Schnelligkeit, Verlässlichkeit, Unabhängigkeit

Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks

Die Tschechische Presseagentur ČTK, umgangssprachlich die Četka, ist genau 100 Jahre alt.

Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Eigentlich sollte man von dem Tschechischen Presse-Büro sprechen – so lautet die wörtliche Übersetzung von Česká tisková kancelář, kurz ČTK. Bei dem Wort Büro im heutigen Namen handelt es sich um ein historisches Relikt, dem man kaum noch bei einer weiteren Presseagentur in der Welt begegnet.

Das Gründungsdatum der ČTK gleicht dem der Tschechoslowakischen Republik: der 28. Oktober 1918. Damals handelte es sich allerdings nicht um das Tschechische, sondern um das Tschechoslowakische Presse-Büro. Die Medien-Forscherin Ludmila Trunečková von der Prager Karlsuniversität weiß mehr:

„Über die Gründung der Tschechoslowakischen Presseagentur im Oktober 1918 entschied der Vorstand des Tschechoslowakischen Nationalausschusses. Eine Gründungsurkunde oder ein anderes Gründungsdokument gibt es aber nicht. In der Datei der Agentur werden stenographische Protokolle der ersten Sitzungen aufbewahrt, aber erst ab November 1918.“

Gründung am 28. Oktober 1918

Jan Stejskal (Foto: Petra Čechová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die Tschechoslowakische Presseagentur startete damals nicht ganz bei null. In Böhmen und Mähren waren bereits Mitte des 19. Jahrhunderts Presseagenturen tätig. Das Kaiserlich-Königliche Telegraphen-Korrespondenz-Bureau eröffnete seine Zweigstellen 1867 in Prag und 1894 in Brno / Brünn und Ostrava / Ostrau. 1906 entstand im Prager Büro eine eigene Abteilung, die fortan Nachrichten in tschechischer Sprache produzierte. Fast alle Mitarbeiter der Prager Zweigstelle wechselten später in den neuen tschechoslowakischen Pressedienst. Der Name Tschechoslowakisches Presse-Bureau tauchte aber bereits in den 1880er Jahren auf, wie Jan Stejskal sagt. Er arbeitet in der Auslandsredaktion der ČTK und hat sich mit der Geschichte tschechischsprachiger Medien beschäftigt:

„Die Landsmannschaften der Tschechen und Slowaken, vor allem in den USA, waren sehr aktiv. Sie setzten sich stark für die Entstehung der Republik ein und machten intensiv Propaganda für diesen Schritt. Dies geschah sowohl in den tschechischen und slowakischen Vereinen in Übersee, als auch in den Presseabteilungen der Landsmannschaften. Sie gaben sich dann den Namen Tschechoslowakische Presseagentur.“

Harrach-Palais in der Jindřišská-Straße (Foto: VitVit, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
Die neu gegründete Agentur war zunächst der Pressedienst des Nationalausschusses und hatte ihren Sitz im Prager Gemeindehaus. Später zog sie in das Harrach-Palais in der Jindřišská-Straße um und danach in die Štěpánská-Straße. Im September 1930 erfolgte ein weiterer Umzug, und zwar an den heutigen Sitz in der Opletalova-Straße.

Die ČTK bot innen- und außenpolitische Berichterstattung, Nachrichten aus dem Parlament, Informationen von der Börse sowie Sportberichte und Bilder. Über die hiesige Politik wurde auf Tschechisch und auf Deutsch berichtet, es wurden aber auch Berichte in Slowakisch und Ungarisch angeboten. Zudem veröffentlichte die Agentur staatliche Presse-Dokumente, die von der Presseabteilung des Regierungsamtes genehmigt werden mussten.

Blütezeit unter Emil Čermák

Emil Čermák (Foto: Archiv der tschechischen Akademie der Wissenschaften)
Die erfolgreichste Etappe der Tschechoslowakischen Presseagentur in der Zwischenkriegszeit waren zweifelsohne die Jahre von 1920 bis 1930. Damals stand Emil Čermák an ihrer Spitze. Ludmila Trunečková:

„Emil Čermák war ein sehr erfahrener Journalist und einstiger Chefredakteur der Tageszeitung Lidové noviny. Er stand zehn Jahre lang an der Spitze der Agentur, von 1920 bis 1930. Zuvor hatte er lange Jahre auch als Auslandskorrespondent gearbeitet und baute daher die internationalen Kontakte auf. Die Agentur ging Kooperationen mit 25 weiteren Presseagenturen im Ausland ein.“

Die ČTK hatte nach ihrer Gründung zwölf Auslandsbüros. Das erste wurde in Wien eröffnet. Zunächst war diese Filiale technisch besser ausgestattet als die Zentrale in Prag. Dies sollte sich aber bald ändern, sagt Trunečková. Neue technische Erfindungen hätten den Betrieb stark beeinflusst:

„Interessant ist die Zusammenarbeit mit dem Hörfunk. Ab dem Frühling 1924 lieferte die Agentur Nachrichten für das Radiojournal, allgemeine Nachrichten, politische Berichte und die Wettervorhersage. Diese wurden telefonisch vermittelt. Das Gespräch wurde aufgezeichnet, stenographiert, verschriftlicht und danach im Studio eingesprochen. In diesem komplizierten Prozess konnten sich auch Fehler einschleichen, deswegen wurde 1926 entschieden, dass diese Radio-Nachrichten direkt aus dem Gebäude der ČTK gesendet wurden.“

Einmarsch Hitlers in Prag (Foto: Public Domain)
So wurde am 14. September 1937 über den Tod des ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk berichtet.

