Technikgeschichte: Wie Strom und Gas in die tschechischen Haushalte kamen

Strom, Gas und Zentralheizung sind für uns heute eine ganz normale Sache. Doch wie und wann kam die moderne Energie in die tschechischen Haushalte?

Die Elektrizität setzte sich im 19. Jahrhundert durch und fand schnell ihren Weg auch in die böhmischen Länder. Die ersten Schritte seien aber weder geregelt noch kontrolliert worden, sagt Marcela Efmertová. Sie ist Historikerin an der Technischen Hochschule in Prag:

„In den böhmischen Ländern begann die Elektrifizierung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Zunächst wurden Betriebe an die Versorgung angeschlossen, also Mühlen, Säge- und Schmiedewerke sowie Glashütten. Dort wurde meist Gleichstrom verwendet. In der Regel entstand vor Ort ein kleines Kraftwerk, das vorrangig den Betrieb versorgte. Wenn dann Strom übrig blieb, wurde dieser auch an Wohnhäuser in der Umgebung geliefert.“

Elektrizität in den böhmischen Ländern

Foto: Pixabay,  Pexels,  CC0 1.0

Mit der Zeit wurden immer größere Gebiete elektrifiziert. Noch im 19. Jahrhundert begann man damit, die Straßen, Haushalte und Fabriken elektrisch zu beleuchten. 1891 entwarf der tschechische Unternehmer und Erfinder František Křižík anlässlich der Jubiläumsausstellung in Prag die erste Straßenbahn.

Um die Jahrhundertwende wurde kontrovers diskutiert, ob man Gleichstrom oder Wechselstrom nutzen solle. František Křižík war damals Anhänger des Gleichstroms. Der Unternehmer Emil Kolben setzte aufgrund seiner Erfahrungen aus dem Ausland hingegen auf Wechselstrom – so arbeitete er unter anderem mit Edison und Tesla zusammen.

Křižíks elektrisch betriebene Straßenbahn in Prag | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

„Das erste Kraftwerk in Prag, und zwar im Prager Stadtteil Holešovice, wurde 1897 gerade von Kolbens Firma gebaut. Dieses basierte auf Wechselstrom. Denn die Informationen gingen dahin, dass Wechselstrom besser geeignet sei für die Stromübertragung auf größere Entfernung. Zudem war er für die praktische Nutzung in Fabriken besser geeignet.“

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In der Habsburger Monarchie wurde die Elektrifizierung der böhmischen Länder trotz der raschen Entwicklung nicht reguliert. Der systematische Bau von Kraftwerken und Stromleitungen erfolgte erst in der Tschechoslowakischen Republik. Kurz nach der Gründung des neuen Staates wurde das Gesetz zur systematischen Elektrifizierung eingeführt, hinter dem Professor Vladimír List und sein Expertenteam standen. Schrittweise wurden die kleinen Gleichstromkraftwerke geschlossen, die bis dahin entstanden waren. Das entstehende System wurde von großen und robusten Kraftwerken dominiert.

„Im Gesetz wurde festgelegt, dass der Bau der Stromnetze keine Natur- und Kulturdenkmäler gefährden dürfe. Die Allzweckkraftwerke wurden an geeigneten Standorten gebaut, damit sie ihre Umgebung mit Strom versorgten.“

Der Funkempfänger Telegrafia Liberátor C 420 war das erste Produktionsprogramm der Nachkriegszeit | Foto: Ostböhmisches Museum Pardubice

Von den Kraftwerken aus wurden Leitungen in die Städte und Dörfer verlegt. Die primären Netze wurden vom Staat finanziert, die sekundären von den Gemeinden, und der Anschluss wurde von dem jeweiligen Haushalt selbst bezahlt. Strom war in den Anfängen eine teure Sache, im Laufe der Jahre sanken die Kosten aber. Die Elektrifizierung der Tschechoslowakei wurde vom Staat, privaten Vereinen, bedeutenden Persönlichkeiten und Unternehmern gefördert. Es war ein Projekt, an dem sich die ganze Gesellschaft beteiligte. 1937 waren 57 Prozent des Staatsgebiets bereits mit Strom versorgt. Marcela Efmertová:

