Textilbarone aus Reichenberg – die Unternehmerfamilie Liebieg

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Mit ihrer Hilfe wurde das heutige Liberec beziehungsweise frühere Reichenberg im 19. Jahrhundert sehr wohlhabend: Die Unternehmerfamilie Liebieg hat gut einhundert Jahre lang die Stadt in Nordböhmen mitgeprägt. Da sich der Todestag von Firmengründer Johann im Sommer zum 150. Mal gejährt hat, erinnern wir an den Textilbaron und seine Familie.

Johann Liebieg (Foto: Josef Kriehuber, Wikimedia Commons, CC0)

Die Familie Liebieg siedelt sich Ende des 17. Jahrhunderts auf böhmischem Boden an. Sie stammt eigentlich aus Schlesien. Der spätere Textilbaron Johann Liebieg kommt 1802 im ostböhmischen Broumov / Braunau zur Welt, und zwar in ärmlichen Verhältnissen. Šárka Procházková leitet die Pressearbeit auf Schloss Lemberk / Lämberg, das eine Sammlung zur Familie Liebieg beherbergt:

„Johann stammte aus einer Familie, die damals bereits als Tuchmacher tätig war. Auch er lernte dieses Handwerk und ging dann auf Wanderschaft. Dadurch sammelte er viele Erfahrungen. Sein Weg führte ihn unter anderem nach Reichenberg, wo sich das Tuchmacher-Gewerbe gerade zu entwickeln begann. Es entstanden viele Manufakturen. Zunächst eröffnete Johann Liebieg zusammen mit seinem Bruder Franz einen kleinen Gemischtwarenladen, in dem er Waren verkaufte, die beide in ganz Europa billig eingekauft hatten. Weil sie teurer weiterverkauften, nahmen sie eine beträchtliche Geldsumme ein. Und 1828 erwarben sie davon in Reichenberg die ehemalige Fabrik der Familie Clam-Gallas.“

Es ist eine Rotgarnfärberei. Vor allem Johann Liebieg hat die Idee, selbst Stoffe herzustellen und sie nicht nur zu verkaufen.

Franz Liebieg (Foto: Wikimedia Commons, CC0)

„Er war verschiedentlich in Europa herumgekommen und betrieb dabei etwas, was man heute als Industriespionage bezeichnen könnte. Er wollte Stoffe herstellen und exportieren. Nach dem Kauf der Fabrik trennten sich die Brüder geschäftlich. Franz widmete sich weiter dem Handel. Auch er wurde dadurch reich, aber Johann noch viel mehr“, so Procházková:

Der Unternehmer ist kein Kind von Traurigkeit. Er habe gewusst, sich in dem neuen Geschäft durchzusetzen, sagt die Expertin von Schloss Lemberk:

„Ich denke, er war für die damalige Zeit ganz schön gewieft. Er brachte in Erfahrung, dass die ehemalige Fabrik der Familie Clam-Gallas verkauft werden sollte. Die Fabrik gehörte damals einem Handelshaus. Jedenfalls fuhr Johann Liebieg nach Prag, noch bevor alle Angelegenheiten zum Verkauf geregelt waren. Damit stach er einen anderen Interessenten aus. Er wollte die Fabrik unbedingt erwerben, und genauso unnachgiebig war er sein Leben lang.“

Patriarch der alten Schule

Johann Liebieg & Company (Foto: Wikimedia Commons, CC0)

Zu Beginn führt Johann Liebieg nur eine vergleichsweise kleine Fabrik, in der vor allem Wolle verarbeitet wird. Doch besonders eine sehr vorteilhafte Hochzeit hilft ihm beim Aufbau seines späteren Textil-Imperiums. 1832 heiratet er Marie Therese Münzberg, die Tochter eines Leinenfabrikanten. Das Familienvermögen investiert er in sein Unternehmen. Und er kauft seinem Bruder Franz den Anteil an der Firma ab. Damit kann er alleine über die weitere Entwicklung bestimmen. Johann Liebieg ist das, was man einen Firmen-Patriarch nennen könnte – im Guten wie im Schlechten.

