„Siegreicher Februar 1948“: Kommunismus wird zum Lebenskredo

Der Siegreiche Februar – unter diesem Namen ist vor 60 Jahren das Datum 25. Februar 1948 in die Geschichte eingegangen. An diesem Tag wurde das Schicksal der damaligen Tschechoslowakei für die vier nachfolgenden Jahrzehnte besiegelt – bis zum Jahr der Wende 1989. Die Kommunisten, die vor 60 Jahren ans Ruder kamen und am erwähnten Tag ihrem Parteiführer Klement Gottwald auf dem Prager Altstädter Ring frenetisch zujubelten, hatten sich schon längst im Staat eingenistet. Viele ihrer Lebenswege steuerten auf diesen historischen 25. Februar zu, der für sie der Schlüssel zur endgültigen Machtübernahme war.

Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSČ) war nach dem Zweiten Weltkrieg sehr stark. Das zeigte sich schließlich bei der Parlamentswahl 1946, bei der sie im tschechischen Teil der Republik mit über 40 Prozent der Stimmen als stärkste Partei hervorging. Unter ihren Wählern gab es sicherlich schon damals viele Karrieristen, noch mehr aber auch aufrichtige Sympathisanten, die aus purem Idealismus, aus Naivität oder aufgrund tragischer Lebenserfahrungen zur kommunistischen Ideologie fanden. Věnek Šilhán, den späteren Protagonisten des Prager Frühlings im Jahr 1968, scheinen mehrere Faktoren zur kommunistischen Partei geführt zu haben. Er trat der KSČ gleich nach dem Krieg als 19-Jähriger bei.

Věnek Šilhán wurde 1927 als ältester von drei Söhnen des Gendarmeriewachtmeisters Josef Šilhán und seiner Frau Marie geboren. Beide Eltern waren tschechische Patrioten und erzogen in diesem Geist auch ihre Kinder. An seinen Vater erinnert er sich so:

„Mein Vater war im gewissen Sinne russophil. Zu Hause hatten wir Buchtitel der russischen Autoren wie Tolstoi, Dostojewski und andere. Das waren die Lieblingsbücher meines Vaters. Ich glaube, dass seine Vorliebe zum Teil auch mit seiner positiven Beziehung zur Sowjetunion zu tun hatte.“

Wie für viele Tschechen so auch für die Familie Šilhán bedeutete der Münchner Vertrag, unterzeichnet im September 1938 von Hitlerdeutschland mit Frankreich, Großbritannien und Italien über die Abtrennung der Sudetengebiete der Tschechoslowakei, ein großes Trauma. Šilháns Familie musste ihren Wohnort in einem der deutsch besetzten Gebiete verlassen, habe aber nie die Hoffnung auf eine bessere Zeit verloren, sagt heute Věnek Šilhán:

„Wir wussten, dass ´München´wieder gut gemacht werden muss. In unserer Familie herrschte nie Hoffnungslosigkeit. Es war klar, dass mein Vater- auch wenn er nur wenig darüber redete - davon überzeugt war, dass sich die Dinge verändern würden. Dies lag in seiner Natur, dank derer er auch Legionär wurde. Ich habe oft über die Psychologie seiner Zeitgenossen nachgedacht, die sich wie er dazu entschlossen hatten, und über ihre Motivation. Sie wurden doch gar nicht in diesem Geist erzogen und trotzdem sagten sie: ´Nein, wir wollen unsere Freiheit und unsere Republik.´ Den Begriff ´Freiheit´ haben auch wir Jungen in der Ersten Republik häufig benutzt.“

Věnek Šilhán besuchte während des Zweiten Weltkrieges ein Gymnasium, wechselte aber zur Berufsschule und wurde Schlosser. In den letzten Tagen des Krieges sei er sich durch ein tief empfundenes Erlebnis des großen Opfers der Roten Armee bewusst geworden:

„Den ersten Kontakt mit Russen hatte ich in den Tagen des Maiaufstandes 1945. Mit meinem Freund Karel beschlossen wir, nach Prag zu gehen, um dort bei den Kämpen zu helfen. Zu Hause nahm ich von meinem Vater eine kleine Pistole und zwei Patronenladungen. In Prag kamen wir todmüde an, weil wir mehr als die Hälfte des Weges zu Fuß zurückgelegt hatten. Als wir am Platz vor dem Rudolfinum ankamen, standen dort auf den Treppen viele russische Soldaten, unter ihnen waren auch Frauen, und vorne lagen Dutzende Särge, die man in der dortigen Parkanlage beisetzte. Ich fühlte mich sehr betroffen.“

Nach dem Krieg arbeitete Šilhán als Facharbeiter im nordböhmischen Chomutov / Komotau, in den ehemaligen Mannesmann-Werken, für die sich im Volksmund der Name „Mannesmanka“ einbürgerte. Gerade das Arbeitermilieu habe ihn starkt beeinflusst, sagt er:

