„Sozialistisches“ Ostern in der Tschechoslowakei

Foto: Staatliches Bezirksarchiv Prostějov

Vor rund 70 Jahren konnte sich hierzulande kaum jemand vorstellen, Ostern ohne die landestypischen Bräuche zu feiern. Doch genau das ist zu Zeiten des Sozialismus in der damaligen Tschechoslowakei geschehen.

Foto: Staatliches Bezirksarchiv Prostějov

Klement Gottwald (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Im Februar 1948 kommen in der Tschechoslowakei die Kommunisten an die Macht. Unter ihrer Regie beginnt sich das Rad der Geschichte in eine neue Richtung zu drehen. Das Drehbuch dazu ist allerdings zuvor schon in Moskau geschrieben worden. Der KPTsch als herrschender Staatspartei sind vor allem die katholische Kirche und die Religion als solche ein Dorn im Auge. Zunächst aber treten die führenden Politiker nur mit Proklamationen an die Öffentlichkeit. So sagt etwa Staatspräsident Klement Gottwald, der Ende August 1949 in der Slowakei weilt:

„Die Propaganda verbreitet Informationen, denen nach es bei uns angeblich keine Religionsfreiheit gibt und dass wir die Kirchen schließen wollen. Es muss bestimmt nicht immer wieder betont werden, dass dies reiner Unsinn ist. Davon kann sich jeder mit eigenen Augen überzeugen. Niemand will unseren Gläubigen die Religiosität wegnehmen oder sie unterdrücken. Niemand will die Kirchen schließen und die Priester ins Gefängnis stecken. Ebenso nicht jemanden daran hindern, religiöse Feiern abzuhalten beziehungsweise daran teilzunehmen, wenn es ihm seine Kirche anordnet. Wessen Gedächtnis noch etwas funktioniert, der muss bezeugen, dass es hierzulande noch nie eine größere Religionsfreiheit gegeben hat als heutzutage in unserem volksdemokratischen Staat.“

Foto: Tschechisches Fernsehen
In Wirklichkeit ist aber alles anders. Bereits am 9. Juni 1948, einen Monat nach der Verabschiedung der neuen Staatsverfassung, formuliert Gottwald auf der Tagung der Parteispitze das Gebot der Stunde, Zitat:

„Weg von Rom in Richtung zur nationalen Kirche... Es ist notwendig, sie zu neutralisieren und in unsere Hände zu bekommen. Die Kirche muss unserem Regime dienen.“

Frühling statt Kirche

Oder anders gesagt: Die Kirche soll mit allen Mitteln der Macht aus der Gesellschaft verdrängt werden. Ostern aus dem Kalender zu streichen ist aber damals nicht möglich. Das Fest soll jedoch anders als früher wahrgenommen werden. So will man den religiösen Kontext aus dem Gedächtnis der Menschen löschen. Dazu soll auch der staatliche Tschechoslowakische Rundfunk beitragen, der immer über die Osterfeierlichkeiten berichtet hat…

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks
„Gebt uns bemalte Eier, wenn ihr keine bemalten gebt, dann doch wenigstens weiße, denn das Huhn bringt euch neue…“– diesen Spruch mit mehreren Strophen tragen seit jeher am Ostermontag die Jungs und Männer vor, wenn sie von Haus zu Haus ziehen. Mit ihren aus Weidenruten geflochtenen Osterruten schlagen sie symbolisch Mädchen und Frauen, die dadurch bis zum nächsten Jahr gesund bleiben sollen. Dafür werden die Herren der Schöpfung mit bemalten Ostereiern, die Älteren auch mit einem Glas Schnaps belohnt. Der Osterumzug, die sogenannte „koleda“, findet heutzutage vor allem noch in einigen ländlichen Regionen statt. Es ist praktisch einer der wenigen Osterbräuche, die bis heute in Tschechien gepflegt werden. Je nach Region werden auch traditionelle Speisen zubereitet oder Osterlämmchen gebacken. Das Wissen um den religiösen Hintergrund traditionellen Brauchtums ist jedoch im Lauf der Zeit immer mehr verloren gegangen.

