Stolpersteine auf der Bühne – Staatstheater Karlsruhe gastiert in Prag

Stolpersteine (Foto: YouTube Kanal des Staatstheaters Karlsruhe)

Stolpersteine: Zehntausende dieser Gedenkpflastersteine sind in den Straßen deutscher Städte zu finden. Aber auch in Prag erinnern sie an die Opfer des Dritten Reiches. Die Stolpersteine geben auch einem Theaterstück den Titel, mit dem das Badische Staatstheater Karlsruhe beim Prager Theaterfestival deutscher Sprache gastierte. Ein Gespräch mit Autor und Regisseur Hans-Werner Kroesinger und dem stellvertretenden Theaterintendanten Jan Linders.

„Wenn wir uns mit unserer Geschichte beschäftigen, beschäftigen wir uns nicht mit der Vergangenheit, sondern immer mit der Gegenwart.“

Herr Kroesinger, das Badische Staatstheater Karlsruhe hat gerade Ihr Stück „Stolpersteine“ aufgeführt. Können Sie es charakterisieren?

H.W.K.: „Es ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Theaters. Für uns war ganz wichtig, wie sich das Theater während des Nationalsozialismus verhalten hat. In Karlsruhe war das erste Theater, das ‚judenfrei‘ war. Wir sind ins Archiv gegangen und die Personalbestände durchgegangen. Wir haben exemplarisch vier Biographien ausgesucht: Was es über diese Menschen gibt, wie sie diese Zeit erlebt haben, was da von Woche zu Woche passiert ist in Karlsruhe, vor der Machtergreifung und nach der Machtergreifung. Und auch, was nach dem Krieg geschah: Wie man mit diesen Leuten umgegangen ist, wenn sie überlebt haben. Wir haben das verlängert ins Heute, denn in Karlsruhe gibt es auch einen Ableger der Pegida-Bewegung, die Kagida. Ich glaube, wenn wir uns mit unserer Geschichte beschäftigen, beschäftigen wir uns nicht mit der Vergangenheit, sondern immer mit der Gegenwart.“

Stolpersteine  (Foto: YouTube Kanal des Staatstheaters Karlsruhe)
J.L.: „Es ist zu einhundert Prozent Dokumentartheater. Denn alles, was auf der Bühne gesagt wird, sind Dokumente. Bis auf ein Lied von Brecht und ein paar Zeilen von Heinrich von Kleist sind alles Akten, die den Krieg überstanden haben.“

Sie haben das Stück jetzt in Tschechien aufgeführt, es betrifft aber sehr stark die deutsche Geschichte. Können Sie die Reaktionen des Publikums auf der Heimatbühne in Karlsruhe und hier in Prag vergleichen? Gibt es da Unterschiede?

„In Danzig hat das Publikum sofort angefangen, Querschlüsse zu dem zu ziehen, was gerade in Polen vor sich geht.“

H.W.K.: Es gibt Unterschiede. Das zeigen auch relativ viele Gastspiele, die wir in Deutschland haben. Es geht um die Geschichte eines spezifischen Ortes. In Karlsruhe ist man ganz anders betroffen, wenn man die Straßennamen hört oder wenn man die Namen von Geschäften hört. Das ist die Geschichte ihrer Stadt. In dem Moment, wo man in einer anderen Stadt spielt, merkt man: Die Leute reagieren mehr auf die Strukturen, die da beschrieben werden. Also auf diesen langsamen Prozess der Entwürdigung der jüdischen Mitarbeiter des Theaters, des Drucks, der erzeugt wird. Wir haben gerade in Danzig in Polen gespielt, und da hat das Publikum sofort angefangen, Querschlüsse zu dem zu ziehen, was gerade in Polen vor sich geht. In Prag fand ich, dass es ein sehr aufmerksames Publikum war, weil das Stück sehr sprachlastig ist. Das sind keine Texte, die für die Bühne geschrieben wurden. Das heißt, es erfordert ein hohes Maß an Konzentration vom Publikum. Aber ich glaube, wenn man sich darauf einlässt, fängt man an, eine ganze Menge zu verstehen. Man versteht etwas über die bürokratische Enteignung von Menschen, wie man ihnen ihre Würde und letztendlich ihr Leben nimmt. Also diese Struktur und Prozesse, die in einem Staat ablaufen. Ich glaube, damit kann sich jede Gesellschaft beschäftigen.“

„Wir alle haben Angst vor einem neuen Populismus, vor einer Kunstpolitik, die sagt: Kunst muss wieder national sein.“

J.L.: Ich glaube, was über das Theater in Deutschland gesagt wird, kann man wahrscheinlich auch über die Theater nach 1938 oder 1939 in Prag sagen. Und vor allem ist es ein Stück über die Gegenwart: Wie Politik und Kunst zusammenhängen, wie eine Gesellschaft eventuell kippen kann. Wir alle haben Angst vor einem neuen Populismus, vor einer Kunstpolitik, die sagt: Kunst muss wieder national sein. Wir glauben aber: Nein, Kunst muss international sein. Und deswegen sind internationale Gastspiele so wertvoll für uns.“

Hans-Werner Kroesinger  (Foto: YouTube Kanal von Festivalspielart)
Handelt es sich um das erste Gastspiel des Staatstheaters Karlsruhe beim Theaterfestival in Prag, oder hat das Theater hier schon gespielt?

„Es ist zum allerersten Mal, dass wir hier spielen durften. Wir sind sehr stolz, in so einer tollen Umgebung zu spielen, in einem sehr schönen Theater, dem Theater Archa. Es ist auch eine große Ehre, in einer Reihe mit der Berliner Schaubühne, dem Maxim Gorki Theater und dem Schauspiel Hannover zu stehen. Also es ist sein sehr gutes Festival, das eine sehr hohe Qualität hat. Genauso wie das Publikum. Ich hoffe, wir können wieder kommen."