Von der Wiege bis zur Bahre – deutsche Arbeiter in der Tschechoslowakei

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Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit und wird traditionell fast überall auf der Welt von den Arbeiterbewegungen gefeiert. Natürlich haben auch die deutschen Arbeiter in der Tschechoslowakei diesen Tag begangen. Wir wollen den Tag zum Anlass nehmen, um einmal einen Blick auf die deutsche Arbeiterbewegung in der Ersten Republik zu werfen. Sie bestand nämlich aus mehr als nur der Sozialdemokratischen Partei und formte das Alltagsleben der einfachen Arbeiter.

Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Heutzutage ist er ein Feiertag, den die Gewerkschaften zu einer traditionellen und ritualisierten Demonstration nutzen. Seinen Ursprung aber hat er in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg entsteht die Erste Tschechoslowakische Republik und, weil die Grenzgebiete dieses neuen Staates mit Deutschen besiedelt waren, gab es auch eine große deutsche Arbeiterbewegung. Ihre politische Vertretung waren die Sozialdemokraten, in der Tschechoslowakei DSAP (Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei) genannt. Thomas Oellermann ist Historiker am Collegium Bohemicum. Er arbeitet an einer Dissertation über Kultur der Arbeiterbewegung und sagt über die Bedeutung des 1. Mai:

Thomas Oellermann
„Das war wirklich ein wichtiger Termin im Kalender der Sozialdemokraten. Der Tag der Arbeit war eigentlich der Höhepunkt des Jahres.“

Aber anders als heute war es nicht einfach nur ein freier Tag, an dem die Menschen sich erholten.

„Es bedurfte einer großen Vorbereitung und Organisation und auch einer gewissen finanziellen Ausstattung. Es gab eigene Abgaben, die zur Durchführung des 1. Mais entrichtet werden mussten. Auch mussten Transporte organisiert werden, denn es gab immer wieder Zentren, wo diese 1.-Mai-Veranstaltungen stattfanden. Alle Arbeiter und Mitglieder der Sozialdemokraten wurden dann in verschiedenen Verkehrsmitteln dort hingebracht, um teilnehmen zu können.“

Veranstaltung in Chicago in 1886
Fahndet man nach dem Ursprung des 1. Mai, wird immer wieder das Jahr 1886 genannt. An diesem Tag riefen die amerikanischen Gewerkschaften einen Streik aus, um für die Arbeiter in den US-Betrieben einen Acht-Stunden-Tag durchzusetzen. Über 400.000 Arbeiter streikten, konnten aber das Ziel, den Acht-Stunden-Tag, nicht erreichen. Berühmtheit erlangte der Tag indes vor allem, weil eine Veranstaltung in Chicago außer Kontrolle geriet. Nach den Ausschreitungen wurden vier Arbeiterführer zum Tode verurteilt und gehenkt. Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen 1889 wurde dann der 1. Mai in Gedenken an die Opfer aus Chicago als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen. Im Laufe der folgenden Jahre entwickelt sich dieser Tag zu einem festen Datum im Kalender der Arbeiterbewegungen, der auch in der ersten Tschechoslowakei sehr ritualisiert begangen wurde:

1. Mai 1890 in Prag
„Der 1. Mai sah wie folgt aus: Man marschierte in verschiedenen Vereinen, Verbänden oder Organisationen auf. Die Partei, aber auch die Arbeitersportler, die Abstinenzler, die Freidenker, die Gewerkschaften und so weiter. Am Ende fand man sich dann auf einer Kundgebung wieder, auf der ein relativ prominenter Funktionär sprach.“

Arbeitersportler, Abstinenzler, Freidenker, Gewerkschaften: Alle Organisationen, die am 1. Mai marschierten, sind Teil eines Konzepts: Nämlich den Arbeitern in ihrem täglichen Leben eine Rundumbetreuung zu bieten. Ziel war dabei, eine möglichst homogene Gruppe zu schaffen, um für diese Rechte einzufordern und sie effektiv gegenüber anderen vertreten zu können. Oellermann skizziert die Idee der Arbeiterbewegung:

„Es gibt vier Säulen. Die erste ist die Partei, also das politische Organ. Die zweite Säule sind die Gewerkschaften, die im Arbeitsleben für die Rechte der Klassengenossen, für die Proletarier kämpfen. Die dritte Säule sind die Konsumgenossenschaften, mit dem Ziel, den unteren sozialen Schichten entsprechend preiswerte Produkte anzubieten. Und die vierte Säule sind so genannte Kultur und Freizeitorganisationen. Sie reichen vom Arbeitersport bis zum Freidenkertum.“

Am wichtigsten war der Sport, denn er war am attraktivsten. Die Arbeitersportvereine hatten auch die meisten Mitglieder. Die Deutschen Arbeiter konnten in Böhmen zwischen zwei Sportverbänden auswählen:

