Tor der Pilger: Junge Musiker spielen Oratorium über den hl. Adalbert

Hl. Adalbert

Am 23. April wird in Tschechien der Namenstag des heiligen Vojtěch (Adalbert), eines der böhmischen Landespatrone, gefeiert. Zu seinem Ehren hat Jiří Pavlica das Oratorium „Porta Peregrinorum“ („Tor der Pilger“) komponiert. Es erklingt am Sonntag im Veitsdom auf der Prager Burg, der auch den heiligen Adalbert und Wenzel geweiht ist. Gespielt wird das Werk vom Orchester Europera, in dem junge Musiker aus Deutschland, Polen und Tschechien zusammen musizieren.

Jiří Pavlica und Miloš Krejčí  (Foto: ČTK)
Jiří Pavlica ist im breiten Bewusstsein vor allem als Leiter, Geiger und Sänger des mährischen Folklore-Ensembles Hradišťan bekannt. Weniger bekannt ist, dass er sich auch dem Komponieren widmet. Die Entstehung seines zehnteiligen Oratoriums „Porta Peregrinorum“ („Tor der Pilger“) wurde vom Jugendorchester und Jugendchor Europera aus Görlitz initiiert. Dessen Dirigent Miloš Krejčí hatte sich an Jiří Pavlica gewandt. Gemeinsam haben sie nach einem Thema gesucht, das den internationalen Charakter des Ensembles sowie die Beziehungen zwischen Tschechien, Deutschland und Polen widerspiegeln würde. Komponist Jiří Pavlica:

Europera
„Dirigent Krejčí hat mich als Vertreter des Orchesters Europera besucht und gebeten, für das Orchester etwas zu komponieren. Dieses Etwas wurde dann gesucht. Als wir uns darüber unterhalten haben, habe ich begriffen, dass es gut wäre, für ein solches Orchester, das aus jungen Tschechen, Deutschen und Polen besteht, etwas zu schreiben, das ihnen auch die Geschichte näher bringt. Etwas, das sie zur Toleranz erzieht und nicht zuletzt ein Werk ist, das eine gewisse Botschaft beinhaltet.“

Miloš Krejčí hat bereits mehrere Komponisten beauftragt, Werke für das Europera-Orchester zu schreiben. Zu seiner Wahl von Jiří Pavlica sagt er:

„Ich habe natürlich mehrere Komponisten im Kopf, die ich gerne ansprechen würde. Nachdem ich Pavlicas Suite ´Chvění´, übersetzt etwa ´Das Schwingen´, gehört habe, habe ich mir gesagt, ich muss diesen Mann ansprechen. Denn sie hat mir sehr gefallen. Es war eine Verknüpfung des symphonischen Orchesters mit dem Ensemble Hradišťan, das Pavlica leitet und das für ihn typisch ist. Wir haben uns getroffen und es ging gleich weiter. Allerdings nicht so einfach, wie es jetzt aussieht, es hat fast zwei Jahre gedauert.“

War von Anfang an klar, dass es ein Oratorium, also eine kirchenmusikalische Komposition für das Europera-Orchester werden wird? Miloš Krejčí:

Kloster in Břevnov
„Nicht ganz. Es hat sich so entwickelt. Wenn das Ensemble Hradišťan in Prag gastiert, übernachten die Musiker meistens im Kloster in Břevnov. Der Prior des Klosters ist ein sehr sympathischer Mensch. Wir haben darüber gesprochen und es hat sich herausgestellt, dass der heilige Adalbert vielleicht das Thema wäre. Dann ging Jiří Pavlica in die Klosterbibliothek, wo er sich alles Mögliche anschauen durfte. Ich habe im Museum in Magdeburg angerufen, von dort hat man mir auch Einiges geschickt. Und so wurde nach und nach das Thema klar.“

Die erste Inspiration fand der Komponist Jiří Pavlica in der mittelalterlichen lateinischen Legende über den hl. Adalbert von Bruno von Querfurt. Ausschnitte aus dieser Legende rahmen als Prolog und Epilog das Werk ein. Sonst wurde das Libretto von Renata Putzlacher geschrieben, einer tschechisch-polnischen Dichterin, die die Texte in drei Sprachen verfasst hat – auf Tschechisch, Polnisch und Deutsch.

Miloš Krejčí und Jiří Pavlica  (Foto: ČTK)
„Das haben wir bewusst gemacht. Am Anfang Latein. Jiří Pavlica hat den Text ´Quo vadis, Adalbert´ als Motto des ganzen Werkes übernommen. Und was das Thema verbindet sind die Länder Tschechien, Polen und Deutschland. Natürlich war das damals völlig anders, wir wissen ja, dass die Länder anders verteilt waren. Aber die Sprachen waren halt Deutsch, Tschechisch, Lateinisch und Polnisch. Und wir haben auch Musiker und Sänger aus diesen Ländern, für die es interessant ist, von ihren Kollegen etwas zu lernen. Man versteht natürlich alles, was gesagt wird, einige Sätze, die man auf Tschechisch sagt, werden auch auf Deutsch und Polnisch wiederholt. Das gibt der Sache eine interessante Farbe. Ich finde das sehr schön.“

