Von der Angler-Doku zum Horror-Musical – tschechische Filme beim Festival in Cottbus

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Im brandenburgischen Cottbus hat sich in den vergangenen 30 Jahren eines der wichtigsten Festivals für Filme aus dem östlichen Europa etabliert. Regelmäßig werden dort auch Kinowerke aus Tschechien gezeigt. Dieses Jahr gibt es dafür sogar eine eigene Sektion. Aber auch in weiteren Kategorien sind Filme aus dem Nachbarland zu sehen. Das Festival beginnt am kommenden Dienstag und läuft wegen der Corona-Pandemie komplett online ab.

„Droneman“  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

„Modelář“ heißt einer der neuen Filme aus Tschechien, die in Cottbus zu sehen sind. Auf Deutsch könnte man den Titel vielleicht mit „Der Modellbauer“ übersetzen, international läuft er unter „Droneman“. Denn es geht um zwei Bastler, die mit Drohnen zu Geld kommen. Die beiden ungleichen Freunde geraten aber in einen Strudel aus politischen Affären.

Dieses neue Werk von Erfolgsregisseur Petr Zelenka läuft in der Sektion „Spotlight Česko“. Warum gibt es diesmal in Cottbus solch einen Schwerpunkt? Bernd Buder ist Programmdirektor des Festivals:

Bernd Buder  (Foto: Archiv des Filmfestivals Cottbus)

„Wir stellen jedes Jahr mehrere Filmländer vor, dieses Mal die Tschechische Republik. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht. Wir feiern 30 Jahre Filmfestival Cottbus, und Tschechien – beziehungsweise damals noch die Tschechoslowakei – gehörte zu den ersten Ländern, die dabei waren. Insofern lohnt es sich, da mal wieder genauer hinzugucken. Tschechien ist und bleibt für uns und für unser Publikum eines der interessantesten mitteleuropäischen Filmländer.“

Zeugnisse einer untergehenden Kultur

Bernd Buder und sein Team haben daher ausnahmsweise auch einen Dokumentarfilm und sogar eine Fernsehserie in das Tschechien-Programm integriert. Insgesamt sind es neun Produktionen, die die Sektion bietet.

Die erwähnte Doku heißt auf Tschechisch „Ztracený břeh“, also „Verlorenes Ufer“, beziehungsweise auf Englisch „The Lost Coast“. Der Film des Regisseurs Jiří Zykmund ist einer der drei Favoriten aus „Spotlight Česko“ für Buder:

„Verlorenes Ufer“  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

„Das ist ein ganz kleiner Dokumentarfilm über eine Anglersiedlung an einem Stausee, die abgerissen wird – aus unterschiedlichen Gründen. Und der Regisseur beobachtet die letzten Tage dieser Leute dort. Das ist sehr genau, weil die Kamera einfach mitläuft. So sieht man Zeugnisse einer untergehenden Kultur, während gegenüber schon ein Freizeitpark entsteht. Diese Angler verhalten sich – im besten Sinne – unkommerziell. Sie haben ihr Ding aufgebaut und leben in den Tag hinein“, so der Programmdirektor.

„Shadow Country“  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Tschechische Streifen finden sich aber auch in weiteren Kategorien des Festivals. So zum Beispiel in „Close Up WWII“, einer Sektion zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. Einer von zwei Beiträgen stammt vom auch in Deutschland bekannten Regisseur Bohdan Sláma. In „Krajína ve stínu“ oder „Shadow Country“ geht es um das tschechisch-deutsche Zusammenleben in einem südböhmischen Dorf von den 1930er bis in die 1950er Jahre. Nationalsozialismus, Judenverfolgung und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung, alles das spielt sich auch in dem Ort an der Grenze zu Österreich ab. Christina Frankenberg, stellvertretende Leiterin des Tschechischen Zentrums in Berlin, unterstützt das Team des Filmfestivals in Cottbus und hat den Streifen von Sláma gesehen:

„Er ist auch ein großes visuelles Erlebnis, weil er in sehr schönen Schwarz-Weiß-Bildern aufgenommen wurde. Und vor der Kamera agieren ziemlich beliebte tschechische Schauspieler. In Deutschland kennt man sie vielleicht nicht so sehr, aber in ihrer Heimat haben sie Rang und Namen.“

Aufbruchsstimmung und Ernüchterung

„When War Comes“  (Foto: HBO Europe)

Eine weitere Sektion gleich mit dreifacher tschechischer Beteiligung nennt sich „Von Frust und Freiheit“. Mit dabei ist zum einen die Horror-Musical-Komödie „Don Gio“ von 1992, und zum anderen sind es zwei neuere Streifen: „Das Kaufhaus“ von 2017 und die Doku „Až přijde válka“ beziehungsweise „When War Comes“ von 2018. Die Beiträge sollen die Entwicklung in der tschechischen und slowakischen Gesellschaft von der Aufbruchsstimmung nach der politischen Wende bis zur heutigen Ernüchterung zeigen.

