Einzigartiger Fund: Romanische Rotunde auf dem Kleinseitner Ring

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Die tschechische Hauptstadt ist voll mit Sehenswürdigkeiten aus den verschiedensten Epochen rühmen. Aus der Zeit der ersten Premysliden-Herrscher um das 10. Jahrhundert herum, sind jedoch nicht so viele Bauwerke erhalten geblieben wie aus den folgenden Epochen. Erst vor ein paar Jahren jedoch wurde ein romanischer Bau im Prager Stadtzentrum entdeckt.

Auf dem Kleinseitner Ring, der in der monumentalen Nikolauskirche seine Dominante hat, würde heute kaum jemand eine Rotunde suchen. Dabei hat hier eine solche einst gestanden. In unmittelbarer Nachbarschaft der Barockkirche steht das einstige Professorenhaus der Jesuiten, das im 17. Jahrhundert erbaut wurde. Das historische Gebäude gehört seit 1960 der Karlsuniversität.

Zurzeit hat hier der Lehrstuhl für Informatik der mathematisch-physikalischen Fakultät ihren Sitz. Im Herbst vergangenen Jahres wurde im Gebäude eine tief greifende Rekonstruktion sämtlicher Räumlichkeiten beendet. Während der Renovierungsarbeiten wurde eine hochinteressante Entdeckung gemacht, erzählt der Prodekan der mathematisch-physikalischen Fakultät, Antonin Kucera:

Foto: Autorin
"Zu unserer großen Überraschung wurde im Jahr 2004 ein einzigartiger Fund gemacht. Wir entschieden uns damals, die Räumlichkeiten wieder freizulegen, die in der Vergangenheit zugeschüttet wurden. Bei der Freilegung dieser Räume wurden Reste einer romanischen Rotunde gefunden. Es war zwar bekannt, dass sich irgendwo auf der Kleinseite eine Rotunde befunden haben soll, man wusste aber nicht genau, an welchem Ort."

Die Fragmente der Rotunde werden von Archäologen und Kunsthistorikern erforscht. Der Raum, wo sich die Reste des romanischen Sakralbaus befinden, ist vorläufig nicht zugänglich. In Zusammenarbeit mit Denkmalschutzexperten muss erst ein entsprechender Eingang in den Raum geschaffen werden, sagt der Prodekan:

"Der Fund ist nicht nur wegen der erhalten gebliebenen Überreste des romanischen Mauerwerks von Bedeutung, sondern auch wegen des Torsos eines romanischen Keramikpflasters mit Reliefs, das aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts stammt. Dieser Fund eines Terracotta-Bodens ist nicht nur für Tschechien, sondern auch im mitteleuropäischen Maßstab von großem Wert. Es handelt sich um einen einzigartigen Fund."

Die Fragmente der romanischen Rotunde werden auch zukünftig nicht ständig für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Das wertvolle Bauwerk wird dem Prodekan zufolge nur bei besonderen Anlässen gezeigt. Denn um das Mikroklima in dem historischen Raum zu bewahren, dürfen ihn nach Meinung der Experten nicht zu viele Menschen betreten.

Von der Existenz einer Rotunde, die auf der heutigen Kleinseite stand und dem Heiligen Wenzel geweiht wurde, hatten Kunsthistoriker bereits zuvor gewusst. Der Ort, wo sie erbaut wurde, wurde einer Legende zufolge nicht zufällig gewählt. Als der Leichnam des Heiligen Wenzel 929 aus Stara Boleslav / Altbunzlau auf die Prager Burg überführt wurde, sind die Ochsen, die den Wagen zogen, an einer Stelle unterhalb der Burg stehen geblieben, wo sich ein Gefängnis befand. Bevor die zu Unrecht eingesperrten Gefangenen nicht freigelassen wurden, konnte sich der Wagen nicht weiter bewegen, heißt es in der Legende, die die Gründung dieser St.-Wenzel-Rotunde erklärt.