Vom Düsenjet über den Propellerflieger bis zur Regierungsmaschine: Das Luftfahrtmuseum Kunovice
Wenn man das Luftfahrtmuseum in Kunovice besucht, hört man des Öfteren eine Propellermaschine oder ein anderes Flugzeug in der Luft. Kein Wunder, denn gleich nebenan liegt der Flughafen der mährischen Stadt und der Sitz eines Traditionsunternehmens, das seit Jahrzehnten Luftfahrzeuge herstellt. In dem Museum werden ausgediente Düsenjets der Armee gezeigt, ein Agrarflugzeug, Lufttaxis, Drohnen und zwei ehemalige tschechoslowakische Regierungsflieger, die man sich auch von innen ansehen kann.
Es ist eines der größten Luftfahrtmuseen Tschechiens und das zweitälteste: 1970, also vor 55 Jahren, öffnete die Ausstellung in Kunovice erstmals ihre Pforten. Dass die Flugzeuge auch heute noch in dem mährischen 5000-Einwohner-Ort gezeigt werden, ist kein Zufall. Denn Kunovice ist vielleicht wie keine zweite Stadt in Tschechien mit der Luftfahrt verbunden – werden hier doch bis heute die Maschinen des traditionsreichen Unternehmens Let gebaut, das mittlerweile unter dem Namen Aircraft Industries operiert.
Martin Hrabec ist in Kunovice aufgewachsen und leitet heute das private Museum. Der Faszination Fliegen sei er schon früh verfallen, sagt er im Interview für Radio Prag International:
„Das wurde mir wohl in die Wiege gelegt. Ich wurde am 17. September geboren, an dem in der Tschechoslowakei der Tag der Luftfahrt begangen wurde. Schon mein Großvater mochte Flugzeuge. Wir haben in der Flucht der Landebahn gewohnt, schon als Kind hatte ich die Flieger immer über dem Kopf. Wenn ich als kleiner Junge zu meiner Großmutter aufs Land gefahren bin, habe ich immer angegeben, dass ich aus einer Stadt komme, in der Flugzeuge gebaut werden. Und das ist ja in der Tat nicht ganz gewöhnlich.“
Vor gut zehn Jahren übernahmen Hrabec und seine Kollegen das Museum, dessen Exponate sich damals in keinem erfreulichen Zustand befanden. Heute erstrahlen die Maschinen wieder in altem Glanz. Teils handele es sich bei ihnen um Leihgaben, teils um Schenkungen, mitunter würde man die Flieger auch aufkaufen, erklärt Hrabec. Was alle vereint, sei eine spannende Geschichte, so der Museumsleiter. Und in mehrere der Exponate können die Besucher zudem hineingehen.
„Wir haben hier einige Unikate und in Europa einmalige Objekte. Und wir zeigen fünf Salonflugzeuge für VIPs. Anderswo sind es meist maximal zwei oder drei. Und bei zwei unserer Exponate handelt es sich um ehemalige Regierungsflieger.“
Nagano-Express beförderte Eishockeymannschaft und Havel
Die kleinere der beiden Regierungsmaschinen ist eine Jakovlev Jak-40 sowjetischer Bauart. Sie wurde nicht nur von Präsidenten wie Václav Havel und Václav Klaus genutzt. Als 1990 Papst Johannes Paul II. die Tschechoslowakei besuchte, landete auch er mit der Maschine auf dem Flughafen von Kunovice.