„Man könnte sagen, dass ‚Don Gio‘ einerseits für das Thema ‚Freiheit‘ steht. Andererseits ahnt man schon, dass es nicht so einfach sein wird mit der Entwicklung in den folgenden Jahren. Die anderen beiden Filme verweisen dann eher auf den zweiten Pol – also auf Frustration und Unzufriedenheit. Dies kommt besonders im Dokumentarfilm heraus, der in der Slowakei spielt und paramilitärische Einheiten zum Thema hat. Regisseur Jan Gebrt porträtiert dabei den Anführer dieser Gruppen. Der Frust äußert sich in rechtsradikalem Gedankengut“, sagt Christina Frankenberg.

Illustrationsfoto: Free-Photos,  Pixabay / CC0

Während sich zudem in den Sektionen „Heimat“ und „Kids“ zwei weitere tschechische Filme finden lassen, hat es diesmal kein Streifen aus dem Nachbarland in den Wettbewerb geschafft. Das habe aber nicht an der mangelnden Qualität gelegen, erläutert Programmdirektor Bernd Buder:

„Wir hatten einige überzeugende tschechische Produktionen auf dem Schirm, aber es war noch zu früh. Das heißt, die Filme waren bereits abgedreht, teilweise auch schon postproduziert. Aber sie warten noch auf den Start bei einem großen A-Festival – also in Berlin, Cannes oder Karlovy Vary. Das hat aus unterschiedlichen Gründen noch nicht geklappt, unter anderem auch wegen Corona. Für uns war dies ein bisschen Pech. An zwei Filmen waren wir wirklich sehr interessiert, es gab aber kein großes A-Festival als Startpunkt. Damit schied die Option aus, sie bei uns zu zeigen. Das werden wir hoffentlich nächstes Jahr nachholen können.“

Illustrationsfoto: StockSnap,  Pixabay / CC0

Und dann vielleicht auch wieder im gewohnten Rahmen. Derzeit sind wegen der Corona-Pandemie in Deutschland noch die Kinos geschlossen. Das Cottbusser Filmfestival findet daher vom 8. bis 30. Dezember ausschließlich online statt...

„Deutschlandweit kann man sich die Filme im Streaming anschauen, auf ‚Video on Demand‘. Man braucht also einen Computer und eine gute Internetverbindung dazu. Dann geht man auf unsere Website www.filmfestivalcottbus.de. Im Programm lassen sich die Filme heraussuchen. Für 3.99 Euro kann man jeden Film buchen. Dazu muss man noch ein Konto anlegen, das ist aber nicht kompliziert“, erläutert Buder.

Keine Feier zum 30. Geburtstag

Frank-Walter Steinmeier  (Foto: Marc Müller / MSC,  Wikimedia Commons,  CC BY 3.0 DE)

Das Filmfestival Cottbus hätte dieses Jahr eigentlich seinen 30. Geburtstag gefeiert. Und es gäbe genügend Gründe, dies in ausgelassener Form zu tun. Schließlich hat zum Beispiel der damalige Bundesaußenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Veranstaltung geadelt. 2018 bezeichnete er Cottbus als das wichtigste Festival in Deutschland neben der Berlinale. Doch das Jubiläum lasse sich unter den gegebenen Umständen nicht in würdiger Form begehen, gesteht Bernd Buder.

„Das ist ein großer Wermutstropfen für uns: Es gibt keine Netzwerkveranstaltung, bei der sich Filmemacher treffen können. Wir bereiten einige Online-Panel-Diskussionen vor, und nach den Wettbewerbsfilmen wird es auch Gespräche geben. Wenn man also einen dieser Beiträge streamt, kann man vorm Monitor bleiben und noch das ‚Q and A‘ anschauen. Auch zum tschechischen Kino gibt es eine Diskussionsveranstaltung, unter anderem mit den beiden Regisseuren Petr Zelenka und Bohdan Sláma.“

Die 30-Jahresfeier hofft Bernd Buder übrigens im kommenden Jahr nachholen zu können. Er sei da verhalten zuversichtlich, sagte der Programmdirektor gegenüber Radio Prag International.

Autor: Till Janzer
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