Zwei Meinungslager: Neue Datenanalyse des Tschechischen Rundfunks zu 20 Jahren EU-Mitgliedschaft

In diesem Jahr ist es 20 Jahre her, dass Tschechien der Europäischen Union beigetreten ist. Aus diesem Anlass hat der Tschechische Rundfunk ein breit angelegtes Umfrageprojekt gestartet. Es trägt den Namen „Rozděleni Evropou“ (Geteilt durch Europa).

Die Europäische Union ist eines jener Themen, über die sich die Menschen in Tschechien uneinig sind. Dies ist nichts Neues, wird aber mit aktuellen Umfrageergebnissen einmal mehr bestätigt. Das Meinungsforschungsinstitut Stem hat dafür im Auftrag des Tschechischen Rundfunks im November vergangenen Jahres mehr als 2000 Wahlberechtigte befragt. Martin Kratochvíl ist Analytiker bei Stem:

„Für die Tschechen ist die EU allgemein nicht die wichtigste Trennlinie. Aber ihre Rolle hat sich nach dem Beitritt Tschechiens deutlich verstärkt. Sie hat für die Menschen hierzulande nicht unbedingt einen direkten Mehrwert, sondern eher eine hohe symbolische Bedeutung.“

Das Meinungsspektrum zum Thema EU ließe sich mit zwei starken Lagern darstellen, fährt Kratochvíl fort:

„In reinen Zahlen ausgedrückt gehören etwa 40 Prozent der Menschen zu jenen, die der EU zugeneigt sind und sie positiv sehen. Weitere 40 Prozent stehen ihr sehr reserviert bis feindselig gegenüber. Und dazwischen sind 20 Prozent, die nicht allzu viel mit der EU in Kontakt kommen und deswegen keine ausgeprägte Meinung haben.“

Letztere werden im Projekt „Rozděleni Evropou“ als die „Unsicheren“ bezeichnet. Aber auch die beiden großen Meinungslager seien von den Soziologen noch einmal genauer unterteilt worden, erläutert Martin Samek. Er ist Chefredakteur von iRozhlas.cz, dem Nachrichtenportal des Tschechischen Rundfunks:

Chefredakteur von iROZHLAS.cz Martin Samek | Foto: Zuzana Jarolímková,  Tschechischer Rundfunk

„Die hauptsächliche Erkenntnis ist, dass die tschechische Gesellschaft in sechs Gruppen aufgeteilt werden kann. Den einen Pol bilden die größten Anhänger der EU, die wir ‚Eurobegeisterte‘ nennen. Auf der anderen Seite stehen die größten Kritiker, die wir ‚überzeugte Gegner‘ nennen. Dazwischen bewegen sich die vier anderen Gruppen. Interessant ist, dass sich laut der Umfrage 74 Prozent der Menschen als Europäer fühlen, aber nur 45 Prozent zufrieden sind mit Tschechiens Mitgliedschaft in der EU.“

Außer mit Stem arbeitet der Tschechische Rundfunk für das Projekt noch mit dem Zentrum für Meinungsforschung (CVVM) der tschechischen Akademie der Wissenschaften zusammen sowie mit Soziologen von PAQ Research. Am Montag wurden der erste Artikel und verschiedene Grafiken auf iRozhlas.cz veröffentlicht. In den kommenden Wochen folgen laut Samek weitere Zahlen, Interviews und Reportagen.

Grafik: STEM pro Český rozhlas

Die Ursachen für das gespaltene Meinungsspektrum in Tschechien könnten zum einen in den unterschiedlichen Altersgruppen gefunden werden, sagt der Chefredakteur. Zum anderen aber auch in der sozioökonomischen Lage der Menschen:

„Dabei kommt der Filter ‚Verlierer‘ und ‚Gewinner‘ zur Geltung. Wem es gut geht, der betrachtet die EU mit hoher Wahrscheinlichkeit als Symbol eines zufriedenen Lebens, und er stimmt der Zugehörigkeit zum Westen zu. Wem es nicht gut geht, der schreibt Brüssel sehr wahrscheinlich die Enttäuschung über die Entwicklung seit 1989 und den Misserfolg zu.“

Die Nachwirkungen der Wende seien also immer noch zu spüren, so Samek, ebenso wie andere große Ereignisse der letzten Jahre:

„Im Referendum zum EU-Beitritt 2003 stimmten noch über 77 Prozent der Menschen in Tschechien dafür. Jetzt wären es den Erkenntnissen von Stem zufolge nur noch 58 Prozent. Aber etwa 2015, zur Zeit der Migrationskrise, sprachen sich nur 42 Prozent der Befragten für einen Verbleib in der EU aus.“

Ähnlich hätten auch Einschnitte wie die Euro-Krise, die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine Einfluss auf die Zufriedenheit mit der EU-Mitgliedschaft, ergänzt Samek. Aus der neuen Studie geht zudem hervor, dass in Tschechien das Vertrauen in die EU traditionell größer ist als das in die eigenen staatlichen Institutionen wie die Regierung oder die beiden Parlamentskammern. Einen höheren Zustimmungswert als die EU erreicht jedoch die Nato-Mitgliedschaft. Er liegt derzeit bei mehr als 50 Prozent.

Das Projekt „Rozděleni Evropou“ bietet auch die Möglichkeit zu testen, zu welcher der sechs Gruppen man selbst gehört. Auf iRozhlas.cz gibt es dazu einen kurzen Fragebogen, in dem etwa die Zustimmung zur Einführung des Euro oder auch die Meinung zur Entwicklung seit 1989 abgefragt wird.

Autor: Daniela Honigmann | Quelle: Český rozhlas Plus
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