Das zweite Flugzeug mit einer tschechischen Flagge auf dem Heckflügel ist eine Tupolev Tu-154 M. Die rund 48 Meter lange und 55 Tonnen schwere Maschine ist das größte Exponat in Kunovice. Das Flugzeug wurde nicht nur von einstigen Staatsoberhäuptern genutzt, wie Hrabec erläutert:
„Es wurde auch von der Armee verwendet, für Missionen und humanitäre Hilfslieferungen. Eigentlich handelt es sich um ein Mittelstreckenflugzeug, nach mehreren Umbauten flog es aber um die ganze Welt. Es war wohl nicht am Nord- oder am Südpol, aber abgesehen davon auf jedem Kontinent.“
Bekannt ist das Flugzeug vor allem als „Nagano-Express“. Denn als die tschechische Eishockeynationalmannschaft 1998 Gold bei Olympia in Japan holte, war es dieser Regierungsflieger, der sie zurück nach Prag brachte. 2015 drohte jedoch, dass das Flugzeug verschrottet wird. Dank dem Engagement unzähliger Helfer und Förderer konnte der „Nagano-Express“ schließlich aber nach Kunovice gebracht und somit gerettet werden – in einer aufwendigen wie atemberaubenden Aktion:
„Wir haben das Flugzeug vorher Schraube für Schraube auseinandergenommen. Wir sind also zwei Jahre lang in unserer Freizeit immer wieder in den Prager Stadtteil Kbely gefahren, um die Maschine dort ehrenamtlich zu demontieren. Dann wurde sie vier Tage lang über die Straße zu uns gebracht und hier zwei Jahre lang wieder zusammengesetzt.“
Mit dem Lufttaxi über den Atlantik
Neben den beiden ehemaligen Regierungsfliegern gibt es in dem Museum auch noch weitere spannende Exponate. Martin Hrabec führt zu einer in Kunovice hergestellten Aero Ae-45. Ein ebensolches Flugzeug kaufte sich einst der italienische Unternehmer Pier Paolo Brielli, der eine Firma in Südamerika hatte. Und er hatte einen wahnwitzigen Einfall:
„Er ließ das Flugzeug nach Südamerika bringen, wo es montiert wurde. Und dann meinte Brielli, er würde damit über den Atlantik fliegen – auf dem kürzesten Weg: nach Dakar. Die zwei Rücksitze des Lufttaxis wurden entfernt und dafür ein zusätzlicher Tank verbaut. Der Unternehmer rechnete sich aus, dass der Treibstoff reichen müsste.“
Zunächst hatte Brielli Probleme, einen geeigneten Navigator zu finden. Doch am 10. August 1958 hob die Maschine tatsächlich zu dem einmaligen Projekt ab.
„Es gab allerdings eine Komplikation, und zwar Gegenwind. Nach dem Start kamen die beiden deshalb zu dem Schluss, dass der Treibstoff nicht bis Afrika reichen würde. Gleich in der Nähe gab es aber eine kleine Insel im Atlantik, auf der die Amerikaner einen Militärstützpunkt hatten. Brielli und sein Navigator entschieden sich, sie anzusteuern. Das muss man sich einmal vorstellen: Ohne GPS, nur durch den Stand der Sonne und der Sterne fanden sie diese kleine Insel. Die Amerikaner staunten natürlich nicht schlecht, als die beiden dort anflogen. Aber ihr Tank wurde aufgefüllt, Brielli konnte nach Afrika weiterreisen und von dort nach Italien. Er war schon ein ganz schön verrückter Typ.“
Die Ae-45 wurde damit das erste Flugzeug tschechoslowakischer Bauart, das den Atlantik überquerte. Und Brielli bestellte sich später eine Weiterentwicklung des Flugzeugs in Kunovice.
„Ehe er sie abnehmen konnte, flog er aber in einer Cessna über den südamerikanischen Dschungel und ging dabei verschollen. Bis heute wurde er nicht gefunden“, sagt Hrabec.
Eine ähnlich aufregende Geschichte kann der Museumsleiter auch über die Let L-200 Morava berichten. Der Name des Flugzeugs rührt daher, dass es das erste war, was zu 100 Prozent in Mähren hergestellt wurde. Das in Kunovice ausgestellte Exemplar wurde 1962 gebaut und später als Sanitätsflugzeug verwendet. Eine andere L-200 schrieb 2008 Luftfahrtgeschichte. Einige begeisterte Hobbypiloten machten sich damals auf in die Arktis und flogen mit einer 50 Jahre alten Morava über den Nordpol – die erste Überquerung des Pols mit einem tschechoslowakischen Flugzeug.
