Freigelegte Fresken und wiedergefundener Tabernakel: Kirche St. Maurenzen

Foto: Martina Schneibergová

In der herrlichen Landschaft des mittleren Böhmerwalds steht die romanische Kirche Sankt Maurenzen. Tschechisch wird sie Mouřenec genannt. Der Sakralbau befindet sich auf einem Hügel oberhalb des Dorfes Annín / Annatal. In einer unserer Weihnachtssendungen haben wir über die Bürgerinitiative berichtet, die sich um die Wiederbelebung der mittelalterlichen Sehenswürdigkeit bemüht.

Kirche Sankt Maurenzen bei Annín (Foto: Viktor Fiala, Wikimedia CC BY 3.0)
Sankt Maurenzen ist die zweitälteste Kirche im Böhmerwald. Sie wurde in den Jahren 1220 bis 1230 errichtet. Später wurde der ursprünglich spätromanische Sakralbau teilweise im Stil der Gotik und des Barock umgebaut. Älter als St. Maurenzen ist im Böhmerwald nur noch die St.-Peter-und-Paul-Kirche in Albrechtice / Albrechtsried, die 1179 geweiht wurde. Beim Bau von St. Maurenzen spielte das Benediktinerkloster im bayerischen Niederalteich eine tragende Rolle. Dort war Anfang des 11. Jahrhunderts Mönch Gunther tätig, der spätere heilige Gunther. Er war Begründer des Klosters Rinchnach im Bayerischen Wald. Gunther gab im hohen Alter die Leitung des Klosters ab und ließ sich als Einsiedler in der damals unbesiedelten Gegend im Böhmerwald nieder. Er starb in Dobrá Voda / Gutwasser bei Hartmanice / Hartmanitz. Vom bayerischen Kloster Niederalteich, wo Gunther zunächst tätig war, sind die Impulse für die Errichtung der ersten Kirchen im Böhmerwald ausgegangen, erzählt Lukáš Milota. Er ist Begründer einer Initiative, die sich um die Wiederbelebung von Sankt Maurenzen bemüht. Zudem führt er Interessierte durch den Sakralbau:

Mönch Gunther (Foto: Ondrej.konicek, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Höchstwahrscheinlich stand hier ursprünglich eine Holzkirche oder eine Kapelle, die der Benediktiner Gunther erbauen ließ. Gunthers Schüler aus Niederalteich initiierten dann den Bau der spätromanischen Kirche. Bauelemente aus dieser Zeit sind bis heute zu erkennen – beispielsweise gibt es hier kleine romanische Fenster. Die Kirche ist ein einschiffiger Bau mit einem Chor, einem Turm und einer Apsis. Das ursprünglich niedrigere Langhaus hatte einst einen quadratischen Grundriss. Die heutige Form ist länglich. Ursprünglich konnte man die Kirche durch das Portal vom Süden aus betreten. Aus der Epoche der Gotik sind wertvolle Fresken an der Nordwand sowie in der Apsis erhalten geblieben. Gotisch ist auch die Glocke, sie stammt aus dem Jahr 1329 und ist sehr wertvoll. Die Glocke hat die beiden Weltkriege überdauert und auch die kommunistische Zeit. Damals wurde die Kirche ihrem Schicksal überlassen und verkam dabei allmählich fast zur Ruine.“

Kirche Sankt Maurenzen (Foto: Martina Schneibergová)
Die älteste schriftliche Erwähnung der Kirche St. Mauritius oder Maurenzen stammt von 1384. Sie ist in der Gründungsurkunde der Siedlung Nové Městečko / Neustadtl genannt. Dort steht, die Gemeinde im Otava-Tal gehöre zum Pfarrsprengel Sankt Maurenzen. Jahrhunderte lang blieb Maurenzen eine Pfarrkirche. Der zugehörige Bezirk war einst sehr groß, er reichte bis nach Prášily / Stubenbach. Am Fuße des Bergs, auf dem die Kirche steht, gab es früher auch ein Pfarramt. Bei schlechtem Wetter im Winter las der Pfarrer die Messe dort in einer kleinen Kapelle. Unten im Tal wurde auch eine Schule errichtet, in deren Klassenräumen im 19. Jahrhundert rund 170 Kinder unterrichtet werden konnten.

