Zwischen Prag und Hollywood: Filmregisseur Miloš Forman wird 85

Miloš Forman (Foto: Tomáš Adamec, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Als Vorreiter der Neuen Welle des tschechoslowakischen Films machte er in den 1960er Jahren erstmals international auf sich aufmerksam. Später schaffte er auch den Durchbruch in seiner Wahlheimat USA, der mit zwei Oscars und vielen weiteren Filmpreisen gekrönt wurde. Miloš Forman wird an diesem Samstag 85 Jahre alt.

„Schwarzer Peter“
„Ahoj“ ist das tschechische „Hallo“. Diese Szene ist eine der berühmtesten hierzulande aus Formans Filmen. Sie spielt bei einem Tanztee und entstammt dem Streifen „Schwarzer Peter“. Den Film hat Miloš Forman im Jahr 1963 mit vielen Laien-Darstellern gedreht. Es geht um das Leben eines sechszehnjährigen Lehrlings und den Generationenstreit, gezeigt wird die authentische Atmosphäre in einer Kleinstadt der 1960er Jahre in der Tschechoslowakei. Der Streifen brachte dem Regisseur den Preis des internationalen Filmfestivals von Locarno ein. Der Filmhistoriker Věroslav Hába charakterisiert Formans damalige Methode:

„Forman war immer fasziniert vom Alltagsleben, vom Leben auf der Straße. Die Filme, die er in der Tschechoslowakei gedreht hat, entsprechen dem Stil Cinéma verité (Kino der Wahrheit, Anm. d. Red.). Zwar hat er auch ein Faible für Grotesken sowie Dokumentarfilme bekundet, weil beide Genres sehr rau sind. Letztlich fand Forman Dokumentationen zu wenig lebendig: Er wollte nicht nur die Kamera aufstellen und etwas aufzeichnen. Ihn interessierte die Story. Daraus hat sich bei ihm ein eigener, einzigartiger Stil entwickelt.“

Fasziniert vom Alltagsleben

„Der Feuerwehrball“ (Foto: Filmstudios Barrandov / Jaromír Komárek)
Nach dem „Schwarzen Peter“ folgten „Die Liebe einer Blondine“ und „Der Feuerwehrball“. Auf den Stoff für die letztgenannte Gesellschaftssatire sei er durch Zufall gestoßen, hat Forman einmal gegenüber dem Tschechischen Rundfunk erzählt. Er und seine Mitarbeiter, Jaroslav Papoušek und Ivan Passer, fuhren ins Riesengebirge, um dort gemeinsam an einem Drehbuch zu arbeiten. Doch die zündende Idee sei nicht gekommen:

„Einmal wollten wir uns davon erholen. Wir sind auf einen Feuerwehrball in Vrchlabí / Hohenelbe gegangen. Und das war wie ein Traum. Ab dem nächsten Tag haben wir von nichts anderem mehr gesprochen als von diesem Ball. Uns wurde klar, dass wir das Drehbuch für einen Film über Feuerwehrleute beisammen haben.“



Carlo Ponti (Foto: Public Domain)
Finanziert wurde der Film zunächst vom bekannten italienischen Filmproduzenten Carlo Ponti. Dem gefiel aber das Ergebnis überhaupt nicht, und letztlich musste der tschechoslowakische Staat die Rechte an dem Film im Ausland weiterverkaufen. Filmhistoriker Věroslav Hába:

„Bemerkenswert ist, dass Carlo Ponti dieselben Argumente gegen den Film vorbrachte wie die tschechoslowakische Zensur. Er äußerte sich in dem Sinne, dass Forman den einfachen Menschen verspotte. Das war aber nie Formans Ziel gewesen, sondern er wollte auf Besonderheiten beziehungsweise Schemata im menschlichen Alltag verweisen. Interessant ist also, dass sich die Zensoren kommunistischer Ideologie und der Produzent aus dem Westen in der Kritik einig waren.“

„Der Feuerwehrball“ wurde in der Tschechoslowakei sofort verboten. Forman durfte allerdings zu einer Arbeitsreise nach Frankreich und Amerika aufbrechen. August 1968 erreichte ihn in Paris dann die Nachricht über den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Deswegen kehrte der Filmregisseur nicht mehr in seine Heimat zurück, er ging ins Exil in die USA. 1971 vollendete er sein erstes Hollywood-Projekt, die Generationen-Satire „Taking Off“. Der Film brachte ihm zwar beim Festival in Cannes den Preis der Jury, an den Kinokassen floppte er jedoch. Miloš Forman:

'Taking-Off' (Foto: Universal Pictures)
„Ich war so frech, den ersten Film in den USA so zu machen, wie ich das in meiner Heimat gelernt hatte. Das war auch die einzige Methode, die ich beherrschte. In der Tschechoslowakei war eine freie Struktur in Mode, man improvisierte, der Film hatte kein Ende, er hörte einfach irgendwann auf. Aber die Mentalität dort war anders: Das amerikanische Publikum wollte wissen, wer der gute Held und wer der Bösewicht ist.“

Es sei auch kaum möglich gewesen, Filme in einer für ihn fremden Sprache so zu drehen, wie er es zuvor in seiner Heimat gemacht habe:

