Fußball-EM: Rosický hofft auf Wiederholung des Turnierverlaufs von 1996

Tomáš Rosický (Foto: ČTK)

Seit sechs Tagen zieht sie nicht nur Fußballverrückte und sportinteressierte Menschen in ihren Bann: die Endrunde der Fußball-Europameisterschaft 2012, die dieser Tage in Polen und der Ukraine ausgetragen wird. Für diese EM hat sich auch die tschechische Nationalmannschaft qualifiziert. Und das zum fünften Mal in Folge seit der Teilung der Tschechoslowakei im Jahr 1993. Seitdem kehrte das tschechische Team bei jeder zweiten Endrunde mit einer Medaille nach Hause. Und diesmal? Schon in den Gruppenspielen zeigte sich, dass die Trauben für Čech, Rosický und Co. bei dieser EM besonders hoch hängen.

Golden Goal von Oliver Bierhoff (EM-Finale 1996)
Bei den bisherigen 13 Fußball-Europameisterschaften haben neun Länder zumindest einmal den Titel gewonnen, darunter die Tschechoslowakei im Jahr 1976. Erfolgreicher als die anderen sechs Nationen waren nur Deutschland mit drei Titeln sowie Frankreich und Spanien mit je zwei Pokalgewinnen. Seit der Trennung von den Slowaken standen aber auch die Tschechen schon zweimal kurz davor, sich als selbständiger Staat den Pott zu holen: 1996 unterlagen sie aber im Londoner Endspiel den Deutschen durch das Golden Goal von Oliver Bierhoff mit 1:2 nach Verlängerung. Acht Jahre später bei der EM in Portugal zelebrierten sie lange Zeit den schönsten Fußball. Im Halbfinale scheiterten sie jedoch an der Betonabwehr des späteren Europameisters Griechenland und mussten sich nach dem Silver Goal von Traianos Dellas zu Ende der ersten Verlängerung mit der Bronzemedaille zufrieden geben.

Tschechische Mannschaft (Foto: ČTK)
Bei den EM-Endrunden vor und nach Portugal – 2000 in Belgien und den Niederlanden sowie 2008 in Österreich und der Schweiz – war für die Tschechen jedoch stets schon nach der Gruppenphase Endstation. Nach den weniger erfolgreichen Turnieren ist man jetzt aber wieder acht Jahre vom letzten größeren Erfolg einer tschechischen Mannschaft entfernt. Ein gutes Omen für die Kicker um Kapitän Tomáš Rosický und Champions-League-Sieger Petr Čech, könnte man meinen. Doch bereits in der Qualifikation zu dieser Endrunde wurde sichtbar, dass es um die Qualität der tschechischen Nationalmannschaft nicht mehr besonders gut bestellt ist. Nur mit Mühe und viel Glück – beim entscheidenden Gruppenspiel in Glasgow gegen Schottland verwandelte Bundesliga-Profi Michal Kadlec erst in der Schlussminute einen fragwürdigen Foulelfmeter zum 2:2-Endstand – schafften die Schützlinge von Auswahltrainer Michal Bílek die Endrunden-Teilnahme. Und vor dem ersten Anstoß kam ein weiterer Glücksmoment hinzu: Bei der Auslosung der Vorrunden-Gruppen wurde Tschechien in die vermutlich leichteste Gruppe A mit Co-Gastgeber Polen, Griechenland und Russland gelost. Zudem darf das tschechische Team alle drei Gruppenspiele im ziemlich grenznahen Breslau austragen. Daher herrschte unter den mehr als 10.000 tschechischen Fans kurz vor dem Anpfiff des Auftaktspiels am vergangenen Freitag gegen Russland auch große Euphorie.

