„FestivAL100“: Holocaust-Überlebender Arnošt Lustig und seine humanistischen Ideen im Fokus
Das „FestivAL100“ wird im nächsten Jahr zehn Länder auf vier Kontinenten miteinander verbinden. Mit der Veranstaltungsreihe wird an den 100. Geburtstag des tschechischen Schriftstellers Arnošt Lustig (1926-2011) erinnert. Er ist vor allem als Autor von Büchern über den Holocaust bekannt, den er selbst erleben musste.
„Meine Helden sind unheroische, gewöhnliche Menschen, die vom Schicksal, der Geschichte oder dem Zufall zu unausweichlichen Entscheidungen gezwungen werden. Wer bin ich, wer bin ich nicht, was ist menschlich, was ist Mut, Ehre, Hoffnung, was ist Gewissen, Verlangen?“
Diese Aussage von Arnošt Lustig steht als Motto des Multi-Genre-Festivals „FestivAL100“. Diese Veranstaltung soll eine Geburtstagsfeier sein, die das ganze Jahr 2026 über dauern wird. Initiiert wurde die Veranstaltungsreihe von Lustigs Tochter, Eva Lustigová:
„Zuerst kam mir der Gedanke, dass Arnošt diesen Geburtstag sicher feiern würde, aber dass er nicht mehr unter uns ist. Und dass wir irgendwie feiern könnten, mit ihm und auch ohne ihn.“
Das Gute im Menschen zeigt sich in seinen Taten
Der Sinn des Festivals sei, die Menschlichkeit zu feiern, die die jetzige Welt am dringendsten brauche, sagt Eva Lustigová. Ihre Erinnerungen an ihren 2011 verstorbenen Vater sind mit einer Vision verbunden: Es gehe darum, die Verankerung von Menschlichkeit, Demokratie und zugleich der Verantwortung, die mit der Freiheit einhergehe, zu stärken:
„Seine einzige Botschaft bestand darin, den Menschen zu kultivieren. Denn, wie er zu sagen pflegte, der Mensch sei ein Tier, das sich täglich vermenschliche. Daher tun wir durch sein Werk und sein humanistisches Denken, mittels von Bildungs-, Kultur- sowie Kunstprogrammen und Ausstellungen das, was wir tun müssen, um den Menschen ein wenig zu kultivieren.“
Arnošt Lustig war ein tschechischer Schriftsteller und Publizist, der sich in seinen Werken hauptsächlich mit dem Holocaust beschäftigte. Er wurde am 21. Dezember 1926 in eine jüdische Familie in Prag geboren. Nach der deutschen Besatzung des Landes wurde die ganze Familie 1942 nach Terezín / Theresienstadt deportiert. Im September 1944 wurde Arnošt in das KZ Auschwitz-Birkenau und schließlich in das KZ Buchenwald verlegt. 1945 gelang ihm aus einem Transport zum KZ Dachau die Flucht. Bis Kriegsende versteckte sich Lustig an verschiedenen Orten. Seine eigenen Erinnerungen an die Lager und die Verfolgung verarbeitete er später in seinen Erzählungen, Novellen und Romanen. „Diamanten der Nacht“, „Nacht und Hoffnung“, „Ein Gebet für Katharina Horowitz“, „Dita Saxová“ und „Die Ungeliebte – aus dem Tagebuch einer Siebzehnjährigen“ sind die bekanntesten von ihnen.