Widerstand und Kollaboration

Mit dem Einmarsch Hitlers in Prag am 15. März 1939 und der Zerschlagung der Tschechoslowakei begann eine weitere Etappe in der Geschichte der Agentur. Jan Stejskal erzählt:

„In der ČTK wurden drei Stufen der Zensur etabliert. Die Agentur war der Pressestelle des Amtes des Reichsprotektors unter der Leitung von Wolfram Wolfgang von Wolmar untergeordnet, von hier aus wurde die gesamte Presse im Protektorat gelenkt. Wolmar organisierte in den Räumen der Agentur wöchentlich Besprechungen mit den Chefredakteuren aller Zeitungen im Protektorat. In der Agentur trafen sich damals die wichtigsten Prager Nazi-Kollaborateure.“

Zdeněk Schmoranz (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)
Doch die ČTK war auch eines der ersten Zentren des Widerstands gegen die Nationalsozialisten:

„Die Tätigkeit begann schon in der Zeit der Zweiten Republik, nach dem Abschluss des Münchner Abkommens. An der Spitze stand der Chef der Presseabteilung des Regierungsamtes, Zdeněk Schmoranz. Er baute ein Netz von sogenannten Pressereferenten auf. Dazu rekrutierte er ehemalige Nachrichtenoffiziere der tschechoslowakischen Armee. Das Netz funktionierte bis August 1939 sehr erfolgreich und lieferte Nachrichten ins Ausland, diese wurden auch von der Exil-Regierung in London genutzt. Dann verriet einer der Referenten das Netz an die Gestapo. In der Folge wurden von den 60 Mitarbeitern zwölf hingerichtet, unter ihnen auch Schmoranz selbst.“

Im Dienst des kommunistischen Regimes

Die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg war von einer Erweiterung der internationalen Zusammenarbeit gekennzeichnet, aber auch von der Gleichschaltung und Zensur ab der kommunistischen Machtübernahme 1948. Nur in den 1960er Jahren kam es kurzzeitig zu einer liberaleren Phase. In den dramatischen August-Tagen 1968, als die Truppen des Warschauer Paktes die Tschechoslowakei besetzten, spielte die ČTK eine wichtige Rolle. Jan Stejskal:

August 1968 (Foto: Nationalarchiv, Wikimedia Commons, Public Domain)
„Durch dieses Presseorgan sollte die Welt über die Bildung einer Arbeiter- und-Bauern-Regierung erfahren, die die Okkupationsbehörden in Zusammenarbeit mit den Konservativen in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei planten. In Begleitung sowjetischer Soldaten wurde damals eine fiktive Nachricht über die Bildung dieser Regierung in die Redaktion gebracht. Die Meldung sollte an die Medien in der Tschechoslowakei und in der Welt verschickt werden. Die Nachricht wurde aber nie versendet.“

In den 1970er Jahren kam es dann auch in der Agentur zu personellen Säuberungen. Die sogenannte Normalisierung legte sich wie Mehltau über die Berichterstattung. Die ČTK war aber auch eines der ersten Medien hierzulande, das Computer nutzte. Seit 1988 verfügt sie über eine elektronische Datenbank, in der etwa sechs Millionen Fotos aufbewahrt werden.

Freiheit und Unabhängigkeit

Nach der Wende von 1989 gingen Diskussionen los über eine mögliche Privatisierung der Agentur. Schließlich wurde sie in eine öffentlich-rechtliche Institution transformiert, die unabhängig vom Staat arbeitet. Die Tschechische Presseagentur ist heute multimedial tätig, sie beschäftigt über 250 Menschen, davon knapp 190 Redakteure.

Schnelligkeit, Verlässlichkeit, Unabhängigkeit: Das sind die Attribute, die sich die Tschechische Presseagentur ČTK auf ihre Fahnen geschrieben hat. Zum 100. Gründungstag der unabhängigen Tschechoslowakei wurde eine Foto-Ausstellung zusammengestellt. Diese zeigt eine Auswahl von 163 Fotos aus dem Archiv der Agentur, die die Meilensteine in der Geschichte des Staates illustrieren. Die Ausstellung ist in der Fußgängerzone des Prager Stadtzentrums zu sehen, und zwar noch bis Ende Oktober.