Tschechien und der Euro

Foto: Europäische Kommission
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Inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen seitdem die Tschechische Republik der Europäischen Union beigetreten ist. Ziel des Landes ist es auch, in absehbarer Zeit die gemeinsame Währung, den Euro einzuführen. Doch wann wird es soweit sein und wie sieht der Weg bis dahin aus? Zum Thema "Tschechien und der Euro" heißt sie nun Chris Schmelzer zur neuen Ausgabe unseres Wirtschaftsmagazins herzlich willkommen:

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Der Beitritt von zehn Ländern aus Mittel-, Ost-, und Südeuropa zur EU war verbunden mit der Teilnahme an der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, kurz EWWU. Während erstere von ihren Mitgliedern vor allem erwartet, dass sie ihre Geld- und Wechselkurspolitiken als ein Anliegen gemeinschaftlichen Interesses betrachten, ergibt sich eine Mitgliedschaft in der Währungsunion durch die Einführung der noch jungen Währung der europäischen Staatengemeinschaft. Die Rede ist natürlich vom Euro.

Doch der Beitritt zur EWWU ging mit dem Beitritt zur EU nicht automatisch und zeitgleich einher. So gelten im Rahmen der Wirtschaftsunion langjährige Übergangsfristen im Bezug auf die Freizügigkeit am europäischen Arbeitsmarkt, und ein Beitritt zur europäischen Währungsunion, sprich die Einführung des Euro, ist mit der Erfüllung der so genannten Kopenhagener Beitrittskriterien verbunden. Diese entsprechen weitgehend den Maastricht-Kriterien und beinhalten neben einem maßvollem Haushaltsdefizit sowie einer geringen Staatsverschuldung, stabilen Preisen und einem niedrigen Zinsniveau auch eine zwei Jahre andauernde erfolgreiche Teilnahme am so genannten europäischen Wechselkurs-Mechanismus II. Nachdem im Jahre 2004 bereits Slowenien, Estland und Litauen dem WKM II beigetreten sind, taten es ihnen am 30. April 2005 Malta, Lettland und Zypern gleich und verpflichteten sich, nun ebenfalls ihre Währungen gegenüber dem Euro in einer Bandbreite von plus minus 15 Prozent ohne große Wechselkursschwankungen konstant zu halten. Damit wird klar, dass die meisten der neuen EU-Mitgliedsstaaten eine zügige Einführung des Euro anstreben, und sich bereits an die Erfüllung der Kriterien gemacht haben. Dies gilt auch für die Tschechische Republik. Bereits im Herbst 2003 veröffentlichte die tschechische Regierung gemeinsam mit der Nationalbank ein Strategiepapier, das schon damals an der Beitrittsabsicht keinen Zweifel ließ und die geplanten Maßnahmen zur Erfüllung der Maastricht-Kriterien beschrieb.

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Und wie ist es derzeit um die Bemühungen der Tschechische Republik bestellt? Inwieweit erfüllt Tschechien schon heute die Maastricht-Kriterien und woran muss das Land noch arbeiten?

"Ganz offensichtlich sind bei Preisstabilität, Zinskonvergenz und Wechselkursstabilität überhaupt keine Probleme zu sehen..."

Rolf Dieter Beck, Diplom-Volkswirt und ehemaliger Leiter der Repräsentanz der Dresdener Bank in Tschechien.

"...aber mit einem enorm großen Fragezeichen zu versehen ist das Thema Budgetdefizit."

so Beck während eines Gastvortrages an der Prager Wirtschaftsuniversität. Vor allem das jährliche Haushaltsdefizit stellt derzeit das wohl größte Problem der tschechischen Volkswirtschaft dar. Im Jahre 2004 betrug es zirka sechs Prozent, und damit reiht sich die Tschechische Republik, zusammen mit Ländern wie Portugal, Polen und Griechenland, in das obere drittel der europäischen Defizitsünder ein. Und nicht nur das. Eine hohe jährliche Neuverschuldung zieht natürlich auch weitere mittel- bis langfristige Konsequenzen für die Gesamtverschuldung nach sich. Dazu Rolf Dieter Beck:

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"Sie haben in den letzten vier Jahren ihr Budgetdefizit auf 36 Prozent verdoppelt. Dies ist immer noch weit weg vom 60 Prozent Kriterium, aber wir müssen uns klar machen, dass die Privatisierungserlöse der letzten Jahre künftig wegfallen und dass sich auch die Direktinvestitionen abgeschwächt haben. Wenn diese beiden Finanzierungsquellen sozusagen ausbleiben, dann schlägt das Budgetdefizit natürlich sehr viel drastischer durch als wenn es durch Privatisierungserlöse und Direktinvestitionen abgemildert wird."