Multigenre-Festival in zehn Ländern auf vier Kontinenten
Die Festivalveranstaltungen sind in mehrere Hauptbereiche unterteilt: Literatur, Ausstellungen, Musik und Film sowie Bildung. Blanka Návratová arbeitet im Arnošt-Lustig-Stiftungsfonds und beteiligt sich an der Organisation:
„Das Programm ist sehr umfangreich. Die Veranstaltungen sind natürlich zum großen Teil für Tschechien geplant, aber auch für weitere Länder. Insgesamt sind es zehn Länder auf vier Kontinenten, in denen an Arnošt Lustig erinnert wird.“
Eva Lustigová fährt fort:
„Wir haben etwa 50 Partner. Die wichtigsten sind die Mährische Landesbibliothek in Brünn, die Gedenkstätte des nationalen Schrifttums – Literaturmuseum in Prag und die Gedenkstätte Terezín. Darüber hinaus haben wir viele Bibliotheken als Partner. Dazu gehört etwa die Stadtbibliothek in Prag, die im Rahmen der Jubiläumsausgabe im nächsten Jahr über 20 Romane und Novellen von Arnošt Lustig digitalisieren wird.“
Jede Einrichtung habe ihre eigenen Pläne, wie sie das Jubiläum begehe, merkt Lustigová an:
„Die Gedenkstätte des nationalen Schrifttums wird beispielsweise den Archivbestand von Arnošt Lustig öffnen und gleichzeitig eine sehr anregende, umfangreiche Ausstellung mit dem Titel ‚Arnošt Lustig. Ein Zeuge des Zerfalls der Menschlichkeit‘ organisieren. Als Begleitprogramm sind mehrere Workshops geplant. Die Mährische Landesbibliothek macht die Bibliothek von Arnošt Lustig zugänglich und auch das Webportal ‚Die Welt von Arnošt Lustig‘, das für alle und natürlich besonders für Schulen zu Bildungszwecken bereit stehen wird. Außerdem wird es eine Ausstellung mit dem Titel ‚Arnošts Weg‘ geben, die auf dem gleichnamigen Comicroman von Markéta Pilátová basiert. Die großartigen Grafiken und Illustrationen wurden von Eliška Podzimková gestaltet.“
Bei der Arnošt-Lustig-Bibliothek handelt es sich im Übrigen nicht um die Büchersammlung, die Lustig selbst besaß. Viel mehr soll die Bücherei alle Werke von Arnošt Lustig umfassen, aber auch Publikationen, die über ihn oder auf Grundlage von Interviews mit ihm veröffentlicht wurden.
Arnošts Weg
Das Festival wird weltweit veranstaltet und natürlich auch in den deutschsprachigen Ländern. Für das Programmangebot in Österreich ist Blanka Návratová zuständig:
„In Österreich präsentieren wir in Zusammenarbeit mit der Universität Wien und deren Institut für Slawistik die Ausstellung ‚Arnošts Weg, Arnoštova cesta‘, und zwar in der Wiener Galerie auf der Pawlatsche. Als Begleitprogramm bieten wir in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum Wien auch eine Filmvorführung, sie findet in einem schönen städtischen Kino statt und umfasst auch eine Debatte.“
Ein großes Projekt, das eigentlich schon läuft, ist der Literaturwettbewerb „Mladí humanisté“ (Junge Humanisten).
„Dieser literarische Wettbewerb ist ein wichtiges Projekt für den Stiftungsfonds. Jetzt läuft der zweite Jahrgang, diesmal für Schulen in Brünn und in den Partnerstädten Brünns, also St. Pölten und Wien. Wir freuen uns, dass wir wirklich zahlreiche Beiträge von mehreren Schulen erhalten haben. Derzeit sind wir gerade dabei, die Sieger bekanntzugeben. Die Autorinnen und Autoren der besten Beiträge kommen dann im Februar nach Brünn, wo ihnen die Diplome feierlich überreicht werden. Zudem können sie an einer kreativen Werkstatt mit dem belarussischen Dissidenten und Dichter Dmitrij Strozew teilnehmen.“
Literaturwettbewerb „Junge Humanisten“
Das Anliegen des Literaturwettbewerbs „Junge Humanisten“ ist es, das kreative Talent von Schülerinnen und Schülern zu fördern und Toleranz, Humanismus und demokratische Werte zu stärken. Ausgangspunkt ist die Auseinandersetzung mit dem literarischen Erbe und der Lebensgeschichte von Arnošt Lustig. Die Schülerinnen und Schüler verfassen einen Essay, eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht.
