„Berufsluft schnuppern“ auf Deutsch - Prager Schüler in Hamburg

Foto: Archiv des Immanuel-Kant-Gymnasiums

Das Thomas-Mann-Gymnasium in Prag ist bilingual. Auf diese Schule gehen überwiegend Kinder und Jugendliche mit tschechischen, teils aber auch mit deutschen Wurzeln. In einem ungewöhnlichen Fremdsprachen-Projekt bietet das Gymnasium den Schülern die Möglichkeit, „Berufsluft zu schnuppern“ und gleichzeitig Deutsch zu lernen.

Thomas-Mann-Gymnasium in Prag (Foto: Google Street View)
Nicole ist Abiturientin am Thomas Mann-Gymnasium in Prag. Sie ist eine von 15 Schülern, die an einem 14-tägigen Betriebspraktikum im Mai dieses Jahres in Hamburg teilgenommen haben.

„Ich habe mein Praktikum im Labor der Firma ‚Continental‘ in Hamburg-Harburg absolviert. Nach diesem Praktikum bin ich mir nun hundertprozentig sicher, dass ich Chemie oder Biologie studieren werde.“

Initiatorin des Projekts ist die Lehrerin Christine Seidel. Ihr kam vor drei Jahren die Idee, den Schüleraustausch mit Deutschland mit einem Praktikum zu kombinieren.

Empfang der Prager Austauschschüler vor dem Harburger Rathaus (Foto: Archiv des Immanuel-Kant-Gymnasiums)
„Durch eine glückliche Fügung und mit Hilfe des ‚Hamburg Ambassadors‘ Ursula Schulz ergab sich der Kontakt zum Immanuel-Kant-Gymnasium in Hamburg-Harburg. Seit drei Jahren veranstalten wir dieses Praktikum in einem Austausch: Die Hamburger Schüler kommen zu uns und absolvieren ein zweiwöchiges Sozialpraktikum in Prag und die Prager Schüler fahren nach Hamburg und machen dort ein Betriebspraktikum“, so Seidel.

Untergebracht waren die Schüler während des Praktikums in Gastfamilien ihrer Austauschschule in Hamburg-Harburg. Finanziell wurde das Projekt vom deutsch-tschechischen Zukunftsfonds unterstützt. Das Praktikum basiert seit drei Jahren auf freiwilliger Teilnahme und ist auf 15 Plätze beschränkt. Über mangelndes Interesse der Schüler kann sich Christine Seidel jedoch nicht beklagen:

Christine Seidel (Foto: Archiv des Thomas-Mann-Gymnasiums Prag)
„Das ‚Betriebspraktikum‘ ist jetzt schon ein Eigenläufer geworden. Die Schüler erzählen euphorisch über das Projekt. Es ist ein Glücksfall, dass wirklich alle Schüler begeistert sind und wir so auch keine Probleme haben, neue Schüler zu finden.“

Die Praktika-Wünsche der Schüler sind vielfältig: angefangen von Bäcker, Tischler oder Gärtner, bis hin zu Anwalt oder Arzt. Christine Seidel ist immer bemüht, für jeden Schüler einen Platz zu finden. Manchmal gibt es jedoch auch überraschende Wendungen.

„Auch wenn die Schüler nach ihrem Betriebspraktikum sagen, dieser Beruf kommt für mich nicht in Frage, dann ist das eine wichtige Erfahrung.“

Dabei fallen der engagierten Lehrerin immer wieder einige positive Veränderungen an ihren Schülern nach dem Betriebspraktikum auf:

Foto: Archiv des Thomas-Mann-Gymnasiums Prag
„Es sind ja nur zwei Wochen, aber ich stelle fest, dass die Schüler viel besser Deutsch sprechen und einfach weniger Hemmungen haben zu reden. Ein Schüler hat zu mir gesagt, er habe gemerkt, dass selbst, wenn er Fehler beim Sprechen mache, er trotzdem verstanden wurde.“

Christine Seidel möchte die Schüler auf ihr späteres Berufsleben vorbereiten. Es passiert dabei gar nicht so selten, dass die Schüler sich nach dem Betriebspraktikum entscheiden, in Deutschland zu studieren:



Contitech in Hamburg-Harburg (Foto: YouTube)
„Bereits vier der ehemaligen Betriebspraktikanten der ersten Stunde sozusagen haben bereits ein Studium in Deutschland oder Österreich begonnen. Beispielsweise studiert eine ehemalige Schülerin, die während ihres Praktikums im Labor von ‚Contitech‘ in Hamburg-Harburg war, heute Biologie in Innsbruck. Eine andere Schülerin absolvierte ihr Praktikum in einer Apotheke, das hat sie motiviert, in München Pharmazie zu studieren.“

Im Herbst werden die Hamburger Praktikanten für ein Sozialpraktikum nach Prag kommen und bei ihren tschechischen Austauschpartnern des Thomas-Mann-Gymnasiums in Prag untergebracht sein.