Die Metamorphosen Prager Denkmäler - Ausstellung im Palais Clam-Gallas

Foto: Martina Schneibergová

Denkmäler, die namhafte Persönlichkeiten der tschechischen Geschichte darstellen, gehören einfach ins Prager Stadtbild. Meist sind sie die Dominanten auf einem der Plätze im Zentrum der Stadt. Am bekanntesten ist wohl das Wenzeldenkmal. Die Reiterstatue des Přemyslidenfürsten auf dem Wenzelsplatz hätte aber ganz anders aussehen können, hätte die Jury damals einen anderen Entwurf bevorzugt. Die Metamorphosen des Wenzeldenkmals sowie anderer Denkmäler, die die Plätze und Parks der tschechischen Hauptstadt schmücken, sie sind das Thema einer Ausstellung. Die Schau ist zurzeit im Palais Clam-Gallas in der Prager Altstadt zu sehen. Zu den 250 Exponaten gehören Gips-, Bronze- sowie Holzmodelle von Denkmälern, die von namhaften tschechischen Bildhauern geschaffen wurden. Zu sehen sind zudem zahlreiche Zeichnungen, historische Fotos und weitere einzigartige Dokumente aus den Archiven. Dazu ein Interview mit Magdalena Živná, der Koordinatorin der Ausstellung.

Clam-Gallas-Palais
Frau Živná, was war der Anlass für die Ausstellung über Prager Denkmäler des 19. Jahrhunderts?

„Es gab keinen konkreten Anlass im Sinne eines Jubiläums oder irgendeines berühmten Datums. Das Prager Stadtarchiv veranstaltet bekanntlich in seinem tollen historischen Haus, im Clam-Gallas-Palais, bereits seit zehn Jahren kulturhistorische und künstlerische Ausstellungen. Ich habe an manchen davon als Organisatorin und Koordinatorin mitgewirkt. Anfang vergangenen Jahres dachten der Direktor des Hauptstadtarchivs und ich über ein neues Thema für eine Ausstellung nach - der Zufall ergab dann, dass sich gleichzeitig ein Thema anbot, nämlich das Thema der Prager Denkmäler. In dieser dreifachen Zusammenarbeit entstand das ganze Ausstellungsprojekt, dessen Veranstalter das Prager Stadtarchiv, die Nationalgalerie und meine Agentur Noemi Arts&Media sind.“

Radetzky-Denkmal (Foto: Martina Schneibergová)
Wann sind die Prager Stadtväter auf die Idee gekommen, Denkmäler für berühmte Persönlichkeiten zu errichten?

„Was Prag anbelangt, lässt sich nicht sagen, dass man sich plötzlich dazu entschieden hätte. Das kam mit der Zeit. Schwerpunkt der Ausstellung sind also die Prager Denkmäler, allen voran natürlich das berühmteste davon, das Wenzelsdenkmal auf dem Wenzelsplatz. Die Ausstellung dokumentiert das Denkmal als öffentliches, aber auch als künstlerisches und bildhauerisches Werk. Insgesamt stammen die ersten Plastiken im öffentlichen Raum in ganz Böhmen aus den 1830er Jahren. Das allererste öffentlich in Auftrag gegebene Denkmal ist das Denkmal in Stadice / Staditz von dem berühmten Gebrüderduo Joseph und Emanuel Max, das Přemysl den Pflüger darstellt. Das ist praktisch der Auftakt oder der Anfang dieser ganzen Geschichte. Von den Gebrüdern Max dokumentieren wir auch zwei weitere, ganz berühmte Werke, die in Prag entstanden sind: das neugotische Denkmal für Kaiser Franz I. am heutigen Smetana-Ufer und das heutzutage nicht mehr existierende Denkmal für den Feldmarschall Radetzky auf dem Kleinseitner Ring. Vom Radetzky-Denkmal ist zwar die Statuengruppe im Nationalmuseum erhalten geblieben, aber das Denkmal als solches wurde 1920 beseitigt. Heutzutage gibt es Bestrebungen, es wiederaufzustellen. Wir zeigen Modelle dieser drei Werke, um an die hervorragenden deutschböhmischen Bildhauer, die Gebrüder Max, zu erinnern.“

Palacký-Denkmal (Foto: Martina Schneibergová)
Welche weiteren Werke werden in der Ausstellung vorgestellt, und inwiefern spiegeln die Denkmäler die damalige kulturpolitische Situation im Land wider?

