Theater, KI und Besuch aus Lübeck – Thomas-Mann-Gymnasium in Prag feiert 30 Jahre

Das Thomas-Mann-Gymnasium in Prag ist eine Besonderheit in Tschechien. Es bietet intensiven Deutschunterricht, sodass die Absolventen letztlich auch an Hochschulen im deutschsprachigen Raum studieren können. Seit 30 Jahren besteht das Gymnasium mittlerweile. Till Janzer war bei der Jubiläumsfeier im Prager Goethe-Institut und hat mit den Beteiligten gesprochen.

30 Jahre Thomas-Mann-Gymnasium in Prag | Foto: Facebook / Martin Herbert Dzingel

„Oh, Mann“ – so heißt die Aufführung, mit der Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse den 30. Geburtstag ihres Gymnasiums begangen haben. Und zwar des Thomas-Mann-Gymnasiums in Prag. Zur Feier kamen außerdem Gleichaltrige aus der Partnerschule in Lübeck, die denselben Namen trägt. Veranstaltungsort war das Prager Goethe-Institut, wobei dessen Leiterin Anaϊs Boelicke und der designierte deutsche Botschafter in Prag, Peter Reuss, kleine Ansprachen hielten.

Auch sie hatten Spaß an der Theatervorstellung. Worum es da ging, erläutert Valerie – eine der Schülerinnen, die auf der Bühne standen:

„In diesem Theaterstück geht es um Tomas Mann und sein Leben. Es gibt dort auch viele negative Erlebnisse, aber ebenso positive, die Thomas Mann mitbekommen hat. Zudem geht es um seine Werke wie zum Beispiel die Buddenbrooks.“

30 Jahre Thomas-Mann-Gymnasium in Prag | Foto: Facebook / Martin Herbert Dzingel

Das Jubiläum des Prager Thomas-Mann-Gymnasiums fällt mit zwei Jubiläen des namensgebenden Schriftstellers zusammen: seinem 150. Geburtstag im Juni und dem 70. Todestag im August dieses Jahres. Auch deswegen ist noch ein weiteres Projekt entstanden, bei dem Mann selbst spricht – tschechisch und deutsch. Möglich macht dies Künstliche Intelligenz...

„30 Jahre Ihrer Schule sind ein Fest des Humanismus und der Bildung, die ich stets vertreten habe. Danke, dass ich durch Sie weiterlebe. Und ich freue mich auf die gemeinsame Entdeckung der Welt der Literatur mit Ihren Schülern“, so die KI-generierte Stimme des Weltautors.

Zuzana Svobodová,  Leiterin des Thomas-Mann-Gymnasiums | Foto: Privatarchiv von Zuzana Svobodová

Zuzana Svobodová ist die Leiterin des Thomas-Mann-Gymnasiums. Das mit KI generierte Projekt DigiMann sei das Geschenk zum Geburtstag ihrer Schule, betont die Direktorin:

„Wir haben uns überlegt, was wir mit der KI machen. Dann haben wir das Projekt DigiHavel gesehen – also den virtuellen Václav Havel. So kam es zur Idee für den DigiMann. Mithilfe der KI haben wir einen virtuellen Thomas Mann ins Leben gerufen. Das Projekt steht noch am Anfang, aber Mann spricht schon, und man kann mit ihm kommunizieren. Er soll eigentlich wie der reale Thomas Mann antworten, sprechen, seine Gedanken formulieren und mit den Schülerinnen und Schülern diskutieren. Das soll dann auch den Unterricht bereichern.“

Thomas Mann Gymnasium | Foto: Privatarchiv von Zuzana Svobodová

Fokus deutsche Sprache

Obwohl viele der Kinder und Jugendlichen am Thomas-Mann-Gymnasium eigentlich tschechische Muttersprachler sind, liegt der Fokus der Schule auf der deutschen Sprache. Die Direktorin erläutert die Zusammensetzung der Schülerschaft:

Zuzana Svobodová | Foto: Facebook / Martin Herbert Dzingel

„Circa 20 oder 25 Prozent von ihnen haben eine deutsche Herkunft. Sie sind zweisprachig. Hinzu kommen Kinder, die zwar nicht bilingual sind, aber zum Beispiel Großeltern aus Deutschland haben, ebenso wie jene von deutschen Expats oder von tschechischen Familien, die in Deutschland arbeiten oder gearbeitet haben.“

Schülerin Valerie etwa sagt über sich und ihr Elternhaus:

„Ich bin nicht aus einer deutschen Familie. Aber ich habe auch schon eine deutsch-tschechische Grundschule absolviert. Ich lerne also seit zehn Jahren Deutsch. Doch zu Hause sprechen wir Tschechisch. Manchmal schaue ich aber zum Beispiel deutsche Videos über Youtube. Und wir haben einen sehr guten Deutschlehrer.“

Während deutschsprachige oder bilinguale Kinder am Thomas-Mann-Gymnasium muttersprachlichen Unterricht bekommen, werden alle anderen nach und nach auf das entsprechende Niveau gebracht.