Hl. Adalbert
Der Autor selbst beschreibt sein Werk als mehrere Ebenen eines Dialogs:

„Der erste Dialog wird zwischen der Zeit vor über tausend Jahren und der Gegenwart geführt. Ich will auf Sachen hinweisen, die den Menschen damals plagten und ihn auch heute quälen. Ein weiterer Dialog wird zwischen den Völkern geführt. Die Viersprachigkeit ist ein formales Zeichen, aber die Tatsache, dass sich lebendige Personen aus drei Völkern daran beteiligen, führt sie näher zueinander. Sie begreifen, dass es erforderlich ist, den anderen zu respektieren und mit ihm auszukommen. Das hat der heilige Adalbert in seinem Leben erfüllt. Er war ein Europäer im echten Sinne des Wortes.“

Der Heilige Vojtěch beziehungsweise Adalbert kam aus einem böhmischen Fürstengeschlecht. Er wurde in Magdeburg gefirmt, war Bischof von Prag und wirkte auch intensiv in den heutigen Ländern Polen, Ukraine, Ungarn und Italien. Das Oratorium schildert in zehn Teilen zehn Bilder aus seinem Leben – seine Schuljahre in Magdeburg, seinen Aufenthalt im Aventinum-Kloster in Rom, die Gründung des Stiftes in Břevnov bei Prag und seine Missionsfahrt nach Polen und hat bei der Missionierung der Prussen Märtyrertod gefunden.

Pavlica beschreibt das Oratorium als seinen künstlerischen Höhepunkt im Bereich der klassischen Musik.

„Es ist zeitgenössische Musik, die in der Tonalität verankert ist. Dies hat tiefere Wurzeln. Man sucht nach der Harmonie mit sich selbst, mit seiner Umgebung, mit dem, was über uns steht, mit der Natur… Und daher suche ich auch in der Musik harmonisierende Elemente. Wenn Sie nach einer konkreten Inspiration fragen, kann ich den einleitenden und abschließenden Epilog in Latein erwähnen, dabei handelt es sich um ein Choralmotiv, das man als Fuge entwickeln könnte. Darum geht es aber nicht. Die Musik will den Inhalt zum Ausdruck bringen. Es handelt sich um zehn Stationen im Leben des heiligen Adalbert. Stationen, die für sein Leben grundsätzlich waren und gleichzeitig Stationen, die einen Einblick in die heutige Problemwelt anbieten.“

Roman Janál
„Es ist eine Komposition, die der Poetik von Jiří Pavlica entspricht. Damit ist alles gesagt. Der Komponist hat Sinn für Melodie und Sinn für Kontraste. Es ist keine schräge Musik. Es ist eine Musik, die anspricht, die durch den Text auch etwas mitteilt, und es entsteht eine Stimmung, die ich persönlich sehr positiv finde“, ergänzt Dirigent Krejčí.

Die Welturaufführung des Oratoriums fand im Oktober letzten Jahres in Zittau statt. Es handelt sich um eine Komposition für das große symphonische Orchester, einen großen gemischten Chor und Bariton. Als Solist beteiligt sich der Sänger des Nationaltheaters in Prag, Roman Janál, an der Vorführung. Miloš Krejčí erzählt, wer im Orchester Europera spielt und wie alt die Musiker sind:

Veitsdom
„Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt ganz kleine Kinder, die sehr begabt sind. Wir hatten auch einen zehnjährigen Musiker. Zehn, elf, zwölf Jahre sind keine Ausnahme. Bei Bläserinstrumenten sind sie natürlich etwas älter, weil man etwas mehr Zeit braucht, auch physisch. Hornisten und so, die sind ein bisschen älter. Natürlich wollen die Kinder, wenn es ihnen gefällt, mehrere Jahre im Orchester spielen, aber jedes Mitglied muss sich jedes Jahr erneut bewerben. Wenn man es gegen die Konkurrenz nicht schafft dann hat man halt Pech. Die Kinder wissen das, deswegen ist es eine große Motivation für sie, sich der Sache intensiv zu widmen. Es macht Sinn für sie, weil sie die Chance haben, in einem großen Symphonieorchester Werke zu spielen, für die es in den Musikschulorchestern keine Möglichkeit gibt, weil die Schulen nicht die entsprechende Besetzung haben.“

„Tor der Pilger“
Das Orchester existiert seit 1992, die nächste Spielzeit ist also die zwanzigste Jubiläumssaison. Die Prager Uraufführung des „Tors der Pilger“ am Sonntagabend auf der Prager Burg ist der Höhepunkt des Programms, das das Jugendorchester Europera in diesem Jahr einstudiert hat. Im Konzert werden noch Werke von Liszt, Marschner, Debussy, Novák und Max Bruch zu hören sein. Das Konzert findet unter der Schirmherrschaft von Kardinal Dominik Duka statt. Die Einnahmen werden der Vereinigung „Weg 121“ gespendet, die für Geistliche im Seniorenalter sorgt.