Sorbe zu sein ist ein Lebensgefühl

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In Prag findet in diesen Tagen das Festival der sorbischen Kultur statt. Neben literarischen Lesungen, Theateraufführungen und musikalischen Veranstaltungen wird über die sorbische Kultur und die Situation der sorbischen Minderheit diskutiert. Bára Procházková hat die Sorbischen Kulturtage in Prag besucht und mit verschiedenen Sorben über ihre Identität gesprochen.

Singen, Tanzen und Fröhlichsein - Sorben leben ihre Fröhlichkeit offen aus, meint Bogna Korjenkowa, Leiterin des MDR-Studios Bautzen und des Sorbischen Rundfunks. Sie sagt, sie sei stolz darauf, eine Sorbin zu sein, und beschreibt das sorbische Lebensgefühl:

"Wir sind ein sehr lebensfrohes Volk, sehr lustig, wir singen und feiern gerne. Familie spielt für uns eine große Rolle, wir halten fest an den Familienbanden. Es gehört zum guten Ruf, bei einer Kulturgruppe mitzumachen oder zumindest einem Verein anzugehören."

Und gerade die Kultur ist es, die die Sorben zusammenhält - das haben die Sorbischen Kulturtage in Prag bewiesen. Sorben treffen sich in Vereinen, um gemeinsam zu singen und zu tanzen und so ihre Kultur nach innen zu pflegen und sie nach außen zu präsentieren. In Deutschland leben 60 000 Menschen, die sich zur sorbischen Kultur bekennen, in Nordböhmen sind es mehrere Hundert. In Deutschland ist ihre Hauptstadt Bautzen, in Tschechien die Stadt Varnsdorf. Die Sorben haben das Schicksal einer Minderheit, die gemeinsam mit einer Mehrheit leben muss, einen eigenen Staat haben sie nicht. Die sorbische Schriftstellerin und Dichterin Lubina Hajduk-Veljkovicowa beschreibt, was die Sorben von den Deutschen unterscheidet:

Lubina Hajduk-Veljkovicowa
"Es ist eine Liebe zur Gemeinschaft, würde ich sagen. Die ist den Deutschen nicht eigen und das unterscheidet die beiden Kulturen. Weitere Unterschiede sind eine andere Moralvorstellung, Liebe zur Gemeinschaft, mehr Nationalismus. Ich habe zum Beispiel gemerkt, wenn ich eine Erzählung habe und sie ins Deutsche übersetze, dass das gruselig klingt. Das kann man nicht übersetzen. Was aber auch wichtig ist, ist der Einfluss der katholischen Kirche und die damit zusammenhängende enge Moralvorstellung und selbstverständlich die Folklore."

Die Liebe zur Gemeinschaft ist bei den Sorben sehr stark, aber gerade für diese Gemeinschaft müssen die Sorben sehr stark kämpfen, sowohl innerhalb der eigenen Gruppe als auch nach außen hin. Nicht alle sind optimistisch, was die Zukunft des sorbischen Volkes betrifft. Während einige Deutsche aus der Region ihre Kinder in eine sorbische Klasse schicken, damit sie eine weitere Sprache lernen, geben Sorben teilweise ihre Nachkommen in die deutsche Klasse, um sie nicht mit der Zweisprachigkeit zu belasten. Die Journalistin Bogna Korjenkowa kann eine solche Entscheidung nicht nachvollziehen:

"Die Kultur ist immer an das Volk gebunden und an die Sprache und vor allem an diejenigen, die die Kultur auch weiter tragen. Und so lange die sorbische Sprache lebt, gepflegt und weitergegeben wird, lebt ja auch die Kultur. Denn Sprache und Kultur gehören für mich zusammen."

Bogna Korjenkowa
Und gerade die sorbische Sprache kann eine Brücke zwischen der deutschen und den slawischen Sprachen bauen, sogar zwischen der deutschen und den slawischen Kulturen. Dessen sind sich auch einige Jugendlichen bewusst, denn von ihnen hängt es ab, ob die sorbische Sprache und die sorbische Kultur weiter getragen werden. Rund 50 Jugendliche zwischen 16 und 30 Jahren haben sich zusammengeschlossen und einen Verein namens Pawk, die Spinne, gegründet. Diese Spinne soll ihre Netze in die Welt spinnen und Jugendliche nicht nur in der Lausitz für das Sorbische begeistern. Außerdem treffen sich die Vereinsmitglieder mit anderen Minderheiten und sprechen über ihre Probleme, erklärt Juliana Kaulfürst, die sich aktiv bei Pawk engagiert. Sie erläutert, warum solche Jugendvereine für die Sorben wichtig sind:

"Es ist ein großes Problem und in der Tat droht das Aussterben der sorbischen Sprache und Kultur. Ich hoffe, dass sich wieder genug Jugendliche zusammenraffen und Familien gründen. Es gibt aber auch schon einen harten Kern, der sich darum bemüht, innerhalb der Jugend immer wieder neue Anstöße zu finden und zu geben. Veranstaltungen zu organisieren, damit in der Jugend auch das Sorbische gekräftigt wird."