Die Kirche wurde geschlossen (Foto: Vladimír Černý, Archiv des Förderkreises zur Erhaltung von St. Maurenzen)
Über das Leben im Pfarrbezirk Maurenzen bestehen seit Ende des 17. Jahrhundert schriftliche Zeugnisse. Alle Matrikeln aus der Zeit von 1683 bis zum Zweiten Weltkrieg sind erhalten geblieben. Darin sind zum Beispiel alle Geborenen und Verstorbenen notiert, sowie die Hochzeiten und die dortigen Pfarrer. Nach dem Kriegsende wurde der Großteil der deutschsprachigen Bevölkerung des Böhmerwalds vertrieben. Bis Anfang der 1960er Jahre zelebrierte ein tschechischer Pfarrer die Gottesdienste in Sankt Maurenzen. Danach wurde die Kirche geschlossen. Einige Male brachen aber Diebe ein und stahlen Gegenstände.

Nach der Wende von 1989 gelang es, die Kirche sowie den Friedhof dank dem Engagement der ehemaligen Bewohner der Region instand zu setzen. Sie wurde 1993 wieder geweiht. Auch konnten wertvolle Fresken in der Kirche freigelegt werden. Lukáš Milota:

Fresken an der Nordwand (Foto: Martina Schneibergová)
„An der Nordwand besteht ein Zyklus des Jüngsten Gerichts. In der Mitte der Komposition ist die Christusfigur gut zu erkennen. Er zeigt dem Betrachter seine Wunden. Links zu seiner Seite kniet Johannes der Täufer, rechts die Jungfrau Maria. Von den Aposteln sind nur noch sechs Figuren erhalten geblieben. In einem weiteren Teil der Wandmalerei ist der Erzengel Michael abgebildet, der in einer Hand die Waage und in der anderen ein Schwert hält. Das Motiv des Erzengels Michael, der die Seelen wiegt, ist für die Böhmischen Länder nur selten belegt. Auf der einen Seite sind zwei Teufel zu sehen, die versuchen, die Seelen mit in die Hölle zu nehmen. Daran kann sie aber die Jungfrau Maria hindern, die an der anderen Seite der Waagschale steht. In der Ecke der Wandmalerei sind zudem drei gut gekleidete Personen dargestellt, die drei Auferstehende treffen. Dieses Motiv beruht auf einer Legende aus dem 13. Jahrhundert, in der die drei Könige drei Toten begegnet sind.“

Lukáš Milota (Foto: Martina Schneibergová)
Zwischen der einen und der anderen Personengruppe befinden sich Spruchbänder, die Texte sind jedoch nicht erhalten geblieben. Über dieser Darstellung sind Heiligenfiguren und Ritter im Harnisch abgebildet. Es wird vermutet, dass einer davon der heilige Moritz oder Mauritius ist, also der Schutzheilige dieser Kirche. Auch die Klosterkirche im Benediktinerstift Niederalteich war diesem Heiligen geweiht. Ganz oben wurde ein Marienzyklus gemalt, diese Fresken sind jedoch stark beschädigt. Der Kunsthistoriker Jan Royt von der Prager Karlsuniversität vermutet, dass dort die Verkündung an Joachim, die Anbetung der drei Könige und weitere Szenen dargestellt sind. Diese Fresken stammen aus dem Jahr 1310. Lukáš Milota ergänzt:

„Etwas jünger ist die Freske in der Apsis. Sie stammt aus den 1350er oder 1360er Jahren und stellt die Kreuzigungsszene dar. Zu erkennen sind kleine Figuren, die Christus ans Kreuz schlagen. Die Darstellung mit den kleinen Gestalten ist in Böhmen nirgendwo belegt worden. Professor Royt zufolge sollen die drei Figuren die drei Tugenden Christi symbolisieren: die Liebe, den Gehorsam und die Barmherzigkeit. Dies wird so gedeutet, dass Christus am Kreuz starb, weil er sich durch seine Tugenden stark von den anderen unterschied.“

Tür des Tabernakels (Foto: Martina Schneibergová)
Während der kommunistischen Zeit wurden Kirche und Friedhof ihrem Schicksal überlassen. In diesen Jahren sind einige Teile der Inneneinrichtung gestohlen worden. Vor kurzem wurde jedoch ein Stück des historischen Mobiliars von Sankt Maurenzen wiedergefunden. Lukáš Milota:

„Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass jemand bei einer Internetauktion einen Teil des Altars von Sankt Maurenzen anbietet. Auf dem Artefakt waren das Wappen der Baronin von Andlaw und die Jahreszahl 1703 zu sehen. Es handelte sich um die Tür des Tabernakels. Wir haben in Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden versucht, die Auktion zu stoppen. Dies gelang jedoch nicht. Deswegen entschloss ich mich, den historischen Gegenstand selbst für 6300 Kronen für die Kirche zu ersteigern. Ich hoffe, dass nun das, was einst nach Sankt Maurenzen gehörte, wieder dort installiert wird.“

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