Sancta Familia: Ein Weihnachtsgeschenk nach 80 Jahren

Foto aus dem Buch „Sancta Familia“

„Sancta Familia“ nennt sich ein schmales Buch, das kurz vor Weihnachten 1938 entstanden ist. Zwei Jungs aus der Prager Familie Wels haben es damals zusammengestellt und ihre Eltern damit beschenkt. Nun, nach mehr als 80 Jahren, wurde ein Faksimile des Bandes herausgegeben.

Sancta Familia  (Quelle: Verlag Triáda)

„Stellen Sie sich eine lichtdurchflutete, großzügige moderne Wohnung vor mit einer großen Terrasse, die dem Deck eines Ozeanriesens gleicht. Wir sind in Prag, und es ist Weihnachten 1938. Die Wohnung befindet sich im obersten Stockwerk eines eleganten Neubaus nicht weit vom Sommerberg-Park (Letná). Hier wohnt die Familie des Architekten Rudolf Wels, der das Haus entworfen hat, eine moderne gutbürgerliche Prager Familie, die im Zentrum einer kosmopolitischen und vielsprachigen Metropole lebt.“

Das schreibt der in Prag lebende britische Journalist David Vaughan im Nachwort zum Buch Sancta Familia. Er hat sich mit der Geschichte der Familie Wels gründlich beschäftigt und den Band zur Herausgabe im Verlag Triáda vorbereitet:

„Das Buch wurde von zwei Brüdern geschrieben. Sie hießen Tomáš und Martin und waren ungefähr 18 und 13 Jahre alt. Die beiden Jungs haben sich entschlossen, den Eltern und der Großmutter ein Buch zu Weihnachten zu schenken. Es heißt Sancta Familia, also Heilige Familie. Es enthält Szenen aus dem Alltagsleben der Familie Wels. Der Titel Sancta Familia ist ein bisschen ironisch, Martin und Tomáš machen sich damit über die Familie lustig.“

Mit Maschine geschrieben und von Hand illustriert

David Vaughan  (Foto: Pavla Horáková)

Das Buch sei unheimlich schön, erzählt David Vaughan weiter:

„Man hat das Gefühl, dass man den Alltag in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre in Prag zusammen mit der Familie erlebt. Sie beschreiben zum Beispiel, wie sie einkaufen gehen, wie sie essen, wie sie sich über alles Mögliche streiten. Es ist sehr viel Humor dabei. Die Dialoge sind sehr authentisch. Die beiden Jungs haben beobachtet, wie die jeweiligen Mitglieder der Familie sprechen. Man fühlt sich, als wäre man in die Vergangenheit gereist.“

Und eine Sache mache das Buch noch schöner, betont Vaughan:

Eisstadion Štvanice  (Foto: Archiv der Villa Štvanice)

„Der jüngere Bruder, Martin, hat sehr gerne gezeichnet. Er hat das ganze Buch illustriert – mit Skizzen der Familie, der Stadt. Man sieht viele Bilder, die zeigen, wie Prag damals aussah, sowie kleine Szenen aus dem Alltag, zum Beispiel wie man auf der Insel Štvanice Schlittschuh laufen ging.“

Die Szenen bieten nicht nur einen Einblick in das Familienleben, sondern auch allgemein in die damalige bürgerliche Gesellschaft in der tschechoslowakischen Hauptstadt:

Prager Straße ‚Am Graben‘  (Quelle: Wikimedia Commons,  CC0)

„Wie es bei Prager jüdischen Familien oft üblich war, war die Familie komplett zweisprachig. Die Mutter Ida kam aus Eger und sprach Deutsch. Der Vater war aus Rokycany bei Pilsen, und seine Muttersprache war Tschechisch. Sie sprachen zu Hause eine Mischung von Tschechisch und Deutsch. Alle Familienmitglieder beherrschten beide Sprachen perfekt. Und die Dialoge in dem Buch sind manchmal auf Tschechisch, manchmal auf Deutsch, manchmal gehen sie vom Tschechischen ins Deutsche über und dann wieder zurück. Und die Mutter sprach einen Dialekt, wahrscheinlich aus dem Egerland. Wenn sie zum Beispiel in der Prager Straße ‚Am Graben‘ waren, redete Martin mit seiner Mutter Deutsch, dann kamen sie auf den Wenzelsplatz, wo man Tschechisch spricht, und auch sie sprachen auch miteinander Tschechisch. Sie gingen in den bekannten Imbiss ‚Koruna‘, sprachen Tschechisch, kamen raus, und da traf Ida eine Freundin, Frau Lederkremp, und man redete zusammen Deutsch. Es ist wirklich interessant. Man merkt, dass es Sprachgrenzen gab in der Stadt, die in den 1930er Jahren in Folge der Spannung zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland wahrscheinlich immer wichtiger wurden. Und die jüdischen Familien, die mit diesen Konflikten eigentlich nichts zu tun hatten, haben ebenfalls darunter gelitten.“

Alltag in Prag der Zwischenkriegszeit

Foto aus dem Buch „Sancta Familia“

Das Buch wurde im Herbst 1938 verfasst und an Weihnachten den Eltern geschenkt.