„Die Beschäftigten in seinen Betrieben arbeiteten bis zu 13 Stunden am Tag. Auf der einen Seite nutzte er skrupellos die billigen Arbeitskräfte aus. Auf der anderen Seite begann er auch an soziale Fragen zu denken, als er etwas zu Geld gekommen war. So richtete er eine Art Kinderkrippe ein, es gab auch ein Altersheim und in gewisser Weise ein Rentensystem“, zählt Šárka Procházková auf.

Liberec um 1840 (Quelle: Archiv des Nordböhmischen Museums in Liberec, CC BY-NC-SA 4.0)

Reichenberg hat in den 1830er Jahren knapp 40.000 Einwohner. Für seine Betriebe braucht Johann Liebieg allerdings deutlich mehr Arbeitskräfte, als der Markt der Stadt damals hergibt. Diese müssen also anderswo herkommen. Allerdings fährt damals noch keine Eisenbahn in der Gegend. Deswegen habe der Unternehmer selbst dafür gesorgt, dass seine Arbeiter ein geeignetes Umfeld bekommen, sagt Jan Mohr. Er ist Kunsthistoriker aus Liberec und sprach vor kurzem in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Dass die Lage für die Arbeiter ziemlich schwer war, ist Johann Liebieg wohl bewusst geworden. Deswegen entstand in der heutigen Svatopluk-Straße in Liberec eine Art Sozialsiedlung. Ein zweistöckiges Haus mit insgesamt acht Zimmern, in denen jeweils eine Familie lebte. Die Unterkünfte waren aus heutiger Sicht sehr ärmlich, aber für die Menschen damals bedeuteten sie einen großen Fortschritt.“

Johann Liebieg orientiert sich damals für seine Arbeiterhäuser an dem, was er bei einer Reise in England gesehen hat. Und langsam baut der Unternehmer eine Art Firmenimperium auf, mit Ablegern auch anderswo in Nordböhmen, vor allem im nahen Isergebirge. Šárka Procházková:

Johann Liebieg & Co. in Velké Hamry (Foto: Archiv der Stadt Velké Hamry)

„Er gründete etwa Fabriken in Velké Hamry, Železný Brod oder Tanvald. Außerdem hat er nicht nur Textilien hergestellt, sondern auch Braunkohle fördern lassen. Denn je größer seine Fabriken wurden und je mehr Dampfmaschinen dort zum Einsatz kamen, desto mehr Kohle brauchte er. Deswegen ist er auch in dieses Geschäft eingestiegen. Und sein Sohn aus zweiter Ehe besaß sogar eine Konditorei. Die unternehmerischen Tätigkeiten der Familie waren also sehr weit gestreut.“

1873 hat die große Kammgarnspinnerei in Reichenberg insgesamt 600 mechanische Webstühle und weitere 180 im Handbetrieb. Dazu drehen sich über 7000 Garnspindeln in der Fabrik. „Liebieg & Comp.“, wie der Konzern heißt, wird nicht nur in Österreich-Ungarn zu einem Begriff, sondern in ganz Europa. 6300 Arbeiter und Angestellte sind in dem weitverzweigten Firmen-Imperium beschäftigt.

Aufstieg in den Adel

Liebighöhe in Liberec (Foto: Wikimedia Commons, CC0)

Und der Patriarch selbst steigt auf in die höchsten gesellschaftlichen Ebenen der k. u. k. Monarchie. Schließlich unterstützt er auch finanziell den Kaiserhof. Vier Jahre vor seinem Tod wird Johann Liebieg in den Ritterstand erhoben. Am 16. Juli 1870 stirbt der Unternehmer, und seine Söhne müssen den Betrieb weiterführen. Diese seien beizeiten schon in die Firma eingestiegen, führt Jan Mohr aus:

„Johann Liebieg junior leitete in Wien die Vertretung der Firma sowie ein Bankhaus. Er kümmerte sich also vor allem um die Finanzen. Sein Bruder Theodor führte hingegen den Betrieb. Und nach seinem Tod übernahm der dritte Bruder, Heinrich, die Geschäfte. Allerdings hatte dieser eher Interessen im intellektuellen Bereich. Heinrich leitete deswegen den Betrieb auch nur kurz und bemühte sich darum, seinen Neffen Theodor Liebieg junior in die Tätigkeit einzuführen. Dieser übernahm dann in den 1890er Jahren die Leitung der Firma und hatte sie praktisch bis zu seinem Tod im Jahr 1939 inne.“