„Als Thema haben wir ein Zitat von Arnošt Lustig gewählt, und zwar ‚To dobré v člověku se provojevuje činem‘ – ‚Das Gute im Menschen zeigt sich in seinen Taten‘.“
Blanka Návratová geht ebenfalls auf die Ausstellung „Arnošts Weg“ ein, die schon erwähnt wurde:
„Ich freue mich wirklich sehr auf die Ausstellung, sie basiert auf ganz wunderbaren Collagen von Eliška Podzimková und auf Texten von Markéta Pilátová. Diese beiden Künstlerinnen haben gemeinsam ein Buch herausgegeben mit dem gleichen Titel, ‚Arnošts Weg‘. Übrigens erscheint dieses Buch nächstes Jahr auch auf Deutsch, erstmals präsentiert wird es auf der Buchmesse in Frankfurt, und danach hoffentlich auch in Wien. Es ist Lustigs Biografie, künstlerisch bearbeitet. Markéta Pilátová hat zwei Jahre lang Gespräche mit Eva Lustigová geführt, und dann konnte sie die Texte für dieses Buch schreiben, die den Lebensweg von Arnošt Lustig festhalten.“
Enkelinnen
Auch in Deutschland stehe ein tolles Programm an, betont Eva Lustigová. Sie macht auf eine Veranstaltung im Haus der Wannsee-Konferenz aufmerksam. Dort wird der Film „Transport aus dem Paradies“ gezeigt, zu dem Lustig das Drehbuch geschrieben hatte. Anschließend findet eine Diskussion statt, an der sie selbst teilnimmt:
„Die Diskussion trägt den Titel „Enkelinnen“. Warum dieser Titel? Weil ich die Enkelin von Robert Gies eingeladen habe, dem ehemaligen persönlichen Sekretär von Karl Hermann Frank, dem Staatsminister im ‚Protektorat Böhmen und Mähren‘. Sie hat sich ihr ganzes Leben dafür eingesetzt, dass die Verbrechen ihres Großvaters gegen die Menschlichkeit auf irgendeine Weise juristisch verurteilt werden, da er sich einer Anklage entzogen hatte. Und ich bin die andere Enkelin, also von der anderen Seite.“
In Deutschland wird zudem ein musikalisch-lyrisches Stück aufgeführt: die Kantate „Tanz der Wahnsinnigen“. Und zwar im Juni auf dem Bachfest in Leipzig und danach in Chemnitz, im Rahmen des Themenjahrs „Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026“.
„Dabei wird das einzige Gedicht vorgetragen, das Arnošt je geschrieben hat. Ich habe es erst nach seinem Tod entdeckt. Die Verse habe ich mit Musik, mit einer Kantate von Johann Sebastian Bach kombiniert, gesungen auf Deutsch von der Opernsängerin Marie Kopecká Verhoeven, in Begleitung von renommierten Kammerorchestern.“
Im Herbst wird es dann nach Frankfurt gehen. Die Vorstellung des Buchs „Arnošts Weg“ ist allerdings nicht der einzige Programmpunkt dort:
„Auf der Buchmesse wird es einen ganzen Programmblock geben, der Arnošt Lustig gewidmet ist. Ich habe Jindřich Mann eingeladen, den Sohn von Arnošts engem Freund und Mentor, dem Schriftsteller Ludvík Aškenazy. Wir werden über unsere Beiträge für das Buch ‚Mein Weg zu unseren Deutschen‘ sprechen, das bereits auf Deutsch erschien und dieses Jahr auch auf Tschechisch veröffentlicht wird.“
Weitere Informationen zum Programm des Festivals finden sich auf der Website des Festivals https://al100.lustigfoundation.cz/. Der 100. Geburtstag von Arnošt Lustig wurde offiziell in die Liste der bedeutenden Unesco-Jubiläen für die Jahre 2026 und 2027 aufgenommen.