„Ich trat in der ´Mannesmannka´ in die Partei ein. Einmal traf ich Beldik, das war ein Arbeiter, und er fragte mich: ´Warum bist du nicht auf der Versammlung?´ Ich wusste gar nicht, welche Versammlung er meinte. Im abgetrennten Teil des Meisters direkt in der Werkshalle waren bereits etwa 20 Leute und ich erfuhr, dass es die kommunistische Betriebszelle war. Die Männer redeten aber überhaupt nicht über die Politik, sondern über die Produktion: Es fehle dies und jenes, dies und jenes sei nicht in Ordnung usw. Vieles davon sah ich genauso. Diese Leute gefielen mir. Man kann sich vielleicht nur schwer vorstellen, was es bedeutet, die Produktion in einer Fabrik wieder anzukurbeln, in der früher 4000 oder 4500 Menschen arbeiteten.“

Als Kommunist sei er kein Fanatiker gewesen und habe sich hauptsächlich auf die Arbeit konzertriert. Die Ereignisse rund um die kommunistische Machtübernahme am 25. Februar 1948 sieht er auch heute nicht als Umsturz, sondern als einen Regierungswechsel, mit dem ein Kurs in die richtige Richtung eingeschlagen wurde:

Gulag
„Aus meiner Sicht war es kein Putsch. Es war eine Art Kampf, der aus meiner Sicht berechtigt war. So habe ich die Dinge gesehen. Der politische Kampf war unglaublich schtumutzig. Das war im Wahljahr 1946. Ich wusste nicht, wen ich wählen soll. Man wurde zwar von den Plakaten angesprochen, doch von der Realität noch nicht. Ich möchte aber noch etwas erwähnen, was für mich wichtig war. In der ´Mannesmannka´ habe ich Arbeitseinsätze auf dem Land mitorganisiert. Wir waren Handwerker und konnten landwirtschaftliche Maschinen reparieren. Das machten wir aber in unserer Freizeit. Nach 14 Uhr, als die Arbeitsschicht zu Ende war, setzten wir uns in einen Lkw und fuhren in ein Dorf. Das haben wir umsonst oder vielleicht für ein Stück Brot mit Schmalz gemacht. Bei diesen Aktionen konnte man aber praktisch nie Angehörige anderer politischer Parteien sehen. Für mich war das etwas Abscheuliches.“

Vom Geist des Aufbaus war damals die Rede, der das Handeln der Kommunisten getragen haben soll. Die entsprechende Stimmung sollten auch zahlreiche Lieder über den „Aufbau“ als einer glücklichen Zukunft schaffen.

Šilhán wollte als Arbeiter sein Abitur nachmachen, erfuhr aber, dass man auch ohne Abitur an einer Hochschule studieren kann, und zwar an der Hochschule für Politik und Soziales. Im Herbst 1948 schrieb er sich dort zum Studium eingeschrieben. Wer an der Hochschule studieren durfte, liegt auf der Hand. Wie war der Stand der Kenntnisse dieser Studenten über die Situation in der damaligen Sowjetunion? Wusste man zum Beispiel etwas von der Existenz der Gulags?

„Nein. Erstens: Dieses Wort gab es damals noch nicht. Es tauchte erst nach Chruschtschows Rede auf dem 20. Parteitag 1956 auf und dann galt eher als allgemeine Bezeichnung. Ich persönlich habe die erste Information von einer Russischlehrerin, Tochter eines hierzulande lebenden russischen Emmigranten, bekommen. Sie erzählte mir von ihrem Onkel, der von Russen zurück nach Russland verschleppt wurde. Es ist ihr später gelungen, den Onkel in Sibirien zu finden. Das war also zum ersten Mal, dass ich so etwas hörte. Das alles war aber von einem ideologischen Mantel der Staatsfeinde überdeckt. Die Rede war von Menschen, die gegen Stalin und die neue Gesellschaftsordnung waren. Später lernte ich aber auch Menschen kennen, zum Beispiel den bekannten Theatermacher Mejerchold, die in den Gulag kamen, auch wenn sie davor als große Persönlichkeiten gegolten hatten. Oder: Plötzlich erfuhr man auch von Flugzeugkonstrukteuren, die ihre Zeichnungen im Gefängnis entwarfen. Das war für mich eine große Überraschung.“

Věnek Šilhán gehörte später zu den Reformkommunisten des Prager Frühlings. Als der KPTsch-Vorsitzende Alexandr Dubček in den ersten Tagen der Okkupation durch Warschauer Paktstaaten im August 1968 nach Moskau verschleppt wurde, wurde Šilhán auf dem außerordentlichen Parteitag in Prag zu seinem ersten Stellvertreter gewählt. Aber das ist bereits ein anderes Kapitel seines Lebens.