Tschechische Sportler kritisieren IOC-Vorschlag zur Teilnahme von Russen an Olympischen Spielen

Das Internationale Olympische Komitee deutete vorige Woche an, Sportlern aus Russland und Belarus die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2024 in Paris ermöglichen zu wollen. Dazu würden sie als neutrale Athleten antreten. Auf diese Überlegungen reagierten scharf sowohl das tschechische Außenministerium als auch mehrere tschechische Sportler.

Gegen den Vorstoß des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), russische und belarussische Sportler wieder im Weltsport zuzulassen, haben sich als erstes die baltischen Staaten und Polen ausgesprochen. Die Sportminister dieser Länder  äußerten die Erwägung, die Spiele in Paris in diesem Falle zu boykottieren. Polens Minister für Sport und Tourismus, Kamil Bortniczuk, erklärte am Donnerstag:

„Falls wir die Spiele boykottieren, würde dies in einer breiten Koalition mit Großbritannien und den USA geschehen“, sagte Bortniczuk.

Dem Boykott könnten sich seinen Worten zufolge bis zu 40 weitere Länder anschließen. Der Sport werde dafür benutzt, um von der illegalen Aggression Russlands gegen die Ukraine abzulenken, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der baltischen Länder und Polens.

Der Sprecher des tschechischen Außenministeriums, Daniel Drake, erinnerte dann am Samstag daran, dass das IOC beim Beginn des Krieges vor einem Jahr eine der ersten Organisationen gewesen sei, die russische Sportler ausgeschlossen habe. Und er fuhr fort:

„Die russische Aggression hat nicht nachgelassen – im Gegenteil, sie ist intensiver geworden. Aus diesem Grund sind die jüngsten Überlegungen des Internationalen Olympischen Komitees für uns sehr überraschend.“

Der Sprecher merkte zudem an, das Außenministerium werde in den nächsten Tagen mit der Nationalen Sportagentur (NSA) und dem Tschechischen Olympischen Komitee (ČOV) über das Thema verhandeln. Der Vorsitzende der Nationalen Sportagentur, Ondřej Šebek, ist ähnlicher Meinung wie das Außenministerium:

Ondřej Šebek | Foto: Honza Ptáček,  Tschechischer Rundfunk

„Die russische Aggression setzt sich fort und nimmt sogar zu. Ich verstehe darum nicht, was sich während eines Jahres geändert haben soll und warum das Internationale Olympische Komitee auf einmal die Möglichkeit der Teilnahme russischer Sportler an den Olympischen Spielen in Paris ankündigt. Für mich ist es eine neue und höchst überraschende Information, die über die sportlichen Dimensionen hinausgeht. Unseren Standpunkt zu dieser Lage werde ich mit der Regierung koordinieren.“

Das tschechische Olympiakomitee unterstütze zwar die Sanktionen gegen die Aggressoren, sagt dessen Sprecherin Barbora Žehanová und fügt aber an:

„Ein Boykott komme für uns nicht in Frage, da wir die tschechischen Sportler nicht für die russische Aggression bestrafen möchten,“ sagte die Sprecherin.

Dominik Hašek | Foto: Adam Kebrt,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Gegen die Teilnahme russischer und belarussischer Athleten an internationalen Wettbewerben spricht sich schon lange die tschechische Eishockey-Legende Dominik Hašek aus. Der Olympia-Sieger von Nagano kritisiert darum das Tschechische Olympische Komitee:

„Ich kann die Tatsache nicht akzeptieren, dass ich vom Tschechischen Olympiakomitee kein klares Nein höre zu den Bemühungen, in der jetzigen Situation russische und belarussische Athleten wieder im Weltsport zuzulassen.

Hašek hofft zugleich, dass ein Boykott nicht notwendig sein wird und dass tschechische Sportler an den Spielen teilnehmen werden. Der Erfolgstorwart wandte sich bereits zuvor mit offenen Briefen an die Vertreter der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL, der Tennisorganisationen ATP und WTA sowie weiterer Sportvereinigungen. Die Schreiben enthielten den Aufruf, russischen Sportlern die Teilnahme an internationalen Wettbewerben zu verbieten. Hašek betonte dabei, jeder Wettbewerb bringe Russland mehrere Milliarden US-Dollar für die Propagierung seiner aggressiven Politik ein.

Jiří Prskavec | Foto: Markéta Navrátilová,  Tschechischer Kanuverband

Der Olympiasieger im Kanusport Jiří Prskavec wiederum betrachtet beide Seiten der Diskussion:

„Ich halte es für möglich, dass die Sportler selbst einen gewissen Widerstand gegen die Olympiateilnahme von Russen und Belarussen entwickeln. Andererseits kann ich mir aber unter bestimmten Bedingungen vorstellen, dass russischen Sportlern, die sich vom Putin-Regime distanzieren und ins Ausland geflüchtet sind, die Teilnahme unter einer neutralen Flagge ermöglicht werden könnte.“

Autoren: Martina Schneibergová , Klára Staňková
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