Liebighöhe heute (Foto: Zdeněk Lukeš, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Interessant sind gerade Johann Liebiegs Sohn Heinrich sowie Theodor Liebieg junior. Ersterer gilt als kränklich und eher als kunstinteressiert, denn unternehmerisch engagiert. Also macht er sich als Mäzen einen Namen. Unter anderem initiiert er den Aufbau des Nordböhmischen Gewerbemuseums. Die Sammlungen dort bieten den Liebiegs allerdings auch geschäftliche Vorteile, wie Jan Mohr erläutert:

„Beim Aufbau des Museums unterstützte die Familie vor allem die Sammlung von Textilien. Diese war damals hierzulande praktisch die größte ihrer Art. Die Sammlung diente den Angestellten des Betriebs auch als Studienobjekt, um in die höchsten Künste des Textilgewerbes eingeführt zu werden.“

Neffe Theodor Liebieg junior geht wiederum in die Geschichte ein, weil er als erster in Böhmen ein Auto besitzt. 1893 bringt er aus Mannheim einen Benz Patent-Motorwagen Victoria mit. Ein Jahr später unternimmt er mit dem Wagen eine aufsehenerregende Fernfahrt, von Reichenberg nach Gondorf an der Mosel. Das sind 939 Kilometer, sechs Tage dauert damals die Reise.

Theodor Liebieg mit seiner Braut (Foto: Anton Huber, Wikimedia Commons, CC0)

Der Stern der Unternehmerdynastie beginnt aber nach dem Ersten Weltkrieg zu verblassen. Zunächst geht es nur darum, dass die Familie ihren Adelstitel verliert. Doch ab 1929 wird das Unternehmen von der Weltwirtschaftskrise stark getroffen. Theodor Liebieg junior kann den Betrieb nur unter großen Verlusten aufrechterhalten. Wie viele andere Deutsche in der Tschechoslowakei schließt er sich der deutschnationalen Henlein-Bewegung an, er unterstützt sie sogar finanziell. Das ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs dann auch der Grund, warum die Liebiegs unter die sogenannten Beneš-Dekrete fallen. Die Familie wird enteignet und reiht sich in den Treck der vertriebenen Deutschen ein. Unter dem Namen Textilana erlebt das Folgeunternehmen in den 1970er Jahren noch einmal einen Höhepunkt. Doch mit der Marktöffnung nach 1989 erweist sich die Konkurrenz vor allem aus Asien als zu stark. 2001 wird der Betrieb eingestellt. Und nur drei Jahre später werden die Fabrikgebäude abgerissen.

Dennoch finden sich in Liberec noch heute zahlreiche Zeugnisse der Unternehmerdynastie Liebieg, inklusive interessanter Bauten. So etwa ein ganzes Arbeiterviertel aus den Jahren 1906 bis 1920, das auf das Unternehmen zurückgeht. Zudem hat sich die Familie auch selbst edle Residenzen in der Stadt errichten lassen. Kunsthistoriker Jan Mohr weiß mehr:

Villa Liebieg in Liberec (Foto: Rawac, Wikimedia Commons CC-BY-3.0)

„Zu Anfang lebten die Liebiegs auf dem Firmengelände. Als Erster brach Heinrich Liebieg mit dieser Tradition. Er ließ sich bereits 1870/71 eine Neo-Renaissance-Villa bauen, im Stil eines Atriums. Damit wurde ein neuer Baustil in die Stadt gebracht. Später kamen weitere Bauten hinzu, so für Theodor Liebieg junior. Seine Villa ist wohl die bekannteste in Liberec, sie entstand unter Leitung des Wiener Architekten Walter von Moltheim. Das Haus ist gespickt mit historisierenden Details, eigentlich könnte man es als Museum bezeichnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dort ein Kindergarten untergebracht, und das hat vielleicht größere Umbauten verhindert. Zudem entstand 1906 für die Ausstellung der Deutschen in Böhmen noch ein kleineres Gebäude. Es wurde auf dem Gelände der Firmensiedlung gebaut und war ein Muster-Einfamilienhaus. Entworfen wurde es vom Architekten Jakob Schmeißner aus Nürnberg. Und dieser schuf auch einige Anbauten an Theodor Liebiegs Villa.“

Von Heinrich Liebieg ist außerdem in Frankfurt eine historistische Villa erhalten. Sie beherbergt heute ein Skulpturenmuseum.