„Den Hauptteil der ganzen Ausstellung bilden die Werke der ersten großen Generation tschechischer Bildhauer mit Josef Václav Myslbek an der Spitze, die ungefähr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schöpferisch tätig war. Diese Künstler haben sich an den heutzutage berühmtesten Prager Denkmälern beteiligt. Unsere Ausstellung trägt den Haupttitel ‚Metamorphosen der Politik’, weil speziell diese Denkmäler sowohl ein künstlerisches Werk, aber vor allem ein großes Politikum oder mindestens ein gesamtgesellschaftliches Anliegen gewesen sind. Letzteres bezieht sich darauf, dass die Auftraggeber die jeweilige Gemeinde, ein sehr reicher Mäzen oder auch Vereine waren. Wir zeigen in der Ausstellung die wichtigsten öffentlichen Ausschreibungen für Denkmäler für namhafte Persönlichkeiten der tschechischen Geschichte, Kultur und Politik. Diese Denkmäler waren ein Zeichen der aufstrebenden tschechischen Gesellschaft und sollten diese Persönlichkeiten würdigen. Oder es sollte an ihr Erbe erinnert werden. Der Reihe nach waren dies vor allem der heilige Wenzel auf dem Wenzelsplatz, das Palacký-Denkmal auf dem heutigen Palacký-Platz und das Jan-Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring. Dann kommen die weniger konfliktträchtigen, aber trotzdem sehr bekannten öffentlichen Denkmäler Prags wie etwa das Josef-Jungmann-Denkmal. In späterer Zeit entstanden auch bildhauerische Darstellungen berühmter tschechischer Künstler. Nach der ersten Welle der Politiker oder der Nationalhelden wurde ungefähr um die Jahrhundertwende auch diesen künstlerischen Persönlichkeiten Aufmerksamkeit gewidmet. Das hing natürlich auch mit der Entwicklung der Bildhauerei in Europa generell zusammen, vor allem mit dem Schaffen von August Rodin. Es geht uns hier nicht nur darum, das Öffentliche, also diese politische oder kulturpolitische oder nationalpolitische Entwicklung anhand der Denkmäler zu zeigen, sondern auch darum, das Denkmal als ein rein künstlerisches Phänomen. Und wir stellen ihre Schöpfer vor, die wichtigsten Vertreter der tschechischen Bildhauerei von ungefähr 1850 bis 1920.“

Weiß man, wie die Reaktionen der Prager auf diese berühmten Denkmäler waren? Gab es auch Streitigkeiten?

„Ja, selbstverständlich. Es gab verschiedene Streitigkeiten. Bei manchen Denkmälern, wie beispielsweise für den heiligen Wenzel, gab es Entwürfe von zwei Bildhauern: Bohuslav Schnirch und Josef Václav Myslbek. Wir zeigen die Originalmodelle von den beiden Künstlern. Schließlich setzte sich Myslbek durch, obwohl die künstlerisch interessierte Öffentlichkeit Schnirchs Entwurf bevorzugte. Die beiden Denkmalentwürfe unterscheiden sich stark in der Auffassung der Gestalt des heiligen Wenzel. Streitigkeiten gab es auch bei anderen öffentlichen Ausschreibungen, an denen mehrere Künstler teilnahmen. In der Jury stritt man darum, wer der beste sei. Oder es gab Fälle, in denen die Auftraggeber den Bildhauer zu beeinflussen versuchten. Dies gilt für das Hus-Denkmal von Ladislav Šaloun, das auf dem Altstädter Ring steht. Die Auftraggeber wollten den Bildhauer von ihren Vorstellungen überzeugen, wie das Denkmal aussehen solle. Im Fall von Hus-Denkmal gab es aber in der ganzen Gesellschaft heftige Streitigkeiten und Diskussionen. Als bekannt wurde, dass auf dem Altstädter Ring, gleich neben der Mariensäule – also einem katholischen Symbol – Jan Hus stehen solle, gab es Proteste von den beiden Seiten: Katholiken und Protestanten. Diese Proteste haben wir anhand von Briefen aus dem Prager Stadtarchiv dokumentiert. Die öffentlichen Ausschreibungen für Denkmäler sowie deren Bau hat schon einige Menschen in der Gesellschaft bewegt.“

František Bílek: Jan Hus (Foto: Martina Schneibergová)
Hat die Öffentlichkeit einige Denkmäler auch sofort akzeptiert, oder gab es immer heftige Auseinandersetzungen?

„Das Hus-Denkmal war ein Spezialfall. Aber niemand zweifelte beispielsweise daran, dass Denkmäler für František Palacký oder für Josef Jungmann errichtet werden müssten. Es gab aber noch eine einzigartige Persönlichkeit der tschechischen Bildhauerei, deren Werke Diskussionen hervorriefen. Bildhauer František Bílek hatte seine mystisch-christliche Weltauffassung, auch wenn er später das Leben etwas realistischer betrachtete. In der Ausstellung sind viele Werke von Bílek dokumentiert, darunter auch ein Denkmal, das nie realisiert wurde. Es handelte sich um ein großes Projekt, an dem sich neben Bílek auch Josef Mařatka beteiligte. Es sollte auf dem Weißen Berg am Stadtrand von Prag stehen, und die Zeichnungen, Skizzen und Modelle für dieses große Denkmal sind erhalten geblieben.“

Foto: Martina Schneibergová
Sie bieten auch ein reichhaltiges Begleitprogramm zu dieser Ausstellung an. Worauf konzentriert Sie sich dabei, und können daran auch ausländische Besucher teilnehmen?

„Das Begleitprogramm haben die Lektorinnen der Nationalgalerie erstellt. Sie wollen das Thema ‚Denkmäler’ der Öffentlichkeit auf verschiedene Art näher bringen: zum Beispiel spielerisch, wie man in diesem interaktiven Raum sehen kann. Hier können sich die Besucher selbst ein Denkmal bauen oder in einem Quiz ihre Kenntnisse über die Prager Denkmäler testen. Zudem werden Vorträge und Führungen durch die Ausstellung angeboten. Bei der Nationalgalerie kann man auch fremdsprachige Führungen bestellen. Zu erwähnen ist noch der der repräsentative gestaltete Katalog mit vielen Fotos. Außer dem tschechischen Text enthält er eine verhältnismäßig umfangreiche Zusammenfassung sowohl in Deutsch als auch in Englisch.“

Die Ausstellung ist im Clam-Gallas-Palais bis zum 5. Januar 2014 zu sehen. Mehr über die Ausstellung erfahren Sie unter www.prazskepomniky.cz.