Demnach könnte bei einer anhaltend negativen Entwicklung neben der Neuverschuldung in Zukunft auch die Gesamtverschuldung ein Problem für den Beitritt Tschechiens zur Euro-Zone darstellen.

Von tschechischer Seite wird die Situation jedoch als weniger alarmierend betrachtet. Hana Heidlerova, Leiterin der Abteilung für Europäische Integration im tschechischen Finanzministerium:

"Wir haben ein Konvergenz-Programm, das unseren Weg hin zur Erfüllung der Maastricht-Kriterien und im speziellen des Budget-Kriteriums bis zum Jahr 2008 beschreibt. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem wir dem Wechselkursmechanismus II beitreten wollen, um zwei Jahre später in der Lage zu sein, den Euro Einzuführen."

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Nachdem seit 2003 der Vorschlag einer Euro-Einführung im Jahr 2007 vom Tisch ist, zeigt sich die Regierung zuversichtlich, den derzeit von ihr anvisierten Termin im Jahre 2010 einzuhalten. Doch bis dahin muss noch einiges geschehen. Und das nicht nur in Tschechien, denn die Anforderungen des Beitrittsmechanismus der Währungsunion stellen einen gewaltigen Kraftakt für alle Beitrittskandidaten dar. Dies hat sich auch mit der im März beschlossenen Reform des Stabilitätspaktes, die im Grunde eine Aufweichung darstellt, kaum geändert. Denn die grundlegenden Beitrittskriterien sind die alten geblieben. Es stellt sich also die Frage, ob die Mühen eines Beitritts zur Euro Zone sich eigentlich lohnen, und ob die daraus resultierenden Vorteile gegenüber den Nachteilen überwiegen.

Worin sieht Christian Bourgin, Leiter der Repräsentation der Europäischen Union die Vorteile einer Einführung des Euro in Tschechien?

"Ich würde sagen, die Vorteile werden hauptsächlich darin liegen, dass das Land definitiv als ein stabiler und attraktiver Platz für Investoren betrachtet werden kann."

Zum selben Thema meinte Joseph Abraham, Mitarbeiter des Lehrstuhls für Weltökonomie an der Prager Wirtschaftsuniversität:

Zitat Anfang: "Ich denke, dass potentielle Kosten und Risiken der Euro-Einführung in Tschechien gerade daraus resultieren können, dass man nach der Einführung auf etablierte finanzpolitische Instrumente, wie etwa einen flexiblen Leitzins, verzichten muss. Jedoch denke ich auch, dass die positiven Aspekte, wie die Senkung der Transaktionskosten durch eine einheitliche europäische Währung, gegenüber den Kosten und Risiken überwiegen werden."

Diese Meinung reflektiert weitgehend die in der wirtschafts- und politikwissenschaftlichen Literatur diskutierten allgemeinen Konsequenzen für Länder, die einer Währungsunion beitreten. Doch all das ist graue Theorie, und zehn Millionen Tschechen, die in einigen Jahren mit der neuen Währung zahlen und leben müssen, sind vielleicht ganz anderer Meinung.

Deshalb fragte ich einige Studenten der Prager Wirtschaftsuniversität und Passanten im morgendlichen Berufsverkehr nach ihrer ganz persönlichen Meinungen zum Euro:

"Ich denke der Euro ist nicht gut für uns, denn die Tschechische Republik ist noch ein relativ armes Land, und die Menschen werden noch weniger Geld haben, wenn der Euro kommt - denn er lässt die Preise steigen. Aber ich kann mir denken, dass der Euro auch Vorteile hat, zum Beispiel für den Handel mit dem Ausland."

"Ich bin mir nicht sicher ob die Vorteile die Nachteile überwiegen werden, aber ich denke oder hoffe vielmehr, dass die Sache gut ausgehen wird."

"Ich freue mich auf den Euro, auch wenn ich keine rationalen Argumente dafür habe."

Tatsächlich ist der Weg bis zur erfolgreichen Euro Einführung noch lang und für die Verantwortlichen gibt es noch einiges zu tun. Doch eines scheint zurzeit relativ sicher zu sein: Früher oder später kommt der Euro auch in Tschechien an, und dann heißt es: Abschied nehmen von der Krone.