Rehák: Nach der Shoah und der kommunistischen Ära bekennen sich viele Juden nicht mehr zum Judentum

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Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Shoah, von der auch die tschechischen Juden nicht verschont blieben. Den Zweiten Weltkrieg haben nur ca. 15 Prozent der jüdischen Bevölkerung in den Böhmischen Ländern überlebt. Über ihr Schicksal sprach Martina Schneibergova mit Robert Rehák von der tschechischen "Gesellschaft der Christen und Juden".

Robert Rehák (Foto: Martina Schneibergova)
Ein problemloses Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden war für die Zeit der sog. Ersten Republik charakteristisch. Für ein tolerantes Milieu setzte sich der erste tschechoslowakische Staatspräsident Tomás Garrigue Masaryk sehr konsequent ein, meint Robert Rehák und erinnert sich an ein Beispiel aus seinem Verwandtenkreis:

"Meine adoptive jüdische Großmutter, die aus einer Rabbinerfamilie stammte, erzählte mir, dass ihre Familie den Kaplan, der gegenüber ihnen wohnte, immer zu Mittagessen eingeladen hatte. Sie erzählte mir außerdem, dass sie eine deutsche Schule besuchte, wo tschechische und deutsche Schüler waren. Nie habe sie von jemand im negativen Sinne gehört, dass sie eine Jüdin war."

Ein radikales Ende nicht nur für die erwähnte tolerante Gesellschaft, sondern auch für die humane Republik stellte der Zweite Weltkrieg mit der Shoah dar. Fast 300.000 tschechoslowakische Juden (zur Tschechoslowakei gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg auch die Karpathenukraine) wurden in dieser Zeit ermordet. Robert Rehák fügt hinzu:

"80.000 Juden wurden allein in Böhmen und in Mähren ermordet. Diese meine Großmutter, die ich vorher erwähnte, erlebte einige Konzentrationslager, am Anfang war sie in Theresienstadt. Sie erzählte mir darüber, wie sie von einem Lager in ein anderes geschickt wurde und wie ihre Mutter unterwegs starb. Die Großmutter konnte sie nicht begraben, weil es im Winter war und die Erde war zu hart."

Nach dem Krieg folgte eine kurze Zeitetappe, in der die Tschechoslowakei eine freundliche Politik gegenüber Israel betrieben hatte. Nach dem Vorbild der Sowjetunion setzte sich jedoch bald eine antisemitische bzw. antizionistische Politik durch. Der jüdische Glaube wurde übrigens wie alle anderen Religionen während des Kommunismus mit allen Mitteln unterdrückt. Heutzutage leben in Tschechien etwa 5.000 Juden, wobei Robert Rehak jedoch erklärt:

"Die Zahlen sind nicht präzise. Das ist die offizielle Zahl von Menschen, die sich zum Judentum bekennen. Es leben hier mehrere Tausend Juden, die sich zum Judentum offiziell nicht bekennen. Es gib hier Familien, die in der zweiten bzw. dritten Generation nicht mehr jüdisch sind, es gibt Familien, die konvertiert haben oder die atheistisch leben."

Die Ursachen dessen sieht Robert Rehak hauptsächlich in den grausamen Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Denn:

"Nach den schrecklichen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und mit dem Kommunismus fingen viele Juden an, das Judentum abzulehnen. Sie brachten ihren Kindern bei, dass sie überhaupt vergessen sollen, dass sie Juden sind."