„Wir sind eine tschechische Schule, aber mit dem Schwerpunkt Deutsch auf muttersprachlichem Niveau. Das ist sicher etwas Besonderes“, betont die Direktorin und ergänzt:

„Jede Klasse hat eine Partnerklasse in einer deutschen Stadt. Das halte ich für etwas Besonderes. Heute war hier das Gymnasium aus Lübeck zu sehen.“

Gegründet als Schule der deutschen Minderheit

Entstanden ist das Thomas-Mann-Gymnasium auf Initiative der deutschen Minderheit. Martin Dzingel ist Präsident der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik:

Martin Dzingel,  in der Mitte | Foto: Facebook / Martin Herbert Dzingel

„Zuerst entstand 1991 die Grundschule der deutsch-tschechischen Verständigung. Nach der Wende haben wir – die deutsche Minderheit – uns gesagt, dass wir eine entsprechende Einrichtung brauchen, um unsere Muttersprache wieder in der Schule lernen zu können. Denn dies war in den vorangegangenen 50 Jahren nicht möglich gewesen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der Sudetendeutschen hatte die verbliebene deutschsprachige Bevölkerung in der Tschechoslowakei unter Restriktionen zu leiden. Dazu gehörte eben auch, dass sie keine eigene Schule mit deutschsprachigem Unterricht mehr betreiben durfte.

Zunächst habe man die Eröffnung einer Schule im südböhmischen Český Krumlov / Krumau ins Auge gefasst, schildert Dzingel weiter…

Martin Dzingel | Foto: Facebook / Martin Herbert Dzingel

„Aber das war damals noch nicht möglich. Da waren dann Stimmen zu hören, dass wir wieder germanisieren wollten. Deswegen sind wir nach Prag gegangen. Hier war es anonym und machbar“, so der Verbandspräsident.

1995 wurde dann das Thomas-Mann-Gymnasium als weiterführender Zweig gegründet. Mit vollem Erfolg, wie Martin Dzingel meint:

Theaterstück Oh,  Mann | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Es zeigt sich, dass es eine sehr gute und erfolgreiche Idee war. Auch heute haben wir wieder mitbekommen, was solch eine Schule alles bieten kann. Nicht nur Unterricht einer Sprache, einer Minderheitensprache, unserer Muttersprache, sondern auch das gegenseitige Kennenlernen – Partnerschaften mit deutschen Schulen, Austausch. In der heutigen Vorstellung war zu sehen, wie die Schülerinnen und Schüler durch die Sprache und die Kultur zueinander finden. Und ich denke, das beweist, dass die Idee zur Gründung der Schule sehr gut war.“

Schülerinnen und Schüler aus Lübeck  (in Wei0) und Prag  (in Schwarz) | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Allerdings lebt die deutsche Minderheit verteilt im ganzen Land und nicht vorrangig in Prag. Wie können auch die Angehörigen in den Regionen vom Bildungsangebot profitieren? Martin Dzingel verweist auf die Online-Plattform DEUKS. Das ist ein Akronym für Deutsch als Unterrichts- und Kultursprache. Experten würden auf der Plattform ihre Empfehlungen und Methoden für den Unterricht des Deutschen vorstellen, sagt der Präsident der Landesversammlung...

„So haben wir zum Beispiel an den Grundschulen in Eger, in Krawarn, in Mährisch Trübau oder in Gablonz an der Neiße mit der jeweiligen Schulleitung gesprochen und dort Deutsch als Minderheitensprache oder zum Teil als Fremdsprache und Minderheitensprache im Unterricht initiiert. Es wird also nicht nur hier in Prag unterrichtet, sondern die Kompetenzen werden auch in die Regionen getragen, die früher einmal zu 100 oder 90 Prozent deutsch waren.“

DEUKS wurde 2020 von der Landesversammlung ins Leben gerufen. Es ist das wichtigste Bindeglied zwischen den beiden Schulen und den Angehörigen der deutschen Minderheit, sofern deren Kinder nicht selbst diese Bildungseinrichtungen besuchen können.

Im Übrigen erhalten die Jugendlichen, die am Thomas-Mann-Gymnasium erfolgreich ihr tschechisches Abitur (Matura) ablegen, eine zusätzliche Sprachqualifikation, die es so an anderen Schulen im Land nicht gibt. Zuzana Svobodová:

Anaϊs Boelicke und  Zuzana Svobodová | Foto: Facebook / Martin Herbert Dzingel

„Wir haben auch überlegt, das deutsche Abitur bei uns einzuführen. Letztlich haben wir aber entschieden, dass es so bleibt, wie es ist. Das bedeutet, es gibt das tschechische Abitur, das überall problemlos anerkannt wird, und eine Bestätigung für die Schüler, dass sie die deutsche Sprache auf dem entsprechenden Niveau beherrschen. Deswegen wird bei uns die Prüfung zum Deutschen Sprachdiplom I und II gemacht. Nummer eins ist auf dem Niveau B1 und Nummer zwei auf dem Niveau C1. Letzteres öffnet die Tür zu sämtlichen deutschsprachigen Unis. Das ist wichtig für die Schüler.“

Damit haben die Absolventen die Grundlage dafür, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich oder der Schweiz studieren zu können. Und dies werde auch genutzt, sagt die Direktorin, wobei sie präzisiert:

„Es sind nicht wirklich viele Abgänger, die dies nutzen, aber einige immer – etwa zwei bis drei pro Jahrgang. Wir haben übrigens auch Partnerunis in Deutschland. Das sind die Technische Universität und die Fachhochschule für Wirtschaft in Chemnitz.“

Später einmal nach Deutschland zu gehen, das kann sich auch Valerie vorstellen...

„Warum nicht. Ich finde, Deutschland ist ein sehr schönes Land. Ich war schon dort – auch mit meiner Klasse in Lübeck, wo es sehr schön ist. Ja, ich werde dort einmal leben oder so etwas.“

Autor: Till Janzer
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