Foto: Staatliches Bezirksarchiv Prostějov
Zu kommunistischen Zeiten wird unter anderem in den Radiosendungen die Osterzeit in neuen Inhalten reflektiert. An den drei Feiertagen, auf die man Ostern reduziert hat, gibt es ein buntes Allerlei zu hören. In vielen Reportagen schlägt man mehr oder minder geschickt einen Bogen zu politisch erwünschten Inhalten. Zum Beispiel:

„Kinderstimmen ertönten heute wohl nicht nur in allen Dörfern und kleinen Städten, sondern auch in mancher Großstadt. Die Traditionen von Ostern, des Frühjahrsfestes, wenn die Natur aus dem Winterschlaf erwacht, sind insbesondere eng mit unseren Kindern verbunden. Doch die ‚koleda‘ hat ihren ursprünglichen Inhalt bereits verloren Es geht nicht mehr darum, eine milde Gabe vom Großbauern zu erhalten. Geblieben sind das vergnügliche Treiben beim Umzug und die Freude an den bemalten Eiern. Doch es ist auch etwas Neues hinzugekommen. In unserem Land können die Kinder das Osterfest in Frieden und ohne Angst um die Zukunft erleben. Die Freude an allem ist wesentlich größer als die in der Kindheit ihrer Väter.“

Die Betriebe stehen nicht still

Kurgäste (Foto: ČT24)
Der Tschechoslowakische Rundfunk richtet damals seinen Fokus an Ostern nicht nur auf vergnügliche Aktivitäten der Bürger. Die Hörer werden unter anderem auch informiert, aus welchen Ländern ausländische Besucher zum Osterfest hier hergekommen sind. Diese führen zum Beispiel in den Bergen Ski oder bewunderten die historischen Denkmäler in Prag, wo sie auch gerne tschechisches Glas und Porzellan zu günstigen Preisen kaufen würden, heißt es.

Die Berichterstattung wird damals etwa abgerundet mit Informationen über einheimische Werktätige, die gerade eine Kur machen. So können sich, wie es in einem Beitrag heißt, Zitat „beinahe 13.500 Patienten in sieben westböhmischen Kurstädten über die frühlingshaft duftenden Waldpromenaden freuen“. Hinzugefügt wird noch wie oft ein Vergleich zu älteren Zeiten:

Foto: Tschechisches Fernsehen
„Noch vor 40 Jahren war es nur rund ein Viertel der heutigen Patienten, die die Heilquellen besucht haben. Gänzlich unterschiedlich war insbesondere ihre Struktur. Dokumenten zufolge war damals jeder siebte Kurgast ein Angehöriger ausländischen Adels beziehungsweise ein Diplomat oder Geschäftsmann. Ein Fünftel stellten Geistliche und Unternehmer dar. Echte Werktätige hingegen machten nur zwei Prozent der Kurgäste aus. Heutzutage entspricht der Anteil unserer Werktätigen 81 Prozent aller Kurgäste.“

Wichtig sind der kommunistischen Führung aber insbesondere die Berichte über Fabriken und landwirtschaftliche Genossenschaften, in denen, wie es heißt, „weder die Arbeiter noch die Maschinen stillstehen“: So hieß es in den Medienberichten jener Zeit:

Foto: ČT24
„An allen Ostertagen arbeiteten die Kumpel im Nordböhmischen Kohlerevier. Im Tage- und Untertagebau wurden am Samstag und Sonntag über 273.000 Tonnen gefördert, also 13.000 Tonnen mehr als geplant. Die heutige Schichtarbeit liegt bei einem Ergebnis von 120.000 Tonnen Kohle.“

„Die Bergarbeiter im Kohlerevier Sokolovo / Falkenau haben heute mit den geförderten 8934 Tonnen Kohle über Plan einen Beitrag zur Verbesserung der Situation in der Energiewirtschaft geleistet.“

„Auch die Non-Stop-Produktion in den südböhmischen Papierwerken in Větřní wurde zu Ostern nicht unterbrochen. Der Wert der hergestellten Zellulose und des Rotationspapiers beläuft sich auf über 600.000 Kronen.“

Foto: Archiv des Museums der Mährischen Walachei
Kurzum, die Nachrichtensendungen an Ostern quollen über vor ausführlichen Informationen aus Fabriken jeder Art – von Molkereien, über Hühnermastanlagen oder Eierproduzenten, bis zu Gemüsezüchtern. Mit dem bewussten Verdrängen aller Bezüge zu alten Bräuchen und dem religiösen Hintergrund gaben die Kommunisten dem wichtigsten christlichen Fest eine „sozialistische“ Prägung.

Ein Historiker im Freilichtmuseum im ostmährischen Rožnov brachte es im Frühjahr 1989 auf die Formel, wie es nach 40 Jahren um das Osterfest hierzulande bestellt war:

„Die Bräuche, die den heutigen Menschen nichts mehr sagen, sind selbstverständlich verschwunden. Was unser Leben noch bunter und reicher machen kann, das ist geblieben.“

Und das sei das Willkommenheißen des Frühlings mit all dem, was zum walachischen Frühling gehöre. Inklusive dem Treiben der Schafe auf die Weide!