Tomáš Rosický (Foto: ČTK)
Gleich nach dem Verklingen ihrer Nationalhymne legten die tschechischen Fußballer dann auch los wie die Feuerwehr und waren zu Beginn das aktivere Team. Ab dem 0:1 durch Alan Dsagojew in der 15. Spielminute aber gaben die Tschechen die Partie aus der Hand. Das musste danach auch Tomáš Rosický eingestehen:

„Ich denke, wir haben so begonnen, wie wir es vorhatten: Wir waren sehr aktiv und wollten die Russen nicht ins Spiel kommen lassen. Das ist uns aber nur bis zum ersten Gegentor gelungen. Danach setzten die Russen ihre Taktik immer besser um: Sie warteten auf unsere Fehler, von denen wir eine Menge gemacht haben, und bestraften sie mehrfach nach tödlichen Kontern.“

Sergei Ignaschewitsch und Václav Pilař (Foto: ČTK)
Einen dieser Konter schlossen die Russen schon neun Minuten nach der Führung erfolgreich ab, so dass sie mit einem Zwei-Tore-Polster in die Kabine gingen. Die Vorentscheidung? Mitnichten, denn nach dem schnellen Anschlusstor durch Václav Pilař (52.) kam zu Beginn der zweiten Halbzeit wieder Stimmung auf unter den tschechischen Fans.

Die Freude über das tolle Tor des kleinen Mittelfeldspielers war jedoch nur von kurzer Dauer. Danach nahmen erneut die Russen das Zepter in die Hand und bestraften die großen Lücken in der tschechischen Abwehr gnadenlos mit zwei weiteren Treffern zum 4:1-Endstand. Der Cleverness der Russen zollte dann auch Rosický Anerkennung:

Michal Bílek (Foto: ČTK)
„Wir haben einfach zu viele Fehler gemacht. Aus denen haben die Russen ihre Chancen und Tore kreiert. Ich denke, es war zu sehen, dass sich ihre Erfahrenheit heute durchgesetzt hat.“

Trainer Bílek wiederum kritisierte nach dem Spiel das Fehlverhalten seiner Schützlinge:

„Wir waren drauf und dran, das Spiel zu kippen, haben das Anschlusstor zum 1:2 erzielt, aber anstatt weiter gefährlich nach vorn zu spielen, haben wir im Spielaufbau zu viele Bälle leicht verloren. Das hat uns enorm Kraft gekostet und der Gegner hat uns wie in der ersten Halbzeit für diese Fehler hart bestraft. So kam diese empfindliche Niederlage zustande.“

Foto: ČTK
Empfindlich und verärgert reagierten auch die tschechischen Fans kurz vor dem Abpfiff auf das ungeordnete Spiel ihrer Lieblinge. Mit „Bílek raus“-Rufen quittierten sie die unterm Strich anfängerhafte Vorstellung ihres Teams, für die sie besonders den hierzulande nicht sehr geschätzten Nationaltrainer verantwortlich machten.

Vom Spielverlauf und dem Ergebnis enttäuscht war auch der tschechische Torschütze Václav Pilař:

„Als wir zum 1:2 verkürzen konnten, hat mich das Tor eine Weile erfreut. Aber danach haben die Russen noch zwei Tore gemacht, und das stimmt mich natürlich überhaupt nicht froh.“

Foto: ČTK
Die tschechische Mannschaft startete also mit einem Debakel in diese EM-Endrunde. Die Art und Weise, wie die Niederlage zustande kam, war durchaus deprimierend. Auf Journalistenfragen, ob dies der Mannschaft nicht einen psychologischen Knacks gebe, antwortete Kapitän Rosický jedoch wiederholt gelassen:

„Ich befürchte keine Niedergeschlagenheit bei uns, denn wir haben diese Situation mehrfach während der Qualifikation kennengelernt. Das Team weiß genau, wie sich das anfühlt, aber ebenso, wie man darauf reagieren muss.“