„Das heißt, es entstand kurz nachdem das Münchner Abkommen unterschrieben worden war und Hitler ungefähr ein Viertel des tschechischen Territoriums annektiert hatte. Die Großmutter wohnte zum Beispiel bei der Familie, weil sie aus Cheb / Eger fliehen musste. Es war ja eine jüdische Familie. Zwar wurde das Judentum bei den Wels‘ nicht besonders praktiziert, aber man hatte jüdische Wurzeln. Deswegen war auch die Großmutter bei ihnen zu Hause, und man erkennt sie im Buch in den Dialogen.“

In den meisten Dialogen spricht der jüngere Bruder, der im Buch den Namen Zapperl beziehungsweise Capek trägt. Sein älterer Bruder tritt nur indirekt auf. Die Handlung spielt in naher Zukunft, im Frühling 1939. Sie beginnt auf dem Bahnhof: Der ältere Bruder hat gerade Prag mit dem Zug in Richtung Paris verlassen. Er will im Westen Zuflucht finden, und die Familie plant, ihm bald nachzureisen. Das spiegelte die realen Pläne der Familie Wels wider, sagt Vaughan:

Rudolf Wels mit seiner Ehefrau Ida  (Foto: Archiv der Familie Wels)

„Nachdem das Münchner Abkommen unterzeichnet wurde, entschloss sich die Familie zu emigrieren. Man wollte nach Amerika. Darüber wird auch in den Dialogen gesprochen. Es ist faszinierend: Die Familienmitglieder spekulieren darüber, wie das neue Leben in Amerika aussehen wird. Manchmal sind die Dialoge lustig, zum Beispiel wenn sie darüber sprechen, dass sie eine Wurstbude aufmachen werden und den amerikanischen Präsidenten Roosevelt dorthin einladen wollen.“

In dem Buch stecke viel Humor, sagt David Vaughan, aber…

„Aber hinter dem Humor spürt man auch die Ängste um die Zukunft bei der Familie. Es war bereits klar, dass Hitler nicht nur mit den Grenzgebieten der Tschechoslowakei zufrieden sein wird und dass es irgendwann noch viel schlimmer kommt. Drei Monate nach der Entstehung des Buches, im März 1939, kam es tatsächlich zur Besetzung Prags. Und die Familie hatte plötzlich, von einem Tag zum anderen, nicht mehr die Möglichkeit auszuwandern.“

Trauriges Schicksal der Familie

Tomáš Wels  (Foto: Archiv der Familie Wels)

Nur dem älteren Sohn Tomáš gelang es, über Polen zu fliehen und bis nach Großbritannien zu kommen. Dort diente er während des Zweiten Weltkriegs bei der Royal Airforce. Seine Eltern und sein Bruder wurden jedoch Anfang 1942 ins Ghetto Theresienstadt und anderthalb Jahre später nach Auschwitz verschleppt. Dort kamen sie 1944 ums Leben.

„Es ist eigentlich ein Wunder, dass es dieses Buch überhaupt noch gibt. Kurz bevor sie nach Theresienstadt geschickt wurden, haben Rudolf, Ida und Martin Wels ihre wichtigsten Sachen bei ihren Freunden gelassen, bei der Familie des protestantischen Pastors Josef Štifter. Deshalb sind noch heute viele Briefe der Familie Wels erhalten, aber auch sehr viele Fotos und ein paar sehr interessante Bücher.“

Foto aus dem Buch „Sancta Familia“

Tomáš überlebte den Krieg und kam kurz nach Kriegsende nach Prag zurück. Sehr bald erfuhr er, dass niemand aus seiner Familie am Leben geblieben war. Er ging zu Štifter und nahm so viele Sachen wie möglich nach England mit. Darunter war auch das Buch Sancta Familia:

„Die Erfahrung, dass er seine ganze Familie verloren hat und damit auch seine ganze Welt, die Welt, die so schön in diesem Buch beschrieben wurde, war für Tomáš wahrscheinlich so traumatisch, dass er nie mit seiner Familie in England – er hatte inzwischen eine englische Frau und drei Kinder – darüber gesprochen hat. Erst vierzig Jahre später, als er schwer krank war, machte sein Sohn Colin die Kiste auf, in der die ganzen Sachen lagen. Und da fing die ganze Geschichte wieder an. Colin und seine Geschwister sprechen kein Tschechisch. Es hat sehr lange gedauert, bis sie begriffen, was für einen Schatz sie da haben. Das war für die Familie Wels der Weg zurück zu ihrer eigenen Geschichte.“


Foto aus dem Buch „Sancta Familia“

Nach mehr als 80 Jahren ist nun das Buch Sancta Familia im Verlag Triáda erschienen. Und zwar gleich in drei Sprachen. Es wurde als Faksimile herausgegeben. Die Seiten und Illustrationen entsprechen dem mit Schreibmaschine geschriebenen Original:

„Eigentlich hatten wir Glück, dass das Buch ursprünglich immer nur auf einer Seite geschrieben wurde, wobei die Blätter nachfolgend gebunden wurden. Auf der linken Seite gab es keinen Text und keine Bilder. Es war also sehr leicht, auf der linken Seite, direkt neben dem ursprünglichen Text, die Übersetzung hinzuzuschreiben. Das heißt, dass man das ganze Buch lesen kann, auch wenn man nur Tschechisch oder nur Deutsch spricht, indem man ab und zu zur linken Seite springt. Dazu gibt es ganz links noch eine Kolonne, in der der ganze Text zudem auf Englisch steht. Das Nachwort ist auch in allen drei Sprachen verfasst. Zudem enthält das Buch ein paar Fotos der Familie aus den 1930er Jahren, sehr schöne Familienfotos aus der Zeit, bevor die ganze Tragödie dann anfing.“

Das dreisprachige Buch Sancta Familia wird mittlerweile in den meisten Buchhandlungen Prags angeboten. Man kann es auch über den Verlag Triáda bestellen. Außerdem ist geplant, es per Amazon anzubieten.