Aufsicht des kommunistischen Geheimdienstes an verschiedenen Orten der Tschechoslowakei festgehalten. 1965 wurde er von Papst Paul VI. zum Kardinal ernannt. Das kommunistische Regime erlaubte ihm zwar, nach Rom auszureisen, verbot ihm danach jedoch, in seine Heimat zurückzukehren. Beran starb 1969 in Rom, die kommunistische Regierung gestattete eine Überführung des Leichnams in die Tschechoslowakei nicht. Daher wurde Kardinal Beran als einziger Tscheche in der Krypta im Petersdom bestattet.