Ihre Angst vor dem Verschwinden der sorbischen Kultur ist begründet, dies bestätigt auch Radek Cermak, Slawistikstudent an der Prager Karlsuniversität. Er hat mit seinen Kollegen einen Verein der Freunde der Sorben gegründet und setzt sich aktiv für die Rechte der Sorben ein. Die Freunde der Sorben haben die kulturelle Zusammenarbeit mit der sorbischen Minderheit angeleiert und verbreiten die sorbische Kultur in Tschechien, auch durch die Organisation des Kulturfestivals. Radek Cermak sieht vor allem in der sorbischen Literatur ein großes Potential für die europäische Kultur. Seiner Meinung nach ist die sorbische Kultur zwar immer noch lebendig und aktiv, ohne jegliche Unterstützung würde diese Volksgruppe jedoch bald von der kulturellen Landkarte Europas verschwinden. Aber solange sich die Jugend für diese Kultur interessiert, gibt es keinen Grund zur Skepsis, fasst Cermak zusammen:

"Es gibt eine Anekdote: Martin Luther soll behauptet haben, dass es nicht nötig wäre, die Bibel in die sorbische Sprache zu übersetzen, weil es nach einigen Generationen sowieso keine Sorben mehr geben wird. Mit diesem Satz machen sich die Sorben bis heute Mut."

Prof. Leos Satava  (Foto: Zdenek Valis)
In den letzten Jahren haben sich sogar tschechische Politiker für die Rechte der Sorben eingesetzt, zum Beispiel in der Frage der Erhaltung von sorbischen Schulen. Der Professor für Ethnologie an der Karlsuniversität, Leos Satava, erklärt, warum auf tschechischer Seite plötzlich ein Interesse an den Sorben zu beobachten ist:

"Auf der tschechischen Seite passiert im Moment überraschend viel, wenn man bedenkt, dass diese Sache 50 Jahre lang tabuisiert wurde. Zu DDR-Zeiten gab es kein großes Interesse daran, dass Tschechen oder der Tschechoslowakische Staat irgendwie in das Geschehen in der DDR eintritt. In den 90er Jahren hat sich die Situation verändert und die tschechische politische Repräsentanz weiß nach einem halben Jahrhundert auch wieder, dass es Sorben gibt."

Aber nicht nur die Politiker und offizielle Institutionen können das sorbische Volk zusammenhalten. In der Tat wandern viele jungen Menschen in den Westen Deutschlands, damit sie eine Arbeit bekommen, weil in der Region große Arbeitslosigkeit herrscht. Und dann bleibt es an ihnen, ob sie zu ihren kulturellen Wurzeln ein persönliches Verhältnis aufbauen. Jan Nuck, der Vorsitzende der Organisation Domowina, fasst zusammen:

"Es muss den Sorben Spaß machen, ein Sorbe zu sein. Es ist vielleicht ein bisschen lapidar ausgedrückt, aber ein Stück Wahrheit steckt da mit drin. Sorbe zu sein muss nicht ständiges Rackern, ständige Mühen bedeuten. Es muss Freude machen, Sorbe zu sein."

Aber es ist nicht immer so leicht, gibt Jan Nuck selber zu. Seine Organisation Domowina vertritt die Bedürfnisse der Sorben gegenüber der Außenwelt, der Schwerpunkt dabei bleiben ganz eindeutig die schulischen Belange, so Nuck:

Jan Nuck
"Wenn wir die sorbische Sprache und damit das sorbische Volk erhalten wollen, müssen wir insbesondere im Schulwesen ganz andere Maßstäbe setzen. Wir müssen ein derartig stabiles sorbisches Schulwesen schaffen, dass es garantiert ist, dass die sorbische Sprache durch das Schulwesen weiterhin existent bleibt."

Professor Satava sieht jedoch eine positive Entwicklung in der Situation der Sorben heute, verglichen mit den letzten 50 Jahren. Das sorbische Gesetz, das eine gewisse kulturelle Autonomie von Sorben sichert, gilt bereits seit 1948. Trotzdem gab es einen Wandel, dazu Satava:

"In der DDR hat das sozialistische Deutschland aus den Sorben ein Schaufenster gemacht, in das viel Geld gesteckt wurde. Damals ist ein Netz von sorbischen Schulen und Institutionen entstanden. Aber ein wirkliches Interesse an der Erhaltung der Sorben hatte Ostdeutschland nicht. Heute ist die Situation teilweise besser, teilweise schlechter. Heute gibt es zwar weniger finanzielle Unterstützung als zu DDR-Zeiten, aber auf der anderen Seite ermöglicht die Demokratie andere Sachen. die Sorben können frei ihre eigenen Vereine gründen oder sie können andere Minderheiten treffen. Das alles gab es zu DDR-Zeiten nicht."

Trotzdem verlangen die Sorben eine entsprechende finanzielle Unterstützung, argumentiert die Journalistin Bogna Korjenkowa:

"Jemand muss es ja tragen. Außerdem bin ich auch ein Steuerzahler. Ich wünsche mir also, dass mit den Geldern, die ich dem Staat abführe, meine Kinder die Bildung bekommen, die ich mir für meine Kinder wünsche und die Sprache vermittelt bekommen, die meine Muttersprache ist. Da ich also ein vollwertiger Bürger der Bundesrepublik Deutschland bin, habe ich auch ein Recht, das einzufordern und erwarte es auch."

Über das Zusammenleben sind sich die Sorben nicht einig, viele fühlen sich von der deutschen Mehrheit unterdrückt und nicht verstanden. Die Schriftstellerin Hajduk-Veljkovicowa, die auch während der sorbischen Kulturtage in Prag aus ihren Werken vorgelesen hat, sieht zwar diese kleineren Probleme, mit denen die sorbische Minderheit kämpfen muss, fühlt sich aber als Sorbin in Deutschland wohl und als sorbische Schriftstellerin anerkannt:

"Ich denke, wir haben Glück. Ich habe von jemanden gehört, der sich mit den Indianern beschäftigt, und dem gegenüber haben wir wirklich Glück, in Deutschland zu sein. Dort wird es alles noch unterstützt. Es wird immer weniger, weil jetzt überall gespart wird, das macht schon Probleme, aber es gibt schon trotzdem eine Basis und Unterstützung, die da ist."