„Die Chronisten beschreiben oft die Feste anlässlich der Elektrifizierung von Gemeinden. Die Menschen kamen zusammen und feierten gemeinsam, wobei alle Lichter eingeschaltet wurden. Die gesellschaftliche Bedeutung war also groß. Und natürlich besorgten sich die Familien auch die ersten Haushaltsgeräte wie elektrische Öfen und Herde, ab 1923 auch Rundfunkgeräte sowie die ersten Waschmaschinen, Kühlschränke, Bügeleisen und Staubsauger.“

Jede Stadt hat ein eigenes Gaswerk

Gaslampen auf dem Hradschin | Foto: Jolana Nováková,  Tschechischer Rundfunk

Früher noch, mehr als 40 Jahre bevor Křižík bei der Jubiläumsausstellung seine elektrische Lampe vorstellte, wurden die Straßen Prags mit Gas beleuchtet. Jan Žákovec vom Gasmuseum in Prag weiß mehr:

„Der 15. September 1847 gilt als Anfang der Gasindustrie hierzulande. An dem Tag wurde das erste Gaswerk, ein privater Betrieb, in der Prager Vorstadt Karlín in Betrieb genommen. Gleich im nächsten Jahr folgte ein weiteres Werk in Brünn und anschließend viele weitere.“

Kronleuchter im Nationaltheater | Foto: Lenka Žižková,  Radio Prague International

Das Leuchtgas beziehungsweise Stadtgas wurde hauptsächlich zur Beleuchtung genutzt. Nicht nur Straßen und Stadtplätze wurden damit erhellt, sondern auch Cafés und Theater. Auch etwa im Nationaltheater in Prag gab es Gaslampen. Später ersetzte man in den Innenräumen das Gas durch Strom, draußen wurde es aber bis Ende des 20. Jahrhunderts genutzt.

„Leuchtgas ist ein künstliches Gas, das durch Kohlevergasung hergestellt wurde. Es setzte sich zu 50 bis 60 Prozent aus Wasserstoff, zu 15 bis 20 Prozent aus Methan sowie aus geringen Mengen Kohlenstoffmonoxid, Kohlenstoffdioxid und Schwefelwasserstoff zusammen. Sein großer Nachteil war der Kohlenstoffmonoxid, weil dieser giftig ist.“

Foto: Ivo.N,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0

Die Produktion von Leuchtgas sei die Hölle auf Erden gewesen, sagt Žákovec. Vor allem in der Anfangszeit wurde alles von Hand gemacht, die Arbeit war sehr schwer und gefährlich. Und die entsprechenden Gaswerke waren auch schwer umweltbelastend. Seit den 1970er Jahren strömte Erdgas in die Tschechoslowakei, und dieses ersetzte das Stadtgas.

„Fast im ganzen 19. Jahrhundert war die Kohle der Hauptkonkurrent von Gas. Dank seinen Eigenschaften setzte sich Gas in diesem Wettbewerb durch. Dann kam aber der elektrische Strom und verdrängte Gas zunächst bei der Beleuchtung in den Innenräumen. In den Straßen standen viele Jahre lang Strom- und Gaslampen nebeneinander. Die Stromlampen wurden in den neueren Stadtteilen gebaut, in den historischen Stadtzentren wurden weiterhin Gaslampen verwendet, und zwar bis 1985.“

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Ab dem 19. Jahrhundert seien an vielen Orten kleinere Gaswerke gebaut worden, sagt Žákovec:

„Fast jede größere Stadt hatte ihr eigenes Gaswerk, davon zeugen bis heute Straßennamen wie ‚Zum Gaswerk‘ oder ‚Gaswerkstraße‘. Dies dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. 1949 wurde entschieden, dass die kleinen Anlagen durch große Gaswerke und ein Hochdruckfernleitungsnetz ersetzt werden, um die Städte zu versorgen.“

