Unterbezahlte Hochschullehrer in Tschechien: Petition fordert höhere Gehälter

Philosophische Fakultät in Olomouc

Die Mitarbeiter an den humanwissenschaftlichen Fakultäten in Tschechien sind unterbezahlt. Darum haben sie eine Petition gestartet und verhandeln nun mit dem Bildungsministerium über angemessene Gehälter.

Foto: petice.com

Die Lage werde langsam unerträglich. So lautet der Hilferuf zahlreicher Mitarbeiter an den humanwissenschaftlichen Fakultäten in Tschechien. Eine Forschungskraft mit Doktortitel verdient an einer hiesigen Hochschule durchschnittlich nur etwa 30.000 Kronen (1252 Euro) brutto im Monat – einen ähnlichen Lohn haben zum Beispiel Kassierer im Supermarkt.

Das Gehalt von Markéta Balcerová liegt sogar noch knapp unter dieser Durchschnittsumme. Die Dozentenstelle an einer Universität sei immer ihr Traum gewesen, sagt die 38-Jährige, die seit fünf Jahren als Fachassistentin am Institut für Germanistik und Slawistik der Westböhmischen Universität in Plzeň / Pilsen arbeitet. Als Mutter von zwei Kindern müsse sie sich mit Nebentätigkeiten etwas dazuverdienen, klagt Balcerová:

„Wir haben eine Lehrpflicht von etwa 14 Stunden wöchentlich, was ziemlich viel ist. Der Rest bleibt für wissenschaftliche Tätigkeiten. Wenn man aber nebenbei hinzuverdienen muss, geht dies auf Kosten der Forschungsarbeit. Wenn ich etwa an einem Fachartikel schreibe und dann ein Übersetzungsangebot bekomme, lege ich den Artikel erst einmal beiseite.“

Illustrativesfoto: Radek Duchoň,  Tschechischer Rundfunk

Obwohl sie einen ähnlichen Monatslohn wie Balcerová hat, kommt die Historikerin Daniela Tinková noch ohne Nebenjob aus. Sie ist seit fast 22 Jahren am Institut für Tschechische Geschichte an der Prager Karlsuniversität tätig. Ihre Strategie sind externe Projektanträge. Diese würde die Fakultätsleitung allerdings nicht als zusätzliche Finanzmittel akzeptieren, sondern in ihr Budget einberechnen, so Tinková:

„Für gewöhnlich stocken wir die Finanzen für Konferenzen oder auch für die Forschung durch Projektbewerbungen auf, um etwa Publikationen zu ermöglichen oder junge Wissenschaftler zu unterstützen. Dabei passiert es aber regelmäßig, dass bei einem erfolgreichen Projektantrag von 15 oder 20 Prozent Finanzanteil unser Grundgehalt von der Universität entsprechend gekürzt und aus den Projektgeldern bezahlt wird.“

Jan Stejskal | Foto: Archiv von Jan Stejskal,  Palacký-Universität

Hinzu komme, dass humanwissenschaftliche Fakultäten gar nicht so viele Möglichkeiten für Projektanträge hätten wie andere Fachbereiche, mahnt Jan Stejskal. Der Dekan der Philosophischen Fakultät der Palacký-Universität in Olomouc / Olmütz rechnet vor, dass ihr Anteil an externen Geldern sieben Prozent betrage.

Stejskal gehört zu den Initiatoren einer Petition, die das tschechische Bildungsministerium zu einer Gehaltserhöhung für Hochschullehrer aufruft. Das Dokument haben bereits knapp 1600 Menschen unterschrieben. Vertreter des Verbandes der Dekane Philosophischer Fakultäten (Asociace dekanů filozofických fakult) haben sich zudem in der vergangenen Woche mit Minister Vladimír Balaš (parteilos) zu ersten Verhandlungen getroffen.

Valdimír Balaš | Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

Eine Ursache für die derzeitige Lage sei die chronische Unterfinanzierung der Universitäten, sagt Stejskal. Immerhin bekämen zumindest die Lehrer an den Schulen in Tschechien inzwischen mehr Geld…

„Darüber sind wir wirklich froh. Das Ministerium hat aber offenbar vergessen, dass es eine weitere Sphäre im Bildungswesen gibt, und das sind die Hochschulen. Dort werden die Löhne überhaupt nicht angepasst. Das heißt, dass die Gehälter der Hochschullehrer leider hinter das Niveau von Pädagogen an Grund- und weiterführenden Schulen zurückgerutscht sind.“

Weiter polemisiert Stejskal, dass Studierende und Lehrende der Humanwissenschaften heute mehr brauchen würden als nur Block und Bleistift – so wie es vielleicht in den 1990er Jahren gewesen sei, als die noch heute gültigen Gehaltstabellen entstanden sind. Abhilfe müsse sofort geschaffen werden, fordert der Dekan:

„Zum einen wirkt sich die Inflation auf uns alle aus – am brutalsten bekommen sie aber die Ärmsten zu spüren. Und die Philosophischen Fakultäten sind arm. Hinzu kommt, dass bei uns in Olmütz die Energiekosten in diesem Jahr um bis zu 460 Prozent angestiegen sind.“

Die Verfasser der Petition schließen auch einen Streik nicht aus. Das Bildungsministerium hingegen will nun eine Arbeitsgruppe einsetzen. Diese soll erstmals Anfang Februar zusammenkommen.

Autoren: Daniela Honigmann , Eva Mikulková Šelepová
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