„Wenn man in eine Kneipe kommt und nicht jedes Wort versteht, hat man kein Recht, solche Filme wie den ‚Feuerwehrball‘ zu drehen. Ich habe daher bewusst Bücher und Theaterstücke verfilmt, die von englischsprachigen Autoren geschrieben wurden.“

Einer flog über das Kuckucksnest, Amadeus, Larry Flint

‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ (Foto: United Artists)
Auf den erhofften Erfolg wartete er bis 1976. Dann hielt Miloš Forman seine erste Oscar-Statue in der Hand. Amerika sei immer noch ein wunderbares, gastfreundliches und offenes Land, bedankte sich der Regisseur damals bei der Preisverleihung. Sein Psychodrama „Einer flog über das Kuckucksnest“ gewann fünf Oscars. Der Filmhistoriker Věroslav Hába bezeichnet den Film als eine der drei wichtigsten amerikanischen Produktionen Formans:

„‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ steht weit oben im Ranking der wichtigsten US-amerikanischen Filme. In diese Liste werden jedes Jahr 25 weitere Filme aufgenommen. Das ist eine sehr prestigeträchtige Sache. Dass Formans Film auf dieser Liste steht, halte ich für sehr bedeutsam.“

Mit der Mozart-Biografie „Amadeus“ bestätigte Forman 1984 seinen Erfolg in Hollywood. Der Film gewann acht Oscars. Věroslav Hába:

‚Amadeus‘ (Foto: Warner Bros)
„‚Amadeus‘ ist ein sehr interessanter Film, schon weil er in amerikanischer Art entstanden ist, aber in Tschechien gedreht wurde. Darin wird auf sehr interessante Weise mit historischer Authentizität umgegangen, mit der Filmstory, mit dem Aufbau der dramatischen Linie und mit den Fakten. Wobei allerdings viele Rezensenten kritisiert haben, der Film halte sich nur wenig an die wahre Geschichte. Doch er bekam noch mehr Oscars als ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘.“

Laut dem Filmhistoriker gehört zu Formans besten drei amerikanischen Filmen noch „Larry Flint“ von 1996. „Larry Flint – Die nackte Wahrheit“ ist die Erfolgsstory des Verlegers, der das Pornoblatt „Hustler“ herausgebracht hat. Der Streifen löste eine heftige Diskussion aus um Larry Flints Rolle als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit. Der Filmhistoriker Hába:

„Der Film ist sehr kontrovers, sehr provokativ. Man muss mit Formans Aussage, mit der Zeichnung der Titelfigur nicht einverstanden sein. Es ist aber ein sehr mutiges Anliegen, die Meinungsfreiheit auf so provokative Weise zu erörtern, indem nur die technische Seite der Frage und nicht die emotionale oder die ethische Dimension reflektiert werden.“

Insgesamt findet der Filmhistoriker, dass Miloš Forman in der amerikanischen Methode des „Storytelling“ sein Metier gefunden habe:

Starke Hauptfigur, eindeutiges Ende

„Forman ist sich dessen wohl bewusst, dass der Film ein eindeutiges Ende haben sollte. Es muss nicht direkt ein Happyend sein, das Ende muss aber in einer Katharsis münden, wie etwa in ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘, wo die Hauptfigur die Freiheit erlangt. Die Hauptfigur ist für Forman sehr wichtig: In den meisten Fällen handelt es sich um Menschen, die sich gegen das System auflehnen. Darin ist Forman aber in seiner früheren, tschechoslowakischen Phase schon geprägt worden.“

„Goyas Geister“
In den USA hat Forman auch noch weitere Streifen gedreht wie etwa „Valmont“, „Der Mondmann“ und „Goyas Geister“. Im Jahr 2007 kehrte Forman wegen eines ungewöhnlichen Projekts in seine Heimat zurück. Er inszenierte die Jazz-Oper „Ein gut bezahlter Spaziergang“ im Prager Nationaltheater. Damals sagte Forman, einen Film zu drehen sei viel einfacher als Theaterregie zu führen:

„Wenn wir einen Film drehen und die Aufnahmen nicht gut sind, dann drehen wir einfach immer wieder, bis alles in Ordnung ist und wir es im Kasten haben. Hier im Theater muss man zehn oder mehr Stunden voll konzentriert sein. An einem Tag ist das Resultat gut. Am nächsten Tag fängt man wieder an zu proben, und alles sieht anders aus. Man startet noch einmal von neuem.“

Miloš Forman (Foto: Tomáš Adamec, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die Oper inszenierte Forman gemeinsam mit seinen Zwillingssöhnen Petr und Matěj:

„Ich sage Ihnen, und ich meine es aufrichtig: Es ist einer der glücklichsten Momente meiner Karriere, mit meinen Söhnen zusammenzuarbeiten.“

Sein bisher letztes Regiewerk war ein Dokumentarfilm genau über diese gemeinsame Arbeit. Ansonsten lebt der tschechisch-amerikanische Filmregisseur in seiner Wahlheimat Connecticut. Am 18. Februar feiert er seinen 85. Geburtstag.