Foto: Samuel Bailey,  Wikimedia Commons,  CC BY 3.0

Ein weiterer Meilenstein sei ein Vertrag über die Lieferungen von Erdgas in die Tschechoslowakei aus der Sowjetunion gewesen, so der Experte. Die Erdgaspipeline „Bruderschaft“ wurde 1967 fertiggestellt, später knüpften die Transgas-Erdgaspipelines daran an, die von der Ukraine durch die Slowakei und Tschechien bis nach Österreich und Deutschland verliefen. Im Laufe der nächsten 30 Jahre wechselte Tschechien schrittweise vom Stadtgas zum Erdgas.

Ústí nad Labem baut die erste Fernheizung

Heizung | Foto: cogdogblog,  Wikimedia Commons,  CC BY 2.0

Eine weitere Energie, die im 20. Jahrhundert direkt in die Haushalte gebracht wurde, war die Wärme selbst. Die ersten Heizwerke und Warmwasserleitungen wurden bereits in Zwischenkriegszeit gebaut. Die überhaupt erste Fernheizung entstand in den 1920er Jahren in Ústí nad Labem / Aussig.

Dabei nutzte man die Abwärme eines Elektrizitätswerks, das die Stadt wegen des Straßenbahnverkehrs Ende des 19. Jahrhunderts gebaut hatte. Von dort aus wurde der heiße Dampf über Rohre an die Abnehmer verteilt. Anlass dazu war eine Krise, die das größte Schulgebäude der Stadt traf. Die Heizungsanlage von 1876 dort war reparaturbedürftig, so dass eine Erneuerung in Betracht gezogen wurde. In dem heute ehemaligen Schulgebäude sitzt mittlerweile das Stadtmuseum. Martin Krsek arbeitet dort als Historiker und kennt die Geschichte des Gebäudes genauer:

„Im Stadtrat wurde heftig über den Plan diskutiert. Für viele Gegner war die Idee phantasmagorisch. Man hatte noch nicht die technischen Kenntnisse und wusste daher nicht, ob es möglich ist, Wärme über eine größere Entfernung zu leiten, wie groß dabei die Verluste sind und ob die Rohre die Hitze aushalten. Der damalige Bürgermeister Leopold Pölzl setzte sich sehr hartnäckig für die Idee ein. Später ließen sich die Stadträte davon überzeugen, es auszuprobieren.“

Museum der Stadt Ústí nad Labem | Foto: Gabriela Hauptvogelová,  Tschechischer Rundfunk

An die Fernheizung wurden zunächst drei Gebäude angeschlossen: die Schule, das Stadttheater und das Stadtbad.

„Mit der Zeit kamen weitere öffentliche Gebäude hinzu. Ein bedeutender Umbruch war der Bau des Masaryk-Krankenhauses Mitte der 1920er Jahre, in das eine spezielle Dampfleitung führte. Und danach ließ die Stadt die Beheizung von privaten Objekten zu. Das Interesse war groß. 1938 hatten etwa 120 Geschäfte einen Anschluss an die Fernheizung und die gleiche Zahl an Wohnhäusern.“

Illustrationsfoto: Tomáš Kremr,  Tschechischer Rundfunk

Fernwärme sei auch wirtschaftlich interessant gewesen, betont Krsek. Und zwar vor allem dank der Lage der Stadt in der Kohleregion:

„In Ústí gab es die geringsten Strompreise in der Tschechoslowakei. Die wichtigste Komponente bei der Preisbildung war die Kohle, die sozusagen hier um die Ecke zur Verfügung stand. Das Interesse an der Fernheizung war natürlich ökonomisch motiviert, aber wichtig war auch die Bequemlichkeit. Man musste keine Kohle ins Haus befördern, sie im Keller lagern, dann in die Wohnung tragen und die Asche wieder hinausbringen. Die Fernwärme bot einen kaum vorstellbaren Luxus und hatte großen Erfolg.“

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Autoren: Markéta Kachlíková , Jiří Zeman
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