Die Jazz-Stadt mit noblen Sommerresidenzen: Černošice

Villa von Jan Kotěra (Foto: Autorin)

Es war schon immer ein beliebtes Ausflugziel der Prager: das Städtchen am linken Ufer des Flusses Berounka. Namhafte Industrielle und Künstler haben dort vor allem in der Zeit der Ersten Republik ihre Sommerresidenzen. Černošice lockt auch heute Prager an: beim Spaziergang durch die Villenstadt kann man gleich mehrere Baustile kennen lernen. Und nicht zuletzt ist die Stadt ein geeigneter Ausgangspunkt für Wanderungen durch das nahe gelegene Naturschutzgebiet des Böhmischen Karstes.

Berounka (Foto: Autorin)
Das heutige Černošice besteht aus zwei ursprünglich selbständigen Gemeinden – Horní Černošice und Dolní Mokropsy, die 1950 zu einer Stadt zusammengeschlossen wurden. Horní Černošice erstreckt sich auf den Hängen über dem Fluss Berounka. Dort befinden sich auch die meisten architektonischen Sehenswürdigkeiten des Ortes einschließlich der Mariä Himmelfahrtskirche. Der Sakralbau wurde bereits in historischen Dokumenten aus dem 14. Jahrhundert erwähnt. Später, vor allem im 18. Jahrhundert, wurde die Kirche umgebaut, sodass es heutzutage schwierig ist, zu sagen, in welchem Baustil sie errichtet wurde.

St.Wenzel Kappelle in Črnošice (Foto: Autorin)
Auf den ersten Blick sieht Černošice eher wie das Villenviertel einer Großstadt und nicht wie eine selbständige Stadt aus, denn seit mehr als 100 Jahren zieht es vor allem die reichen Prager in das Tal, die hier ihre Sommersitze bauen lassen. Pavel Blaženín ist im Rathaus von Černošice für Kulturaktivitäten zuständig. Die Stadt habe die Leute aus mehreren Gründen schon immer angezogen, meint er:

„Am Fluss Berounka hatte man immer mehrere Bademöglichkeiten, man konnte durch die hiesigen Wälder schön wandern. Immer gab es hier viele Gaststätten, in einigen davon gab es Tanzsäle, und es wurde dort auch manchmal Theater gespielt.“

Wann begann man hier die Sommerresidenzen zu bauen?

„Die ersten Villen wurden hier schon Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Nachdem die Bahn zwischen Prag und Pilsen beziehungsweise Nürnberg eröffnet worden war, war Černošice auf einmal sehr einfach zu erreichen. Das war 1862, der zweite Gleis folgte 1912.“

Gab es in der Stadt damals Industrie?

„Nein, gar nicht. Bis heute gibt es hier keine Industrie. Früher waren hier nur einige Ziegelfabriken in Betrieb, die Produktion war aber nur für die hiesigen Bewohner oder Leute, die hier gebaut haben, bestimmt. Černošice hieß früher nur dieser Urlaubsort, der Luftkurort war. In seiner Nachbarschaft befand sich das Dorf Namens Dolní Mokropsy. Die dortigen Bewohner haben für die verschiedensten Dienstleistungen und den Service für die reicheren Leute in Černošice gesorgt. Wie lebendig es hier war, davon zeugt auch die Zahl der Taxifirmen – es gab hier 5-6 Taxifirmen. Heutzutage gibt es hier keine Taxifirma mehr.“

Sind mit Černošice bestimmte berühmte Persönlichkeiten aus dem Kultur- oder Wissenschaftsbereich verbunden, die hier gelebt oder gewirkt haben?

„Ja, schon. Beispielsweise Jan Jánský, der Entdecker der vier Blutgruppen, hat hier gewohnt. Oder auch die bekannten tschechischen Schauspieler Ferenc Futurista und Jiří Steimar. Steimar ließ hier eine Pension bauen. In Černošice lebte außerdem der populäre tschechische Fotograf und Bergsteiger Vilém Heckel. Auch der international anerkannte Fotograf Jan Langhans, der ein großes Fotoatelier in Prag gründete, wirkte hier. Der Fotograf der Architektur Pavel Štecha hat hier gelebt.“

In Černošice haben einst viele Industrielle sowie Künstler ihren Sommersitz gehabt. Sind einige der architektonisch interessanten Villen erhalten geblieben?

Villa von Jan Kotěra (Foto: Autorin)
„Einige schon, sie stehen heutzutage unter Denkmalschutz. Es gibt hier insgesamt acht Häuser, die unter Denkmalschutz stehen, und deren Zahl wird sich noch erhöhen. Wir haben einen Stadtplan herausgegeben, in dem die schönsten Villen mit Nummern bezeichnet sind. Es lohnt sich bestimmt, die Villen von Jan Kotěra, dem Begründer der modernen tschechischen Architektur, zu besichtigen. Die Villa, die als Nummer 9 bezeichnet ist, befindet sich in der Střední-Straße und wurde für einen Maler erbaut. Einer der Höhepunkte von Jan Kotěras Arbeit ist die Villa in der Karlštejnská-Straße, die durch den englischen Stil beeinflusst wurde. Interessant ist zudem die Villa in der Poštovní-Straße, die von Karel Stráník entworfen wurde. Der Architekt war zum Praktikum bei Le Corbusier in Paris. Hier hat Stráník eine schöne funktionalistische Villa erbaut. Das Interieur entwarf Architekt Smetana, der mehrmals in Paris war. Eine andere Villa ist das Werk des Architekten des Prager Repräsentationshauses, Osvald Polívka. Das Haus ist aus dem Grund wichtig, weil Polívka eher größere Kultureinrichtungen entworfen hatte, aber nur selten eine Villa. Diese Villa hat ein beachtenswertes Jugendstilportal. Auch in der heutigen Zeit entstehen in der Stadt ab und zu architektonisch interessante Bauwerke.“

Villa in der Poštovní-Straße (Foto: Offizielle Seite von Černošice)
Auch wenn Černošice nicht weit von Prag entfernt ist, bietet die Stadt den Bewohnern und Besuchern ein eigenes verhältnismäßig buntes Kulturprogramm an. Was steht in der nächsten Zeit auf dem Programm?

"Wir bereiten ein Jazz-Festival vor. Eine Woche lang wird hier Jazzmusik auf den Straßen, in den Kultursälen sowie in den Gaststätten erklingen. Das Festival ist inzwischen auch außerhalb von Černošice populär geworden. Ich würde sagen, dass Černošice eine Jazz-Stadt ist. Ich versuche, jeden Monat einen guten Jazzmusiker nach Černošice zu bringen. Im Gebäude des Turnvereins Sokol wurde das ´Club Kino´ eingerichtet, das nicht nur als Kino, sondern auch als Konzert- oder Vorlesungssaal dient. In der Stadt wirken eine Theater- und eine Tanzgruppe. ´Alotrium´ heißt die Gruppe historischer Fechter, die oft im Ausland auftritt. Sie initiierte das Fechterfestival ´ Černošická alotria´, zu dem Fechter aus ganz Tschechien kommen.“

Zu den verschiedenen Stadtfesten kommen aber auch Gäste aus dem Ausland, vor allem aus den Partnerstädten. Wie viele Partnerstädte hat Černošice?

„Die erste Städtepartnerschaft hat Černošice mit dem fränkischen Gerbrunn geschlossen. Zu unseren Partnerstädten gehört des Weiteren das polnische Lesnica. Vor kurzem knüpften wir Kontakte zum polnischen Bezirk Powiat Olesnicki. Zudem sind alle Partnerstädte von Gerbrunn auch zu Partnerstädten von Černošice geworden.“