Einkommensarmut: Immer mehr Haushalte in Tschechien haben nicht genug Geld zum Leben

In Tschechien geraten immer mehr Menschen in akute Geldnot. Derzeit ist jeder sechste Privathaushalt von Einkommensarmut betroffen, vor einem Jahr war es noch jeder zehnte. Ein neues Projekt des Tschechischen Rundfunks erforscht, wie sich Corona-Krise und Inflation auf die soziale Lage der Bevölkerung niederschlagen.

Illustrationsfoto: Russ Allison Loar,  Flickr,  CC BY-NC-ND 2.0

Die 70-jährige Jana kommt immer dienstags und freitags zur Lebensmittelbank im ostmährischen Frýdek-Místek. Ihre Rente reiche inzwischen nicht mehr für die Grundversorgung, sagt sie:

„Normalerweise kaufe ich mir Milch. Manchmal gibt es sie noch für 9,90 Kronen, aber inzwischen kostet sie schon 17,90 Kronen. Alles ist schrecklich teuer, auch Brötchen. Und wenn sie wenigstens noch eine gute Qualität hätten. Aber sie werden sofort hart. Also lege ich sie in Wasser ein und esse sie dann mit dem Löffel.“

9,90 Kronen sind 40 Euro-Cent, knapp 18 Kronen entsprechen 73 Cent. Jana kam bis vor kurzem noch mit ihrem Geld aus. Dann aber sei die Stromrechnung auf das Dreifache angestiegen:

„Ich bekomme ja Rente. Aber nun kam wegen der Stromzahlungen der Gerichtsvollzieher, und jetzt habe ich überhaupt kein Geld mehr. Dabei habe ich ein Leben lang gearbeitet.“

Illustrationsfoto: Kat Northern Lights Man,  Flickr,  CC BY-NC 2.0

So wie der Rentnerin aus Frýdek-Místek geht es immer mehr Senioren in Tschechien. Aber auch Familien mit Kindern und vor allem Alleinerziehende sind zunehmend von Einkommensarmut betroffen. Die Grenze liegt für einen alleinstehenden Erwachsenen bei 14.782 Kronen (598 Euro) im Monat. Speziell Seniorenhaushalte befinden sich derzeit in einer finanziellen Abwärtsspirale. Unter die Armutsgrenze fallen aktuell 40 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe – Ende 2021 waren es noch drei Prozent.

Dieser Trend habe eine lange Vorgeschichte, erläutert die Soziologin Martina Mysíková von der tschechischen Akademie der Wissenschaften:

Martina Mysíková | Foto:  Soziologisches Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften

„2018 lag die durchschnittliche Rente sogar unter der Armutsgrenze. Schon damals stieg die Einkommensarmut deutlich an, aber erst in der aktuellen Entwicklung werden diese hohen Zahlen erreicht. Dies betrifft vor allem Rentner, die allein leben.“

Diese Entwicklung verfolgt der Tschechische Rundfunk in einem neuen Projekt mit dem Titel „Česko 2022: Život k nezaplacení“ (Tschechien 2022: Unbezahlbares Leben). Die soziologischen Daten dazu liefert das Forschungsinstitut PAQ Research. Dieses hat schon mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie damit begonnen, eine repräsentative Kohorte von 1600 Personen langfristig zu ihrer ökonomischen und sozialen Lage zu befragen.

Dabei kam unter anderem heraus, dass sich auch immer weniger Familien mit Kindern für die Zukunft finanziell absichern können. Ihr Einkommen läge zwar noch über der Armutsgrenze. Die Ersparnisse würden aber maximal für einen Monat ausreichen, berichtet Daniel Prokop, Gründer und Leiter von PAQ Research:

Daniel Prokop | Foto: Tschechischer Rundfunk

„Dies gilt vor allem in ländlichen Gegenden, wo die Menschen in größeren Häusern leben. Sie haben inzwischen mit hohen Kosten für Gas und Energie zu kämpfen. Außerdem betrifft dies Prag. Hier wachsen die Ausgaben für Hypotheken – vor allem dann, wenn jemand keine Ratenfixierung hat. Dies macht sich besonders in der Hauptstadt bemerkbar, weil die Wohnungspreise dort enorm sind.“

So würden etwa 20 Prozent der Einwohner Prags unter der Armutsgrenze oder aber mit einem niedrigen Einkommen leben, ergänzt Prokop.

Gebäude des tschechischen Arbeits- und Sozialministeriums | Foto: Filip Jandourek,  Tschechischer Rundfunk

Das Arbeits- und Sozialministerium reagiert auf die anhaltend hohe Inflation, die derzeit bei über 14 Prozent liegt, mit Rentenanpassungen. Und es verweist auf die Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung, wie etwas das Wohngeld. NGOs hingegen kritisieren seit langem, dass die entsprechenden Anträge so kompliziert gestaltet seien, dass ein Großteil der Bedürftigen keinen Zugang zu den Sozialhilfen hat.

Rentnerin Jana aus Frýdek-Místek plagen zu alldem auch noch die Kosten für mehrere lebenswichtige Medikamente. Diese machten im Monat gut 15 Euro aus:

„Es ist schwer. Ich muss bei den Medikamenten 380 Kronen zuzahlen. Dieses Geld fehlt mir dann woanders. Aber was soll ich machen? Manchmal habe ich schon keine Lust mehr zu leben.“

Autoren: Daniela Honigmann , Jana Karasová , Iva Havlíčková
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