Miroslav Pelta
Und eine erste Reaktion aus dem engeren Umfeld der Mannschaft gab es gleich beim ersten Training nach der Pleite. Zu diesem Training hatte sich auch Verbandspräsident Miroslav Pelta eingefunden. Er sprach davon, dass man nun vor dem Duell mit Griechenland alle Kräfte mobilisieren müsse, um ein vorzeitiges Scheitern bei der EM-Endrunde zu verhindern. Trotz der herben Schlappe im Auftaktspiel zollten die vorwiegend polnischen Zuschauer dem tschechischen Team während des Trainings mehrfach aufmunternden Beifall. Zur Begegnung selbst am Dienstag waren dann auch wieder tausende Fans aus Tschechien angereist, um ihre Mannschaft leidenschaftlich zu unterstützen:

José Holebas und Petr Jiráček (Foto: ČTK)
„Wir wollen ein Tor“, riefen die Zuschauer und wurden sofort erhört. Denn schon nach sechs Minuten konnten Petr Jiráček und Václav Pilař zwei schnelle Angriffe der Tschechen mit Toren abschließen, so dass sie sehr früh mit 2:0 in Führung gingen. Eine Führung, von der sie dann auch das ganze Spiel über zehren konnten. Erst recht, als Torwart Petr Čech mit einem groben Schnitzer den harmlosen Griechen das Tor zum 1:2-Anschluss förmlich auflegte. Danach mussten die Tschechen noch ein wenig um den Sieg zittern, der aber von den Hellenen nicht ernsthaft in Gefahr gebracht wurde. Mit dem Schlusspfiff jubelte daher auch der tschechische TV-Reporter:

Pavel Čapek (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Es ist geschafft. In diesem Augenblick hat die Tschechische Republik die ersten drei Punkte bei der EM 2012“, verkündete TV-Kommentator Pavel Čapek freudetrunken. Auch der Torschütze zum 1:0, der für Wolfsburg spielende Petr Jiráček, strahlte nach dem Abpfiff bis über beide Ohren:

„Natürlich gibt das Auftrieb, wenn man so früh ein Tor erzielt, da spielt jeder Spieler gleich etwas besser. Ich bin aber vor allem froh, dass das Tor uns als Mannschaft geholfen hat, von daher war es sehr wichtig.“

Und auch der zweite Torschütze, der ebenfalls bald in Wolfsburg spielende Václav Pilař, zeigte sich nach der Partie gelöst und zufrieden:

Konstantinos Katsouranis und Václav Pilař (Foto: ČTK)
„Ich bin froh, dass ich treffe und damit dem Team zu dem Erfolg verhelfe, den wir alle wollen. Heute wollten wir unbedingt den Sieg und haben alles dafür getan. Und weil er uns gelungen ist, sind wir jetzt alle glücklich.“

Das waren nach dem Abpfiff auch die tschechischen Fans, die ihr Team danach noch minutenlang feierten. Petr Jiráček aber richtete bereits den Blick nach vorn:

„Jetzt dürfen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, zumal wir wissen, wie hart wir für den Sieg kämpfen mussten. Wir müssen uns sofort auf das letzte Gruppenspiel gegen Polen konzentrieren. Das ist ein ungemein wichtiges Match, das wir meistern müssen.“

Foto: ČTK
Stets optimistisch geblieben ist Tomáš Rosický. Nach der Auftaktniederlage gegen Russland meinte er bereits:

„Das kann halt passieren. Bei der WM und EM, die ich zuletzt gespielt habe, haben wir das erste Spiel gewonnen, danach aber zweimal verloren. Vielleicht läuft es ja diesmal genau andersherum.“

So wie im Jahr 1996, als die tschechische Mannschaft mit Pavel Nedvěd, Karel Poborský und Pavel Kuka ihr EM-Auftaktspiel gegen Deutschland mit 0:2 verlor, nach dem folgenden 2:1-Sieg über Italien und dem 3:3 gegen Russland dann aber bis ins Finale vorstieß. Ob Rosický seinem Team für ein ähnliches Wunder aber noch helfen kann, bleibt abzuwarten. Im Spiel gegen Griechenland wurde er bereits zur Halbzeit wegen Schmerzen an der Achillessehne ausgewechselt. Die Fans aber freuen sich schon jetzt auf das Gruppen-Endspiel am Samstag gegen Polen.

Autor: Lothar Martin
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