„Es gibt den Arbeiter-, Turn- und Sportverband und den Arbeiter-, Rad- und Kraftfahrerbund. Der Arbeiter Rad- und Kraftfahrerbund betreibt Radfahren in unterschiedlichen Formen: Hallenradsport, Rennsport und Ausflugsfahrten, während der Arbeiter Turn- und Sportverband alle anderen Sportarten betreibt. Dazu gehören hauptsächlich Turnen und Körperertüchtigung, später aber auch Fußball und weitere Mannschaftssportarten bis hin zu Tennis, Tischtennis und sogar Schach.“

Aber nicht nur Freizeitaktivitäten, sondern auch fortschrittliches Denken sollte gefördert werden:

„Die Freidenker hatten sich bewusst dem Atheismus verschrieben. Das bedeutet, dass sie die Kirche in ihrer weltlichen Form und zumeist auch die Religion in ihrer geistigen Form strikt ablehnten. Sie propagierten zum Beispiel, dass die Kinder den Religionsunterricht in den Schulen verlassen sollten und warben für eine Feuerbestattung, also für eine Absage an die religiöse kirchliche Bestattung auf dem Friedhof.“

Und auch wenn diese Verbände etwas skurril und sektiererisch wirken, sollten sie nicht unterschätzt werden, wie Thomas Oellermann versichert:

„Solche Bestrebungen wie etwa Freidenker oder Arbeiterabstinenzler, die die Abkehr vom Alkohol fordern, sind in den böhmischen Ländern relativ kleine Bewegungen. Diese Organisationen haben meist nur einige Tausend Mitglieder und sind nicht landesweit vertreten. Sie sind allerdings sehr aktiv, denn sie sind wirkliche Überzeugungstäter und entwickeln daher eine gewisse Dynamik.“

Wie aber sah der klassische Lebensweg eines Sozialdemokraten in der Ersten Tschechoslowakischen Republik aus? Oellermann zeichnet den Musterlebenslauf eines Kindes aus einer sozialdemokratischen Familie nach:

„Es beginnt mit einer Mitgliedschaft bei den Falken, bei der Kinderorganisation der Sozialdemokraten. Sie bietet Treffen und Ferienlager für die Kinder an. Es schließt sich die Mitgliedschaft bei der sozialistischen Jugend an, wo bereits ein viel größeres politisches Element hinzukommt. Weiter geht es dann mit der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft, weil die Mehrzahl dann ins Arbeitsleben übertrat. Gleichzeitig kam natürlich die Mitgliedschaft in der Partei hinzu. Zudem vielleicht auch schon seit Kinderjahren die Mitgliedschaft im Arbeitersport. Wenn die Eltern noch besondere Interessen oder Ziele hatten, war vielleicht noch die Mitgliedschaft bei den Freidenkern oder den Abstinenzlern obligatorisch.“

Konrad Henlein
Eines der Ergebnisse der Forschungen des Historikers ist, dass genau diese starke organisatorische Einbindung der Menschen zu einer geringeren Anfälligkeit für die Parolen der Nationalisten um Konrad Henlein führte – auch wenn dies nur für den harten Kern von Sozialdemokraten galt. Beim Kampf gegen die Sudetendeutsche Partei Henleins in den 1930er Jahren erlangten die Feiern zum ersten Mai eine besondere Bedeutung:

„In dieser Zeit beginnt eine starke Kooperation aller demokratischen Kräfte über alle Sprachgrenzen hinweg. Ab Mitte der 1930er Jahre werden oft 1.-Mai-Kundgebungen und Aufmärsche von tschechischen Sozialdemokraten gemeinsam mit deutschen Sozialdemokraten durchgeführt.“

Aber die starke Einbindung der Arbeiter in dieses dichte Netz an Freizeit-, Politik- und Kulturorganisationen hatte auch Nachteile:

Klassenkampf gelöst
„Dadurch, dass ein derart starkes Netz gespannt wurde, dass man sich also unter den Seinen fühlte, schottete man sich natürlich auch von den Anderen ab. Es ist wirklich fraglich, ob diese Arbeiterbewegung, die ja immer den Anspruch hatte, alle Klassengenossen zu vereinigen, das ab einem gewissen Punkt noch umsetzen konnte. Die Bewegung hatte sich inzwischen so stark in den eigenen Zielen und Vorstellungen verfestigt, dass sie nicht mehr offen war für andere Schichten, für andere Themen und andere Zusammenhänge.“

Die Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei fand 1938 ihr jähes Ende: nach dem Anschluss der Grenzgebiete an Deutschland. Die sozialdemokratischen Vereine und Verbände wurden verboten, viele Sozialdemokraten flohen ins Exil, wurden in Konzentrationslager verschleppt oder hielten sich bedeckt, um nicht verfolgt zu werden. Die Führung der Partei versuchte im Exil mit der tschechoslowakischen Exilregierung um Präsident Beneš zusammenzuarbeiten, zerstritt sich aber mit diesem über die Frage der Aussiedlung der Deutschen nach dem Krieg. Und trotzdem kämpften viele deutsche Sozialdemokraten in der tschechoslowakischen Auslandsarmee.