Corona-Krise: Projekt widmet sich zunehmender häuslicher Gewalt

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Schulschließungen, Einschränkungen für Sportvereine, Kontaktsperre, Quarantäne. In der Corona-Krise zu Hause bleiben zu müssen, bedeutet für viele Kinder Langeweile. Einige sind allerdings den Aggressionen der Eltern oder anderer Familienmitglieder ausgesetzt. Lehrer, Politiker und soziale Einrichtungen werden in Pandemie-Zeiten vermehrt mit dem Thema häusliche Gewalt konfrontiert.

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Während der allgemeinen Ausgangssperre in der ersten Welle der Corona-Krise wurden schnell warnende Stimmen laut: Es könnte vermehrt zu häuslicher Gewalt kommen. Tatsächlich beziffert eine wissenschaftliche Studie den Anstieg in Tschechien mit 30 Prozent. Die Autoren des Soziologischen Instituts bei der Akademie der Wissenschaften und der Fakultät für humanistische Studien der Karlsuniversität weisen darauf hin, dass Kinder häufig Opfer von physischen Übergriffen in der eigenen Familie sind.

Das Centrum Locika im Prager Stadtteil Holešovice ist eine Anlaufstelle nicht nur für die Betroffenen. Auch Menschen, die Anzeichen von häuslicher Gewalt bei Kindern wahrnehmen, können sich an das dortige Team wenden. Petra Wünschová ist die Leiterin der Einrichtung:

Petra Wünschová (Foto: Archiv von Centrum Locika)

„Wenn ein Lehrer und jemand anderes bemerkt, dass in einer Familie etwas nicht in Ordnung ist, und nicht weiß, wie er sich verhalten soll, kann er uns anonym anrufen. Man kann sich aber auch persönlich bei uns beraten lassen und das ebenfalls anonym. Eventuell hilft es auch, unsere Angebote weiterzuempfehlen, zum Beispiel einem Elternteil, das diese Gewalt ausübt oder auch erlebt. Oder eben dem Kind, das sich wiederum bei uns melden kann, etwa per E-Mail, Telefon und Chat, oder eben anonym das Centrum Locika besuchen kann.“

Um auf die zunehmenden Fälle von häuslicher Gewalt besser reagieren zu können, wurde im Centrum Locika das Projekt „Dětství bez násilí“ (Kindheit ohne Gewalt) gestartet. Es bietet unter anderem einen Kurs an, der den Teilnehmern helfen soll, Hinweise auf Übergriffe besser zu erkennen. Daniel Pražák ist Lehrer an einer Grundschule in Holešovice und hat einen solchen Kurs bereits absolviert:

„Mir hat der Kurs sehr dabei geholfen, problematisches Verhalten bei Kindern in der Klasse besser einzuordnen und die Signale anders zu lesen. Ich kann herausfinden, ob die Aggression im Klassenraum nicht vielleicht eine Reaktion auf Aggressionen in der Familie ist.“

Hana Šišková (Foto: Archiv PRAHA SOBĚ)

Hana Šišková ist im Rathaus von Prag-Holešovice für den Schulbereich zuständig. Sie ist froh über das neue Weiterbildungsangebot, das nach ihren Angaben schon über 160 Pädagogen wahrgenommen haben:

„Wir bekommen sehr positive Rückmeldungen. Der Kurs hilft dabei, über diese Dinge erstmal nachzudenken und zu überlegen, wie den Familien und Kindern geholfen werden kann. Die Lehrer befreien sich von Bedenken, jemandem zu nahe zu treten, wenn das Thema angesprochen wird. Es ist eine echte Unterstützung für die Bildungsarbeit und die Pädagogen, damit sie den Familien und Kindern auch wirklich helfen können.“

Das Centrum Locika weist schon seit längerem darauf hin, dass es in Tschechien immer noch kein einheitliches System zur Erfassung gefährdeter Kinder gibt. Damit fehlen auch relevante Daten zum Thema Kinder und häusliche Gewalt. Die Prager Einrichtung selbst veröffentlicht alljährlich eine Analyse ihrer Arbeit, die in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für Arbeit und Sozialhilfe entsteht.

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Laut dem Locika-Bericht des vergangenen Jahres wird jedes vierte Kind in gewalttätige Familienverhältnisse hineingeboren. Die Hälfte von ihnen erlebt physische Übergriffe bereits in den ersten beiden Lebensjahren.

Erst wenn sich ein Gewaltopfer an eine Vertrauensperson oder eine Einrichtung wie das Centrum Locika wendet, können die zuständigen Behörden auf das Problem reagieren. Aber auch dann sind ihre Möglichkeiten immer noch eingeschränkt. Aneta Chmátalová von der Abteilung für den sozial-rechtlichen Schutz für Kinder im Rathaus Holešovice fordert, dass bei bekannt werdenden Fällen auch Ärzte hinzugezogen werden. Sie sollten nicht nur die physischen, sondern auch die psychischen Folgen häuslicher Gewalt dokumentieren.

„Zu uns gelangt zwar der Hinweis, dass irgendwo etwas vor sich geht. Aber ohne konkrete Fakten haben wir keine Möglichkeiten, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen.“

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Die Corona-Krise verschlimmere die Situation der Opfer noch zusätzlich, so Chmátalová:

„Das Opfer kommt einfach nicht raus und hat niemanden, mit dem es darüber reden kann. Aber auch die professionelle Hilfe kann es nicht anfordern, es kann ja nicht in Anwesenheit seines Aggressors einfach anrufen. Es ist nicht möglich, sich einfach nur auszusprechen und auf diese Weise Rückhalt zu bekommen. Ganz zu schweigen davon, das Zuhause zu verlassen.“

Für Pavla Wünschová vom Centrum Locika ist ein wichtiges Ziel von „Kindheit ohne Gewalt“, häusliche Übergriffe nicht mehr als Privatsache der jeweiligen Familie anzusehen. Der Weiterbildungskurs soll nun auch vermehrt Pädagogen aus Kindergärten angeboten werden.