Samtener Karneval zum Gedenken an die Samtene Revolution

Foto: Gerald Schubert

Die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer sind vorbei, in genau einer Woche sind nun die Tschechen mit ihrem Jubiläum an der Reihe. Am 17. November 1989 löste in Prag eine Studentendemonstration, die von der Polizei niedergeknüppelt wurde, die Samtene Revolution aus. Bald darauf war auch in der Tschechoslowakei das kommunistische Regime Geschichte. Zum Jubiläum am kommenden Montag stehen viele offizielle Gedenkveranstaltungen auf dem Programm. Einige Bürgerinitiativen planen gemeinsam mit Künstlern aber ihren ganz eigenen Umzug: den Samtenen Karneval.

Olga Cieslarová (Foto: Gerald Schubert)
Auf der Prager Kleinseite, direkt am Moldauufer neben der Karlsbrücke, liegt das so genannte „Samtene Zentrum“. Wer das schöne Innenstadtpalais nur von außen sieht, würde kaum auf die Idee kommen, dass es innen in recht schlechtem Zustand und meist ungenutzt ist. Für drei Monate hat der Prager Stadtmagistrat das Gebäude nun der Bürgerinitiative For_um zur Verfügung gestellt. Der Name deutet nicht nur das Wort Forum an, sondern auch ein tschechisches Wortspiel aus den Begriffen Witz und Kunst. Olga Cieslarová, die Vorsitzende, koordiniert die Vorbereitungen für den Samtenen Karneval am 17. November:

„Wir Tschechen wissen eigentlich nicht, was wir mit diesem Tag anfangen sollen. Es gibt Demonstrationen, Konzerte, Diskussionen, aber nicht wirklich etwas Besonderes. Man spürt aber, dass die Menschen an diesem Tag etwas machen wollen, dass sie in die Straßen gehen und sich an die Samtene Revolution von 1989 erinnern wollen.“

Foto: Gerald Schubert
Auf mehrere Stockwerke verteilt herrscht in den 50 Räumen des Palais kreatives Chaos. Politikermasken liegen zum Trocknen auf dem Boden, allegorische Figuren werden gebastelt, Umzugswägen vorbereitet. Olga Cieslarová:

„Wir laden Prager Initiativen ein, die sich das ganze Jahr hindurch mit unterschiedlichen Themen beschäftigen, zum Beispiel mit Ökologie, Frauenrechten, Ausbildung oder mit der Situation der Roma. Diese bringen wir dann auf Workshops mit Künstlern zusammen. Die Initiativen überlegen dort jeweils zusammen mit einem Künstler unter der Leitung eines Dramaturgen, wie man ihre Themen in satirischer Form umsetzen kann.“

Vertreten sind etwa die Menschenrechtsorganisation Člověk v tísni, das Institut für das Studium totalitärer Regime oder die Umweltorganisation Greenpeace. Diese wird ein Haus durch die Straßen rollen, in dem eine Familie an konventionelle Energieträger gebunden ist – im wahrsten Sinne des Wortes:

Lucie Jakešová (Foto: Gerald Schubert)
„Drumherum werden Vertreter der erneuerbaren Energie laufen. Die wollen rein, aber sie dürfen nicht“, erklärt Lucie Jakešová von Greenpeace Tschechien. „Energie aus erneuerbaren Quellen ist aber bereits verfügbar. In Deutschland kann man das schön sehen: Die Energiewende ist keine Vision, sondern die Realität. Es ist möglich!“

Auch kleinere Initiativen kommen zu Wort. Katrin Houserová etwa möchte, dass neben den Produkten der Pharmaindustrie auch Naturheilverfahren mehr Anerkennung finden:

„In unserem Teil des Umzugs werden riesige Pillen, die die Pharmaindustrie symbolisieren, einen Käfig ziehen. Darin sitzt ein nicht zugelassener Pilz, der über heilende Kräfte verfügt. Damit wollen wir ausdrücken, wie die Pharmaindustrie über die Natur siegt.“

Foto: Gerald Schubert
Vorbild für den Samtenen Karneval ist übrigens die Basler Fasnacht. Missstände, sagt Olga Cieslarová, sollen kritisiert werden – aber nicht todernst, sondern mit Mitteln des Humors und der Satire. Damit ist die der Samtene Karneval dann doch wieder eine Verbeugung vor der Samtenen Revolution, die diese offene Kritik erst möglich gemacht hat.