Wegbereiter der Moderne: Adolf-Loos-Jahr startet

Haus Semler in Pilsen (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen)

Der Wegbereiter der architektonischen Avantgarde, Adolf Loos, wurde am 10. Dezember 1870 in Brno / Brünn geboren. Anlässlich des bevorstehenden 150. Geburtstags des Architekten haben Vertreter von mehreren tschechischen Museen am vergangenen Montag feierlich das Adolf-Loos-Jahr eröffnet

Adolf Loos (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)
Adolf Loos pendelte sein ganzes Leben lang zwischen Wien, Paris und New York. Der starke Gegner des Jugendstils bemühte sich, eine praktische, zweckmäßige Wohnarchitektur durchzusetzen. Ornamentale und andere Verzierungen hielt er für überflüssig. In Tschechien gibt es mehr als 30 Gebäude und Wohnungen, an deren Gestaltung er beteiligt war. Zu seinen bekanntesten Werken gehört die Prager Villa Müller, die er 1930 für den Bauunternehmer František Müller bauen ließ. Das Haus wurde nach einer Renovierung im Jahre 2000 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In unmittelbarer Nähe der Villa richtete das Prager Stadtmuseum ein Dokumentationszentrum ein. Dort wurde diese Woche das Adolf-Loos-Jahr eröffnet. Naděžda Goryczková leitet das staatliche Denkmalschutzamt:

„Adolf Loos ist eine große Persönlichkeit der Architektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Alle Bauten, die er auf dem heutigen Gebiet Tschechiens entwarf, wurden zu Kulturdenkmälern erhoben und stehen natürlich unter Denkmalschutz. Ein Beispiel ist die Villa Müller. Das renovierte Haus wurde 2001 mit dem prestigeträchtigen Preis ,Europa Nostra Award‘ ausgezeichnet. Die Arbeit der Restauratoren und Denkmalschutzexperten wurde damit auf internationaler Ebene gewürdigt.“

Villa Stiassni (Foto: Ondraness, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
In Brünn, der Geburtsstadt von Adolf Loos, betreibt das staatliche Denkmalschutzamt ein Zentrum für moderne Architektur. Dieses befindet sich in der Villa Stiassni. Dort wird in der Zusammenarbeit mit der Universität Tokio eine Ausstellung über die Nachfolger von Adolf Loos eröffnet. Zudem werden 13 Modelle der bekanntesten Bauten des Architekten gezeigt. Dazu gehören das Pariser Haus des Schriftstellers Tristan Tzara, die Wiener Villen Steiner, Rufer und Moller und das Haus für das Bekleidungsunternehmen Goldman & Salatsch in Wien.

Holzhaus wartet auf Realisierung

Prager Villa Müller (Foto: Martina Schneibergová)
An den Arbeiten in der Prager Villa Müller hat sich vor mehr als 20 Jahren auch Karel Ksandr beteiligt. Er leitet heutzutage das Nationale Technikmuseum in Prag. Ksandr stellte während der Eröffnung des Adolf-Loos-Jahres ein kleines Modell vor. Es handelt sich um das letzte nicht mehr verwirklichte Projekt des renommierten Architekten.

„Der Entwurf wartet immer noch auf seine Realisierung. Es handelt sich um einen Holzbau. Der Bauunternehmer František Müller dachte daran, das Haus für seine Tochter erbauen zu lassen. Ich hoffe, dass es uns im Frühjahr gelingt, das Haus auf dem Grundstück des Technikmuseums zu errichten, um der Öffentlichkeit das letzte Haus von Adolf Loos vorstellen zu können.“

Die Prager Villa Müller wird vom Stadtmuseum verwaltet. Maria Szadkowska leitet das Zentrum für moderne Architektur, das nahe der Villa entstanden ist.

Maria Szadkowska (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Seit 20 Jahren bemühen wir uns darum, auf die Projekte von Adolf Loos in den Böhmischen Ländern aufmerksam zu machen und diese im Kontext seines Gesamtwerks vorzustellen. Neben schriftlichen Dokumenten wird in unserem Zentrum auch eine Sammlung von Audioaufnahmen aufbewahrt. Ende der 1990er Jahren hatten wir noch die Möglichkeit, Gespräche mit mehreren Zeitzeugen aufzuzeichnen. Es handelte sich um Menschen, die in der Nachbarschaft der Villa Müller wohnten und die Familie Müller gekannt haben. Von ihnen bekamen wir wertvolle Informationen, die uns bei der Gestaltung der Dauerausstellung und bei der Zusammenstellung von Büchern über die Villa halfen.“

Haus Brummel in Pilsen (Foto: Offizielle Webseite Pilsen 2015)
Für das Zeitzeugenprojekt „Paměť národa“ werden derzeit Erinnerungen von Michal Brummel aufgezeichnet. Er ist Besitzer des Hauses Brummel in Pilsen, dessen Interieur Adolf Loos Ende der 1920er Jahre entworfen hat. Das Haus ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Brummel bemüht sich seit 20 Jahren das Haus entsprechend in Schuss zu bringen.