Flugzeug, das 1972 nach Nürnberg entführt wurde
Hrabec führt zu einem weiteren Exponat, das in die Luftfahrtgeschichte eingegangen ist. Denn die in Kunovice ausgestellte Let L-410 A Turbolet wurde 1972 nach Westdeutschland entführt. Während heute vor allem die Entführung eines solchen Flugzeuges nach Weiden bekannt ist, bei der der Kapitän getötet wurde, war es wenige Monate zuvor schon zu einem ähnlichen Vorfall gekommen. Der Flug sollte am 18. April 1972 von Prag nach Mariánské Lázně / Marienbad gehen. An Bord der Maschine waren neun Passagiere, darunter auch die beiden Entführer: Karel Doležal und Antonín Lerch. Wegen einer Schlechtwetterlage wurde der Flug nach Karlovy Vary / Karlsbad umgeleitet. Kurz vor dem Landeanflug betraten die beiden mit Pistolen und einem Sprengsatz ausgestatteten Entführer das Cockpit, schossen zweimal auf den Copiloten und forderten, Stuttgart anzusteuern. Schließlich landete die Maschine aber in Nürnberg. Die beiden Täter wurden zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach ihrer Freilassung beantragten sie politisches Asyl, welches ihnen gewährt wurde. Der Copilot überlebte die Schussverletzung und arbeitete laut Hrabec später bis zur Rente als Pilot.
Das geschichtsträchtige Flugzeug steht seit 1993 im Museum. An der rechten Außenseite ist immer noch die Stelle zu erkennen, an der damals eine Kugel die Cockpitwand durchdrang.
Tschechischer Düsenjet, den auch Tom Cruise fliegt
Der absolute Großteil der Flugzeuge steht derzeit in Kunovice unter freiem Himmel. Das ist ein Problem, denn die Witterung setzt den Maschinen zu. Die Turbolet von der Flugzeugentführung etwa wirkt bei genauerem Hinsehen schon ein wenig mitgenommen. Das große Ziel ist deshalb, in Zukunft einen Hangar zu errichten:
„Wenn wir etwas reparieren, können wir nach fünf Jahren wieder von vorn anfangen. Das ist demotivierend, kostet viel Energie und Geld. Es ist traurig, die Flugzeuge zu sehen, wie sie herunterkommen. Wir kämpfen deshalb für unseren Hangar und hoffen, dass dieser Traum eines Tages wahr wird.“
Bereits jetzt gibt es aber eine kleine überdachte Halle, in die immerhin ein paar der Ausstellungsstücke passen. Von der Decke hängt eine der ersten Drohnen herunter, die Sojka III, die ab Ende der 1990er Jahre von der tschechischen Armee eingesetzt wurde. Weiter hinten parken einige Tretflugzeuge für Kinder. Man würde mittlerweile nämlich regelmäßig Wettrennen mit derartigen Vehikeln veranstalten, so Hrabec.
Der besondere Hingucker im Innenbereich ist aber eine Aero L-39 Albatros. Das Flugzeug wird bis heute gebaut und von den Luftstreitkräften verschiedener Länder verwendet – vor allem zu Ausbildungszwecken. Hrabec verweist aber noch auf eine weitere Nutzung. Der „Albatros“ sei nämlich auch beim Dreh des letzten „Top Gun“-Filmes zum Einsatz gekommen…
„Alle Aufnahmen, in denen die Flugzeuge in der Luft zu sehen sind, wurden mit tschechoslowakischen Albatrossen gefilmt. Filmemacher mögen sie, weil sie stabil sind und schnell fliegen. Also werden Kameras mit Gyroskopen an ihnen befestigt. Tom Cruise, der Hauptdarsteller in ‚Top Gun‘, hat die Schulung für den Albatros absolviert und soll sich auch ein Exemplar für sein privates Flugvergnügen zugelegt haben.“
So ein Düsenjet als Privatflugzeug muss für einen Luftfahrtmuseumsbetreiber doch sicherlich eine verlockende Vorstellung sein… Fliegt Martin Hrabec auch selbst?
„Nein, ich bin ein ewiger Schüler und habe dafür auch gar keine Zeit. Und ich habe herausgefunden, dass mich das Fliegen einfach gar nicht so sehr reizt. Ich liebe Flugzeuge, diese Technik, die da dahintersteckt. Das fasziniert mich. Wenn sich die Gelegenheit bietet, fliege ich auch gern bei Freunden mit historischen Maschinen mit. Aber ich muss das Flugzeug nicht selbst steuern. Ich wurde wohl schlicht und ergreifend nicht als Pilot geboren, sondern einfach als jemand, der Flugzeuge mag.“
Das Luftfahrtmuseum in Kunovice ist von April bis Oktober geöffnet, und das täglich von 9 bis 17 Uhr. Im Juli und im August gibt es verlängerte Öffnungszeiten bis 20 Uhr.
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