Spuren von Loos in Mähren

Im heutigen Tschechien wurde eine Reihe von Adolf Loos‘ Entwürfen tatsächlich umgesetzt. Zweimal war der Architekt in Pilsen tätig: in den Jahren 1907 und 1908 sowie in den Jahren 1928 bis 1933. In den Jahren 1914 bis 1932 wurden einige seiner Projekte in Brünn und in Prag verwirklicht. 1911 trat Loos zum ersten Mal öffentlich in der böhmischen Hauptstadt auf. Im Polytechnischen Verein der Technischen Hochschule hielt er damals den Vortrag „Ornament und Verbrechen“. 1923 besuchte Loos in Brünn den Schriftsteller Bohumil Markalous. Er war Mitbegründer des Magazins „Bytová kultura“ (Wohnkultur), in dem nachfolgend die ersten systematischen Informationen über die Arbeit von Loos in tschechischer Sprache veröffentlicht wurden. In Brünn lernte Loos auch den Architekten Jan Vaněk kennen. Markalous und Vaněk machten die tschechische Öffentlichkeit mit der Arbeit von Adolf Loos bekannt. Den Höhepunkt ihrer Bemühungen stellte ein Zyklus von Vorträgen Mitte der 1920er Jahre dar. Unter den Rednern waren damals auch Walter Gropius und Le Corbusier.

Pavel Ciprian (Foto: Barbora Kmentová)
In der Stadt Brünn wird in diesem Jahr mit mehreren Veranstaltungen an Adolf Loos erinnert. Dazu der Leiter des Brünner Stadtmuseums, Pavel Ciprian:

„Wir stellen eine Ausstellung zusammen, die den Titel ‚Der Europäer Adolf Loos: nicht nur die Brünner Spuren des Architekten‘ trägt. Ihr Ziel ist es, die Arbeiten von Loos in Brünn und in Mähren sowie seine Brünner Wurzeln vorzustellen. Wir möchten daran erinnern, dass der Vater des Architekten, Adolf Loos der Ältere, ein Steinmetz- und Bildhaueratelier in Brünn hatte. Seine Werke schmücken bis heute zahlreiche öffentliche Gebäude in der Stadt. Zudem wollen wir das Buch ,On, Adolf Loos‘ (Er, Adolf Loos) herausgeben, das das Tagebuch und die Notizen von Bořivoj Kriegerbeck enthält, der Mitarbeiter von Loos war. Es ist nicht so lange her, seit das Tagebuch gefunden wurde.“

In Brünn und Umgebung werden Ciprian zufolge Wanderungen und Ausflüge auf den Spuren von Loos organisiert. Besucht werden beispielsweise die Orte Hrušovany u Brna / Rohrbach und Nedvědice.

Pilsner Wohnungen

Haus Semler in Pilsen (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen)
Die meisten Projekte verwirklichte Adolf Loos aber in Pilsen. Er habe insgesamt 13 Aufträge in der Stadt bekommen, erläutert Karel Zoch. Er ist im Magistrat der westböhmischen Großstadt für den Denkmalschutz verantwortlich.

„Acht der Objekte sind erhalten, drei davon wurden sehr sorgfältig renoviert. Sie sind für die Öffentlichkeit geöffnet. Die anderen Baudenkmäler werden erst in Stand gesetzt. In diesem Jahr werden auch Führungen durch zwei der noch baufälligen Gebäude angeboten, und zwar durch das Haus Semler in der Straße Klatovská Nr. 19 und eines Appartements in der Plachého Nr. 6. In einer Open-Air-Ausstellung werden Fotografien der von Loos entworfenen Wohnungen aus der Zeit gezeigt, als die Gestaltung der Räumlichkeiten beendet wurde.“

Karel Zoch (Foto: Zdeňka Kuchyňová)
Im Rathaus wird zudem eine Ausstellung zu sehen sein über das Schicksal der Interieurs von Loos seit 1945 bis in die Gegenwart. Während des Kommunismus wurden die wertvollen Räumlichkeiten oft zu kuriosen Zwecken benutzt. Sie wurden in Turnsäle, Arztpraxen sowie Fotoateliers umgewandelt. Große Wohnungen wurden sogar in fünf kleinere Wohnungen geteilt. Die Räumlichkeiten wurden stark beschädigt, die Möbel gestohlen. Die Stadt Pilsen wolle in diesem Jahr auch an Persönlichkeiten erinnern, die sich um die Rettung der Baudenkmäler verdient gemacht haben, so Karel Zoch.

„Die Kunsthistorikerin Věra Běhalová wurde 1952 in einem politischen Prozess zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. In den 1960er Jahren arbeitete sie beim Denkmalschutz in Pilsen. Ihr gelang es, die von Loos entworfenen Wohnungen zu dokumentieren. 1968 emigrierte sie nach Wien, wo sie ihre Forschungsarbeit fortsetzte. Ihren Mut und Verdienste wollen wir würdigen.“

Die Kunsthistorikerin Věra Běhalová veröffentlichte 1970 in Wien einen Artikel über die Pilsner Wohnungen von Adolf Loos, in dem sie die Interieurs der Welt vorstellte. Die Kunsthistorikerin starb 2010 in Wien.